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CHINA Traum von der Supermacht

Die Kommunisten feiern: 50 Jahre lang haben sie China regiert und in die Moderne gestoßen - zum Preis von Millionen Menschenopfern. Jetzt greifen sie nach der Weltmacht. Passt dafür noch die Diktatur einer Partei mit veralteter Ideologie?
aus DER SPIEGEL 39/1999

Auf seinem Unterarm trägt er als Erkennungsmarke die tätowierten Schriftzeichen seines Namens. »Wenn ich gefallen wäre, hätten sie mich gleich identifizieren können«, erklärt er. Aber er hatte Glück. Eine feindliche Kugel durchschlug seinen Hals: »Nur ein paar Millimeter weiter vorn, und ich wäre verblutet.« Das war 1935, auf Maos legendärem »Langen Marsch«. Zhong Renhui war als Soldat dabei, gerade 16 Jahre alt.

In seiner geräumigen Wohnung im Südwesten Pekings ist die Vergangenheit lebendig. Im Flur hängt ein Kalender mit dem Abbild Mao Tse-tungs, im Wohnzimmer ein Schwarzweißfoto von Funktionären in Mao-Kluft von 1964: In der Mitte steht Ministerpräsident Tschou Enlai, neben ihm, mit Ballonmütze, Zhong Renhui, damals 45.

Er kannte sie alle, und alle kannten ihn: Mao und Tschou, die Marschälle und Heerführer. Der Leiter des ZK-Sekretariats und später mächtigste Mann Chinas, Deng Xiaoping, besuchte den verwundeten Zhong und stellte ihm sogar seine Frau vor.

Als Mao auf dem Tiananmen am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik proklamierte, der Ruf »China hat sich erhoben« über die Menge hallte und ein Feuerwerk die kühle Herbstnacht durchzuckte, war Zhong glücklich: »Endlich hatten wir das Ziel erreicht - ein neues China.«

Nun, da sich der historische Tag zum 50. Mal jährt und mit großem Pomp in Peking bejubelt wird, ist Zhong 80 Jahre alt, und die Skepsis nagt an ihm. Zu weit haben sich manche Machthaber, wie er sagt, vom Volk entfernt. Geldgierige Funktionäre setzen jene hehren Ziele aufs Spiel, denen er sein ganzes Leben gewidmet hat.

Zhong ist kein Dissident. So wie er denken und fühlen in diesen Tagen viele alte Kader, hin- und hergerissen zwischen der Genugtuung darüber, dass ihre Partei das chinesische Volk von feudaler Ausbeutung und japanischer Besatzungsmacht befreite, und dem Schmerz über das, was aus ihrer Revolution geworden ist.

Genossen wie Zhong wissen: Es gibt weniger Grund zum Feiern, als die Führung den Chinesen während des Jubiläums weismachen will. Denn die regierenden Kommunisten kämpfen mit enormen Widrigkeiten - die sogar das Überleben der Partei gefährden könnten. Die Wirtschaftsreformen der letzten 20 Jahre, so der chinesischstämmige Wissenschaftler Minxin Pei in den USA, haben die »breite soziale Basis der Partei zerfressen«. Die Zahl der Arbeitslosen wächst derzeit jeden Monat um rund eine Million - und damit auch die Möglichkeit eines Aufruhrs.

Wie ein riesiger Lindwurm windet sich ein Heer von 200 Millionen Bauern als Wanderarbeiter durch das Land. Sie schuften für Hungerlöhne, von den Behörden gegängelt, von den etablierten Arbeitern als Lumpenproletariat verachtet. In den Städten wächst derweil eine neue Mittelklasse, die dank Auslandsstudium und Internet über das Weltgeschehen informiert ist und westliche Freiheiten und politische Mitsprache fordern wird.

Die Volkswirtschaft wird von rund 300 000 Staatsbetrieben erdrückt, Kolossen mit teilweise 50 Jahre alten Maschinen. Sie liefern 30 Prozent aller Waren, beschäftigen aber über zwei Drittel der städtischen Arbeiter und verschlingen auch zwei Drittel aller Investitionen. Viele wären ohne Subventionen bankrott.

