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Spiegel des 20. Jahrhunderts Traum von der Rückkehr

DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE: Die Kriege um Israel
aus DER SPIEGEL 7/1999

Von Tom Segev

Edmund Allenby benötigte gut vier Monate, um den südlichen Teil Palästinas zu erobern. Eigentlich war das nicht viel Zeit, bedenkt man die historische Bedeutung seiner Mission: nach 400 Jahren osmanisch-islamischer Herrschaft wieder eine christliche Regierung im Heiligen Land zu etablieren.

Als der Winter kam, war der britische General sogar gezwungen, seine Soldaten noch schneller voranzutreiben. Dabei gab es hierzu keinen militärischen Grund: Premier David Lloyd George wollte lediglich Jerusalem »vor dem Weihnachtsfest« einnehmen.

Man schrieb das Jahr 1917. Der Krieg in Europa lief nicht besonders gut für Großbritannien, die Glocken hatten in den letzten drei Jahren nicht mehr geläutet. Die Eroberung Jerusalems wurde benötigt zur Anhebung der Moral. Allenby erledigte seinen Auftrag termingerecht: am 9. Dezember.

Die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts weist ähnliche Eigentümlichkeiten in Hülle und Fülle auf. Zusammengenommen reflektieren sie den irrationalen Charakter der wohl am längsten anhaltenden internationalen Konfrontation in diesem Jahrhundert. Nicht nur politische, strategische und wirtschaftliche Interessen schüren die Auseinandersetzung, sondern auch Angst und Eifersucht, Glaube und Vorurteile, Mythen und Illusionen.

Die Briten kamen ins Land, um die Osmanen zu schlagen; sie blieben, damit es die Franzosen nicht erhielten; und sie übergaben es der zionistischen Bewegung, weil sie die Juden bewunderten und gleichzeitig auf sie herabsahen, aber vor allem, weil sie sich vor ihnen fürchteten. Sie glaubten, daß die Juden die Welt beherrschten.

Einen Monat vor Allenbys Einmarsch hatte Großbritannien in der Balfour-Erklärung seine Bereitschaft geäußert, für ein jüdisches Palästina einzutreten (Seite 127). Zwar war die Formulierung ungenau, dennoch bestand kein Zweifel, daß ein Staat gemeint war.

Die Militärs vor Ort warnten ihre Staatsmänner in London davor, sich dieses Ei ins Nest zu legen: Es bestehe kaum Aussicht, aus dem zwischen Juden und Arabern zu erwartenden Konflikt unbeschadet davonzukommen. Palästina sei für die Verteidigung des Imperiums nicht nötig, und das Bündnis mit der arabischen Welt sei auf jeden Fall vorzuziehen, schrieben sie. Doch Premierminister David Lloyd George dachte ganz anders.

Lloyd George gehörte zu jenen Briten, die mit der Bibel aufgewachsen waren. Die Rückkehr der Juden in ihr Land im Geist der zionistischen Bewegung war in seinem religiösen Glauben tief verankert. Seine politische Überlegung aber hatte ihre Wurzeln im britischen Antisemitismus.

»Die jüdische Rasse«, erklärte Lloyd George in seiner Autobiographie, habe weltweiten Einfluß sowie die Fähigkeit, Entschlossenheit und Absicht, das Ergebnis des Krieges zu bestimmen. Die Juden handelten, seinen Worten zufolge, in Übereinstimmung mit ihren finanziellen Interessen. Ihre Freundschaft werde für Großbritannien von Vorteil sein, ihre Feindschaft hingegen dem Imperium schaden. England habe daher nie wirklich eine Wahl gehabt: Es habe den »Pakt mit dem Judentum« schließen müssen. Dabei umfaßte die zionistische Bewegung zu jener Zeit nur eine kleine Minderheit der Juden; die meisten standen abseits.

