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MAHNMALE »Trauer ohne Scham«

aus DER SPIEGEL 7/1998

Der Berliner Historiker Jürgen Kocka, 56, zum Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal

SPIEGEL: In einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl, den Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen und Mitinitiatorin Lea Rosh sprechen sich prominente Intellektuelle gegen das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin aus. Neben Günter Grass, Marion Gräfin Dönhoff oder Peter Schneider haben auch Sie unterzeichnet. Warum?

Kocka: Es ist eine gute Idee, ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zu haben. Allerdings: Die Formen, die bisher gefunden worden sind, dienen diesem guten Zweck nicht. Es ist besser, kein Denkmal zu haben als ein schlechtes.

SPIEGEL: Warum halten Sie die vier ausgewählten Entwürfe für gescheitert?

Kocka: Ein Holocaust-Denkmal in Deutschland muß nicht nur Entsetzen und Trauer ausdrücken, sondern auch Scham. Ohne Scham kann man als Deutscher an diese Untaten nicht denken. Ich bezweifle, daß die jetzt ausgewählten Entwürfe in ihrer Monumentalität Scham ausdrücken. Deshalb wirken sie auf viele peinlich.

SPIEGEL: Ist die Aufgabe, ein Mahnmal zu schaffen, überhaupt lösbar?

Kocka: Die Kunst allein verfügt offenbar nicht über genügend Mittel für ein solches Denkmal. Schließlich muß es ja auch noch an die Taten der Verantwortlichen erinnern. Und das geht nur über den Kopf, mit der Anstrengung des Gedankens. Dazu benötigt man aber Informationen und Erklärungen. Kunst allein kann das nicht.

SPIEGEL: Wer dann?

Kocka: Damit das Denkmal ein Denk-Mal wird, muß es mit einem Ort der Dokumentation und Aufklärung verbunden sein - beispielsweise mit der »Topographie des Terrors«, dem Dokumentations- und Ausstellungszentrum zur NS-Vergangenheit, das mitten in Berlin entsteht. Hier könnte ein Denkmal ein guter und würdiger Ort der Sammlung und des Gedenkens sein. In enger Nachbarschaft mit der »Topographie des Terrors« wirkte es nicht so gewollt und zusammenhangslos - und damit auch nicht so demonstrativ und penetrant. Wenn Denkmäler zum Denken anregen sollen, dann dürfen sie sich nicht mit einer abstrakten Symbolik begnügen, die jeder anders versteht und keiner richtig.

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