Die Partei müsste die Monster radikal zerschlagen und privatisieren, um sie rentabler zu machen. Ein höchst riskantes Unterfangen: Damit würde die Arbeitsplatzgarantie samt Rundumversorgung, die »Eiserne Reisschüssel«, die ohnehin schon breite Sprünge hat, endgültig zerbrechen - und jeder dritte dieser Arbeiter auf der Straße landen. Schon jetzt sind über 20 Millionen Menschen »xiagang« - freigesetzt mit 170 Yuan (knapp 40 Mark) Unterstützung im Monat. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres verloren über sieben Millionen städtische Arbeiter ihren Job, nur zwei Millionen fanden eine neue Stelle.

Wenn die Partei das Land weiter in Richtung Kapitalismus schiebt, entgleitet ihr bald ihre Daseinsberechtigung als marxistisch-leninistische Organisation. »Die volle Privatisierung würde uns das Genick brechen«, bangt ein Pekinger Funktionär.

Chinas KP steht am Scheideweg: Erweist sie sich, nachdem sie ein halbes Jahrhundert lang über das größte Volk der Erde verfügt hat, als ein Auslaufmodell, das auf den Müllhaufen der Geschichte kommt? Oder findet sie doch noch die Kraft, das Reich der Mitte vom Entwicklungsland zur wirtschaftlichen Supermacht voranzutreiben?

Taugen die 61 Millionen Parteimitglieder überhaupt noch dazu, den gut 1,2 Milliarden Bürgern als Vormund zu dienen? Ihr Chef Jiang Zemin, 73, stellte jüngst seinen Genossen ein miserables Zeugnis aus: »Einige Mitglieder haben den Glauben an den Sozialismus verloren, sie haben keinen revolutionären Geist mehr, sie verbringen ihre Tage mit Trinken und Essen, sie hängen dem Aberglauben an. Sie jagen dem Geld mit Hilfe der Korruption nach.«

KP-Konservative urteilen noch schärfer: Die Partei sei »auf dem Wege der Zerstörung«, warnt der Propagandaveteran Deng Liqun, sie degeneriere und stehe schon »am Rande des Zusammenbruchs«.

Verbote, Umerziehung, Kampagnen, die gewohnten Methoden der KP, versagen gegen die Verlockungen der Gewinnsucht. In den letzten zwölf Monaten lenkten Funktionäre 117,4 Milliarden Yuan (rund 27 Milliarden Mark) in die eigenen Taschen oder zweigten sie für fremde Zwecke ab. Anstatt nach der verheerenden Flutkatastrophe von 1998 (über 4000 Tote) 100 Kontrollboote zu kaufen, bauten sich Kader mit den bereitgestellten Mitteln luxuriöse Büros und spekulierten an der Börse.

Hilfsmittel für Arme wurden in reichere Provinzen umgeleitet, Teile des Pensionsfonds für Postler und Eisenbahner lösten sich in Luft auf. Vizepremier Li Lanqing: »Die Menge des veruntreuten Geldes schockiert.«

Der stellvertretende Bürgermeister von Shenyang soll mehr als sieben Millionen Mark in den Kasinos von Macau verspielt haben, während er offiziell in der Zentralen Parteischule paukte. Der Chef der Anti-Schmuggel-Sondereinheit, Li Jizhou, den Freunde »Sherlock Holmes« nennen, hat angeblich Lizenzen für 70 000 geschmuggelte Autos ausgestellt. Die Konterbande gelangte auch auf Schiffen der Volksmarine ins Land.

Mit Korruption und Vetternwirtschaft, den traditionellen »guanxi« (Beziehungen), untergraben die Kommunisten die hohe Verantwortung, die sie 1949 übernommen hatten. Nie zuvor in der Weltgeschichte hat eine einzige Gruppe versucht, so viele Bürger in einem Einheitsstaat zu regieren - das größte Volk der Erde. Die KP muss rund fünfmal so viele Menschen ernähren wie die USA, auf nur sieben Prozent der Weltanbaufläche. Jedes Jahr kommen zehn Millionen Menschen dazu.