Seit der Wiener Journalist Theodor Herzl Ende des vorigen Jahrhunderts unter Einfluß des europäischen Nationalismus und Liberalismus die zionistische Bewegung ins Leben gerufen hatte, waren die Zionisten darum bemüht, ihr Schicksal mit einem der großen europäischen Imperien zu verknüpfen. Für eine Weile warben sie sogar um die Gunst des deutschen Kaiserhofs. Sie betrachteten sich als Teil der europäischen Kultur. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Geschichte des Zionismus - und zum großen Teil auch die des Staates Israel - ein Ausschnitt der europäischen Geschichte.

Die Zionisten stützten sich auf die Annahme, alle Juden seien, egal wo sie sich befänden, ständig der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt und bräuchten daher ihren eigenen Staat - in Palästina. Sie waren bemüht, dort schon vorher eine jüdische Bevölkerungsmehrheit zu schaffen. Zu Beginn des britischen Mandats war nur jeder zehnte Einwohner ein Jude, am Ende der knapp 30jährigen Herrschaft schon jeder dritte.

In dieser Zeit erwarben die Juden von den Arabern Boden, erbauten Hunderte Dörfer und etliche Städte. Sie entwickelten politische Institutionen und ein selbständiges Gerichtswesen, bauten Industrie und Streitkräfte auf, errichteten Wohlfahrts- und Gesundheitsdienste. Ihre bedeutendste nationale Errungenschaft jedoch lag in der Erziehung der Massen - in neuhebräischer Sprache. Gerade der Bildungsboom trug allerdings wesentlich zur Vertiefung der Kluft zwischen ihnen und der arabischen Bevölkerung bei.

Als die Briten Palästina 1948 verließen, konnten dort nur drei von zehn arabischen Kindern lesen und schreiben, hingegen besuchten fast alle jüdischen Kinder die Schule. Das mag mit eine Erklärung dafür sein, daß die Juden im Unabhängigkeitskrieg siegten.

Das Nationalbewußtsein der palästinensischen Araber erwachte mit einer gewissen Verzögerung, ist jedoch wesentlich älter, als allgemein angenommen wird. Erste Proteste gegen die Einwanderung von Juden nach Palästina sowie gegen deren Kauf von Grund und Boden fanden bereits Ende des vorigen Jahrhunderts statt.

Die palästinensischen Araber betrachteten die Juden als Eindringlinge und Kolonialisten. Da waren nun zwei Völker, die ihre nationale Identität mit demselben Land verbanden - ein Krieg zwischen ihnen schien schon damals unvermeidlich.

Während der britischen Mandatszeit gab es etliche Vorschläge über ein Zusammenleben. Die Araber forderten Unabhängigkeit sowie eine Regelung nach Mehrheitsbeschluß - zu jener Zeit verfügten sie noch über eine große Mehrheit im Lande. Die Juden dagegen schlugen vor, die Herrschaft gleichmäßig aufzuteilen, eine Hälfte der arabischen Gemeinde, die andere der jüdischen, ohne dabei deren Stärke zu berücksichtigen.

Auch von einer Aufteilung des Landes zwischen Juden und Arabern war die Rede. Diese Überlegung schien den Briten eine Weile lang akzeptabel, sie paßte auch zur Tendenz der Zionisten, sich von den Arabern abzugrenzen. Beide Seiten lehnten diesen Gedanken jedoch ab, entweder weil sie das gesamte Land für sich beanspruchten oder weil eine Einigung über die Grenzverläufe unwahrscheinlich war.

Bei den Juden unterstützten bedeutende Intellektuelle, darunter Martin Buber, die Idee einer Koexistenz beider Bevölkerungsgruppen in einem binationalen Staat. Zu ihnen gehörte der damalige Kanzler der Hebräischen Universität, Juda L. Magnes, geboren in San Francisco und ausgebildet in Heidelberg. In den Augen vieler Juden galt er aber als Verräter, und zu seiner großen Enttäuschung fand der Gedanke auch unter den Arabern nur wenige Anhänger.