Die Erfolge sind unstrittig: Der Hunger ist weithin besiegt, aus sandigen Böden wurden Reisfelder, aus Reisfeldern Städte. China ist Atommacht und schickt sich an, einen Menschen ins All zu schießen. Binnen 20 Jahren sank die Zahl der Armen um fast 200 Millionen, immer mehr Menschen können lesen und schreiben, Epidemien raffen nicht mehr hunderttausende dahin.

Der Preis aber war schrecklich. Selbst der Georgier Stalin hat nicht so viele Untertanen für eine vermeintlich bessere Sache geopfert wie seine chinesischen Genossen. Weil Mao Tse-tung und seine Freunde ungehindert ihren Sozialutopien nachhängen konnten, prägte eine lange Reihe von Desastern die ersten 30 Jahre der Volksrepublik. Sie warfen nicht nur die Wirtschaft des Reiches zurück, sondern kosteten auch Abermillionen das Leben.

Gleich nach der Revolution wurden laut Mao 800 000 »konterrevolutionäre Elemente« liquidiert. Später kamen die Intellektuellen an die Reihe, dann die so genannten Rechtsabweichler - eine Aktion, die Deng Xiaoping ab 1957 organisierte.

Maos radikale Bodenreform teilte im Süden des Landes den Bauern zu wenig Ackerfläche zu, um überleben zu können. Arbeitsgruppen in blauer Baumwollkluft zogen in die Dörfer ein. Sie zitierten Sprüche des Großen Vorsitzenden und verurteilten reiche Bauern, kleine, mittlere und große Grundbesitzer in so genannten Bitterkeitsversammlungen als »Verräter«. Mao befahl: »Tötet nicht einen oder zwei, tötet viele.« Bis 1953 kamen zwischen zwei und fünf Millionen Menschen ums Leben.

Im »Großen Sprung nach vorn« mussten die Bauern 1958 Privatbesitz aufgeben, lebten fortan in Baracken, aßen in Kantinen, die etwa »Glücklicher Garten« hießen, und arbeiteten in militärischen Formationen. »Ihr gemeinsamer Besitz war die Armut«, urteilt der Autor Harrison E. Salisbury. Der Offizier Zhong, der für den Sieg des Kommunismus »in 500 Gefechten«, wie er sagt, sein Leben eingesetzt hatte, empfand damals schon Skrupel: »Die Kollektivierung kam zu früh. Die Bauern waren nicht so weit. Der Ansporn fehlte.«

Sie mussten auch noch in kleinen Schmelzöfen Stahl produzieren. China stürzte in eine Hungersnot, in der nach jüngsten Schätzungen zwischen 30 und 43 Millionen starben. Erst 1983 erreichte die Landwirtschaft wieder den Stand von 1952.

Während des Volkskommunen-Experiments erlitt die Karriere des Soldaten Zhong einen heftigen Knick. Inzwischen in der Süd-Provinz Yunnan Kommandeur eines Militärbezirks, legte er sich mit dem Parteisekretär an, der - wie viele seiner Genossen - falsche Erntezahlen nach Peking meldete. »Ich wehrte mich«, erinnert sich Zhong. »Die Leute hatten überhaupt nichts mehr zu essen.«

Zhong, zum Oberst aufgestiegen und kurz vor der Beförderung zum General, musste die Uniform ausziehen und wurde als Vizedirektor in eine Rüstungsfabrik abgeschoben. »Ich habe aber meine Integrität bewahrt.« Noch heute bricht der Trotz bei dem Veteranen durch: »Wir hatten damals Recht mit unserer Kritik.«

Bald darauf fiel er noch tiefer. Mao setzte 1966 seine Kulturrevolution in Gang, um Widersacher in der Partei auszuschalten. Rotgardisten wüteten im ganzen Land, sie bekämpften vermeintliche Verräter und die »Vier Alten": altes Denken, alte Kultur, alte Sitten und alte Gebräuche.