Eines Abends war Magnes Gast bei einer Feier im Haus eines der Führer der arabischen Gemeinde. Unter den Anwesenden befand sich auch der bekannte palästinensische Pädagoge und Schriftsteller Chalil el-Sakakini. Um Magnes zu verdeutlichen, warum er dessen binationale Idee nicht akzeptieren könne, erzählte er diesem eine arabische Parabel:

Ein Mann reitet auf seinem Esel und sieht einen anderen, der zu Fuß geht. Er lädt ihn ein, mit aufzusteigen. Der Fußgänger klettert auf den Esel und bemerkt: »Wie flink doch dein Esel ist!« Sie reiten eine Weile weiter, und der Fremde sagt: »Wie flink doch unser Esel ist.« Da entgegnet ihm der Besitzer des Tieres: »Steig ab!« Verwundert fragt der Gast nach dem Grund und bekommt die Antwort: »Ich fürchte, du wirst bald sagen: Wie flink doch mein Esel ist.«

Der binationale Gedanke verlangt von beiden Völkern, auf ihre nationale Identität zu verzichten - das ist der Grund, warum er keine Aussicht auf Verwirklichung hatte und hat.

Das Gegenteil einer binationalen Koexistenz war, die Palästinenser aus dem Land zu vertreiben und sie in anderen arabischen Ländern anzusiedeln. Die Verfechter dieses »Transfer«-Gedankens meinten damit einen ähnlichen Bevölkerungsaustausch wie zwischen Griechen und Türken in den zwanziger Jahren.

Die Engländer befürworteten diese Idee eine Weile ebenso wie einige Führer der zionistischen Bewegung, darunter David Ben-Gurion. Bis heute tritt die Knessetpartei Moledet (Heimat) dafür ein - die meisten Israelis sind jedoch dagegen. Die Transfer-Version extremistischer Araber lautet: »Werft die Juden ins Meer.«

Unvermeidlich wurde der Konflikt zwischen Israel und Arabern immer schärfer. Es mangelte an Krisenmanagement, denn nicht reale Interessen standen im Vordergrund, sondern irrationale Faktoren.

Während der ersten Hälfte des Jahres 1949 erhielt Israel vom syrischen Präsidenten Husni el-Seim den Vorschlag zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags. Die Syrer wollten die Kontrolle über den halben See Genezareth. Als Gegenleistung erklärten sie sich einverstanden, etwa 300 000 palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen. Der syrische Präsident schlug eine Begegnung mit David Ben-Gurion vor.

Israels Ministerpräsident machte dieses Treffen jedoch von einem Rückzug der Syrer aus Gebieten abhängig, auf die Israel - in Übereinstimmung mit der internationalen Grenzlinie - Anspruch erhob. Dies war, soweit bekannt, das letzte Mal, daß die Syrer zu einer solchen Begegnung bereit waren. Ihre Initiative blieb ergebnislos, und wenige Monate später wurde Seim ermordet.

Ben-Gurion ging davon aus, daß sich die Frage der palästinensischen Flüchtlinge mit der Zeit von selbst erledigen würde: Die meisten dieser Menschen würden in die arabischen Staaten integriert werden, ein Teil würde sterben oder auswandern und seine Heimat vergessen. Das war einer seiner größten Irrtümer.

Die arabischen Staaten weigerten sich nämlich, die Flüchtlinge anzusiedeln. Je länger ihr Exil fortdauerte, desto ausgeprägter wurde ihr Nationalbewußtsein. Daß eine solche Entwicklung zu erwarten sei, war Ben-Gurion bekannt. Er jedoch schlug alle Warnungen in den Wind und berücksichtigte weder die kohäsiven Kräfte des Exils noch den Zauber des Traums von einer Rückkehr. Dies war um so erstaunlicher, als er selbst sein ganzes Leben der nationalen Idee seines eigenen Volkes gewidmet hatte - er pflegte zu erzählen, er habe sein zionistisches Bewußtsein im Alter von drei Jahren entdeckt.

Im Mai 1967 machte sich in Israel tiefe Existenzangst breit. Nassers Ägypten, so glaubte man, schicke sich an, »Israel zu vernichten«, nicht etwa nur zu erobern oder zu zerstören. So sprach und schrieb man damals in Israel, und das war kein Zufall.