Das kollektive Toben richtete sich gegen Minister wie Pförtner, Generäle wie Rekruten, Professoren wie Schüler, Direktoren und Arbeiter, Junge und Alte und vor allem gegen Parteifunktionäre, die den Träumereien Maos nicht mehr folgen mochten. Sie wurden von Mao-Bibeln schwingenden Kindern denunziert, gedemütigt, geprügelt, verhaftet, gefoltert und oftmals erschlagen.

Das Riesenreich versank in Anarchie, bis schließlich das Militär eingriff und Millionen Rotgardisten aufs Land verbannte. Eine ganze Generation versäumte zwischen 1966 und 1976 eine vernünftige Schulbildung und verlor das Gefühl dafür, wie ein zivilisiertes Gemeinwesen funktionieren sollte.

Zhong, inzwischen wieder Parteisekretär einer Waffenschmiede, musste für neun Monate als »Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht«, an die Drehbank, aber immerhin: »Ich wurde nicht geschlagen, meine Wohnung nicht durchsucht, ich musste den Schandhut nicht aufsetzen.«

Zweifel an der irrwitzigen Aktion kamen ihm nicht, und auch heute sucht er wie viele seiner Landsleute die Fehler nicht beim Großen Steuermann: »Mao hatte gute Absichten, die anderen, seine Frau Jiang Qing zum Beispiel, haben die Lage für ihre Machtgelüste ausgenutzt.«

Trotz der blutigen Bilanz gilt Mao vielen Chinesen als Symbol besserer Zeiten. Sein Bild baumelt am Rückspiegel von Taxis. Die Betreiber eines Restaurants am Pekinger Westbahnhof, das Maos Lieblingsspeisen serviert, haben im Eingang einen Altar mit einer goldfarbenen Büste des Vorsitzenden errichtet - der Staatsgründer als Gott, dem Fisch und Fleisch geopfert werden, von Weihrauch umwabert.

Noch hängt Maos Bild am Tiananmen-Tor im politischen Herzen Chinas, laut Deng Xiaoping wird es dort »ewig« bleiben. »Wenn man seine Fehler mit seinen Verdiensten abwägt«, so Deng 1980, »dann denken wir, dass seine Fehler zweitrangig sind. Was Mao für das chinesische Volk getan hat, kann niemals ausgelöscht werden.«

Deng aber war es, der ab 1978 mit seiner Parole »Reich werden ist ruhmvoll« China in einen modernen Staat verwandelte. Er befreite die Bauern von den Fesseln der Kollektivwirtschaft, erlaubte Handel und Gewerbe durch Privatleute und ließ westliches Kapital ins Land. Sonderwirtschaftszonen locken seither mit Steuernachlässen ausländische Firmen an.

Eine neue Klassengesellschaft - Todsünde wider den Sozialismus - ist die Folge. Neureiche geben an einem Abend für Essen, Trinken und Frauen mehr Geld aus als ein Tagelöhner, der in den Vorstädten Pekings den Müll nach Verwertbarem durchklaubt, in zehn Jahren zum Leben findet. 10 Prozent der Bevölkerung besitzen 66 Prozent der Spareinlagen.

Der Aufschwung hat ein bröckeliges Fundament. Chinas Banken, von der Regierung abhängig, haben mehr Außenstände als die maroden Geldhäuser Thailands und Südkoreas zusammen. »Eine beträchtliche Zahl von Krediten verschwindet wie Steine, die ins Meer geworfen werden«, sorgt sich die Finanzzeitung der Zentralbank »Jinrong Shibao«. Die Auslandsschulden sind etwa so hoch wie die Devisenreserven: rund 150 Milliarden Dollar. Über ein Drittel des Haushalts geht für Zinszahlungen drauf. China, glaubt gar der US-Ökonom Nicholas Lardy, »ist faktisch pleite«.

Weil sie wissen, dass sie bei ihrer Gratwanderung mit Marxismus-Leninismus keinen mehr überzeugen können, arbeiten die Funktionäre an einer anderen Vision: dem Traum von nationaler Größe.

Das Beschwören der Stärke Chinas soll von den sozialen Verwerfungen ablenken, die Liebe zum Vaterland als neues Bindemittel zwischen Partei und Volk wirken. Nur die KP, beteuern die Kader, könne China wieder einen angemessenen Platz in der Welt verschaffen - den Status einer Großmacht. Die Zeiten seien vorbei, als »westliche Mächte in die Verbotene Stadt einzogen, den alten Sommerpalast zerstörten und Hongkong und Macau übernahmen«, empörte sich die Pekinger »Volkszeitung« nach dem Nato-Bombardement der chinesischen Botschaft in Belgrad.

Über eine Million Menschen kauften das Buch »China kann nein sagen«, in dem fünf junge Autoren einen radikalen Patriotismus verkünden: »Es vergeht keine Minute, keine Sekunde, in der sich der Westen nicht gegen uns verschwört.«

Zuweilen klingen die Nationalparolen der Partei indes wie ein verzweifelter Bittruf an das Volk - so wie die Transparente in Schanghais Finanzzentrum Pudong: »An den Grundlinien der Partei festhalten und 100 Jahre lang nicht daran rütteln.«

Die KP präsentiert sich am Geburtstag der Volksrepublik im gewohnten Stil: mit Militärparade und Massenaufmärschen, Propaganda und Parolen. Weil die bunten Reklametafeln an der Straße des Ewigen Friedens das Bild eines feiernden sozialistischen Staates stören, mussten Arbeiter sie für das Ereignis abmontieren.

Neben diesem China der 50 Jahre alten Riten und Floskeln ist in den letzten Jahren allerdings ein ganz anderes Land entstanden, Lichtjahre vom alten Denken entfernt. Aus den Mao-Anzügen sind die jungen Leute in modernes Outfit geschlüpft, die Frauen tragen freche Miniröcke, im letzten Sommer waren Hotpants und klobige Plateausohlen der letzte Schrei.

In der »Banana«-Disco zuckt die Jugend zu lauter Techno-Musik, die Kellnerinnen tragen elegante weiße Kleider und blonde Perücken. Sie servieren mexikanisches Corona-Bier, die Flasche zu fünf Mark. In Nischen kann sich die Jeunesse dorée Pekings ungestört intimeren Dingen zuwenden. Der letzte Trend in der dunklen Disco: Ältere Frauen suchen sich jüngere Liebhaber, »Entchen« genannt.

Private Unternehmer fahren VW Jetta oder Cherokee-Jeep - 1985 gab es in der Hauptstadt nur 60 Privatautos. Neureiche kreuzen auf Harley-Davidson-Motorrädern durch Peking, einen Wehrmachts-Stahlhelm aufgestülpt. Sie bauen sich vor den Toren Pekings schicke Villen, feiern Grill-Partys und kaufen ihren Frauen Gucci-Taschen und Schoßhündchen, vorzugsweise natürlich Pekinesen.

All das, was Mao als dekadent ausrotten wollte, ist wieder aufgetaucht. Längst blüht wieder die Prostitution, in verschwiegenen Clubs wiegen sich Nackttänzerinnen, in Karaokebars lassen sich so genannte Begleiterinnen befummeln. Jugendliche tauchen in eine Welt von Drogen und Rock'n'Roll ein. Und sie tun es nicht mehr heimlich: Stellvertretend für eine neue Generation hat die Schanghaier Schriftstellerin Mian Mian, 29, ihre Erfahrungen notiert. Auch sie verkörpert das neue China: chaotisch, klug und weit weg von Partei und Prüderie der vergangenen Jahre.