»Vernichtung« ist ein Ausdruck, der sich im kollektiven Bewußtsein der Israelis mit der Ermordung der Juden im Holocaust verbindet. So machten sich denn Rabbiner damals auf den Weg zu Fußballplätzen und öffentlichen Parkanlagen, um diese zu Friedhöfen zu weihen. Man rechnete mit Hunderttausenden von Toten. Nur wer schon einen Holocaust erlebt hat, kann sich solchermaßen auf den nächsten vorbereiten. Mag sein, daß diejenigen Israelis, die an einem Krieg interessiert waren - in der Politik und vor allem im Militär - die allgemeine Panik absichtlich förderten, dennoch kann kein Zweifel daran bestehen: Die Todesangst war echt.

Dabei ist es nicht leicht, zwischen den authentischen Holocaust-Gefühlen der Israelis und der manipulativen Holocaust-Argumentation, deren sich israelische Politiker mehr als einmal bedienten, zu unterscheiden. Wer dies fertigbringt, besitzt den Schlüssel zum Verständnis der israelischen Gesellschaft.

Premier Menachem Begin schrieb 1982 an Präsident Reagan, er habe die israelische Armee nach Beirut geschickt, um Adolf Hitler in seinem Bunker gefangenzunehmen - er meinte Jassir Arafat. Dies war eine der zahllosen Gelegenheiten, bei denen sich Begin des Holocaust manipulativ bediente.

Die Holocaust-Angst, die sich 1967 in Israel breitmachte, gehörte mit zu den Ursachen jenes Krieges, in dem Israel Gebiete Ägyptens, Jordaniens und Syriens eroberte und bis heute besetzt hält.

Rückblickend könnte man sagen, die Herrschaft über diese Gebiete habe Israel kaum mehr Nutzen gebracht als seinerzeit den Briten die Herrschaft über Palästina. Ebenso wie das britische Mandat reflektierte auch die israelische Kontrolle über das Westjordanland und den Gaza-Streifen etwas inhärent Irrationales.

In den vergangenen 50 Jahren vollzog sich in Israel eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten dieses Jahrhunderts. Etwa drei Millionen Einwanderer aus nahezu hundert verschiedenen Herkunftsländern, Dutzende verschiedener Sprachen sprechend, schmolzen zu einer neuen Gesellschaft zusammen, die ihre ganz eigene, von anderen Ländern völlig unterschiedliche Identität besitzt. Israel wird in naher Zukunft - erstmals seit 2000 Jahren - die größte jüdische Gemeinde der Welt sein. Die Israelis unterscheiden sich auch weitgehend von jenen rund acht Millionen Juden, die nicht in Israel leben.

Der wesentliche Bestandteil der israelischen Identität ist die hebräische Sprache, und je nachdem, inwiefern sie weiterhin Hebräisch sprechen, bleiben sie auch dann Israelis, wenn sie im Ausland leben.

50 Jahre nach der Gründung des Staates Israel ist dessen Existenz nicht länger in Gefahr, und die meisten Israelis glauben, daß ihre Kinder einmal besser leben werden als sie selbst. Dies ist die Quintessenz der israelischen Erfolgsgeschichte. Allerdings - letzte Sicherheit für Leib und Leben hat Israel seinen Bürgern auch nach 50 Jahren nicht gebracht; dieses Ziel aber war das Hauptmotiv der frühen Zionisten gewesen.

Auch viele Israelis sagen inzwischen, Israel müsse seine Verantwortung für die Tragödie der Palästinenser endlich anerkennen, und das ist auch richtig - ohne einen solchen Schritt wird es keinen Frieden geben.

Ein wahrer Frieden würde aber auch die Palästinenser verpflichten anzuerkennen, welchen Stellenwert der Holocaust im Gewebe der israelischen Identität besitzt. Derzeit neigt der Großteil von ihnen dazu, diesen als israelische Propaganda abzutun.

Das ist die wahre Kluft zwischen den beiden Völkern, und sie ist so tief wie eh. Daher darf man die Möglichkeit nicht ausschließen, daß der Konflikt um das Land Israel, der die Menschheit während der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts in Atem gehalten hat, diese auch während der kommenden hundert Jahre noch beschäftigen wird.

Tom Segev
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