Mian Mian sitzt im eleganten Schanghaier Art-déco-Restaurant Park 97. Die Frau mit dem Pony-Schnitt trägt eine tief ausgeschnittene rote Bluse und einen kurzen Spitzenrock. Sie berichtet mit rauer Stimme, dass gerade Teile ihrer Villa ausgebrannt seien. »Sie sieht aus wie eine Disco«, kichert sie, »alles ist schwarz.«

Das Haus hat sie vom Papa bekommen, ihr Geld verdient sie mit Kurzgeschichten und Romanen wie »Acid Lover« oder »Neun Objekte der Begierde«, die sie nachts in den Computer hackt. Die Erzählungen handeln von Liebe, Drogen, Nutten und Disco-Girls, von der Suche der Frauen nach dem kleinen Glück - vor allem aber von ihr selbst. »In der Liebe verliere ich immer, Männer behandeln mich wie ein Stück Dreck«, klagt sie.

Stolz präsentiert sie das Büchlein »La, La, La«, das nicht größer als eine Handfläche ist und neben Kurzgeschichten viele Fotos der Autorin enthält. Eines zeigt sie vor einem Sexshop, an dessen Schaufensterscheibe die Zeichen »Willkommen« prangen. Wegen dieses vermeintlich anrüchigen Fotos, vermutet Mian Mian, haben die Behörden »La, La, La« vorzeitig aus dem Verkehr gezogen.

Dass Zensoren ihre Gedanken umformulieren, kann sie rasend machen. In einem Manuskript beschrieb sie, wie sie mit einem Schlagzeuger »Liebe machen« wollte. Der Lektor redigierte: »Ich hatte traurige Gedanken.«

Vor wenigen Jahren indes wären die Behörden ganz anders mit ihr verfahren. Inzwischen genießen die Chinesen so viele Freiheiten wie in den letzten 50 Jahren nicht. Mehr Zeitungen konnten sie nie lesen, mehr TV-Programme ohnehin nicht einschalten, längst vergessen sind die trüben Zeiten, als die Theater nur acht Musteropern spielten. Die Bürger dürfen ohne Erlaubnis ihrer Arbeitseinheit im Lande umherreisen, und wer ausreichend Geld hat, bekommt einen Pass und kann in die Welt hinaus: Thailand ist derzeit beliebtes Urlaubsziel.

Das Studium im Ausland ist nicht mehr nur politisch Privilegierten vorbehalten. Wer finanziell dazu in der Lage ist, dem steht das Tor zu einer Uni in den USA oder Kanada offen. Daheim bekommen Studenten ihren Arbeitsplatz nicht mehr zugeteilt, sondern dürfen ihn selbst aussuchen. »Die Chinesen haben immer mehr den Mut, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Man ist nicht mehr von der Regierung oder der Arbeitseinheit abhängig. Man erwartet keine Eiserne Reisschüssel mehr«, schreibt die Pekinger »Jugendzeitung«.

Die Partei hat ihren Griff gelockert, jeder kann seinen privaten Interessen nachgehen, ohne dass ein Blockwart mit roter Armbinde zu »mehr gesellschaftlichen Aktivitäten« mahnt oder, schlimmer, der Bannfluch des Rechtsabweichlers droht. Sogar der Zwang zur Ein-Kind-Ehe für Städter gilt nicht mehr.

Doch die Öffnung vollzieht sich unter einer Bedingung: Niemand darf das Machtmonopol der Staatspartei in Frage stellen. Mit bewährter Härte zerschlagen Polizei und Staatssicherheit alles, was nach ihrer Ansicht die »Stabilität des Landes« bedrohen könnte, und dazu zählen sie vor allem jene, die es wagen, Widerworte zu geben, Parteien oder Gewerkschaften zu gründen.

Die Führer der »Demokratischen Partei Chinas« beispielsweise verschwanden rasch für viele Jahre im Gefängnis. Das ganze Land ist nach wie vor von einem dichten Netz von Arbeitslagern überzogen, tibetische Buddhisten und auch Christen werden verfolgt. Gerichte verurteilen Übeltäter in Massen zum Tode durch Genickschuss, Verteidiger haben kaum eine Chance auf Einspruch, denn in der Justiz hat wie in alten Zeiten allemal nicht der Angeklagte, sondern die Partei Recht.

Nach einem halben Jahrhundert gibt es kaum Anzeichen, dass die KP mehr Demokratie einräumen könnte. Selbst wenn sie Dorfbewohnern erlaubt, ihren Schulzen direkt zu wählen, hat dies mit demokratischer Reform wenig gemein: Die Kandidaten werden in aller Regel von oben ausgesucht.

Die Bürger nehmen sich freilich immer öfter die Rechte selbst heraus, überall brodelt es: Kaum eine Woche, in der nicht irgendwo im Lande erzürnte Menschen auf der Straße protestieren - gegen korrupte Funktionäre, gegen zu hohe Steuern, gegen ausbleibende Löhne und Entlassungen. Im vorigen Jahr nahmen nach einer internen Statistik des Polizeiministeriums rund 3,5 Millionen Menschen an über 215 000 Streiks und Demonstrationen teil; 459 Konflikte mit der Polizei endeten blutig.

Der alte Zhong weiß, was an der Basis los ist. Als 1990 in Peking Bezirksverordnete bestimmt werden sollten, ergänzten die Anwohner die offizielle Kandidatenliste durch seinen Namen.

Fortan machte sich Zhong bei den Bürokraten unbeliebt. Er wehrte sich dagegen, dass der Strom abgeschaltet wurde, wenn die Mieter die Rechnung nicht bezahlen konnten. Die städtische Gasgesellschaft wollte ein neues Gebäude nicht an die Leitung anschließen, weil einer ihrer Angestellten keine Wohnung darin bekommen hatte - Zhong schuf Abhilfe. Und als sich die Stadt weigerte, eine Fabrik für den Bau einer Straße durch ihr Gelände zu entschädigen, legte er sich mit dem Bürgermeister an - und siegte: Das Werk erhielt 2,6 Millionen Yuan.

»Man muss das Rechtssystem vervollkommnen«, folgert Zhong und meint damit, gegen die Willkür von Behörden zu kämpfen. Vor allem aber müsse die Partei mehr auf die Sorgen und Nöte der Menschen hören. Er selbst, sagt er stolz, habe sich nie dem Sturm gebeugt und den Mächtigen angebiedert. Armeekarriere und höherer Sold, Dienstwagen und ärztliche Vorzugsbehandlung gingen so verloren.

Ist der Weise nach den bewegten 50 Jahren Volksrepublik China immer noch ein guter Kommunist? Da lächelt der alte Genosse verschmitzt: »Ich bin wohl mehr ein Realist.« ANDREAS LORENZ

[Grafiktext]

Von Mao zum Markt 50 Jahre Volksrepublik China Maos Sieg Die Kommunisten ent- scheiden 1949 den Bürger- krieg für sich. Nationalis- tenführer Tschiang Kai- schek flieht nach Taiwan. Auf dem Tiananmen in Peking ruft Mao Tse-tung am 1. Oktober die Volks- republik China aus. »Großer Sprung« Die Bauern werden 1958 in Volks- kommunen zusammengefasst. Zur schnellen Industrialisierung werden Millionen Chinesen von den Feldern zur Arbeit an primiti- ven Schmelzöfen abkommandiert - das Korn verrottet auf den Fel- dern. Mindestens 30 Millionen Chinesen verhungern. Kampf um Tibet Nach der Okkupation 1950/51 durch China kommt es 1959 zum Aufstand gegen die Besatzungs- macht. Die Revolte scheitert, der Dalai Lama flieht nach Indien. Nukleare Macht China zündet am 16. Okto- ber 1964, zwei Tage nach dem Sturz Chruschtschows in Moskau, seine erste Atombombe. Rote Garden Jugendliche Kulturrevolutio- näre terrorisieren 1966 ihre Lehrer. Mao unterstützt den Kampf gegen die »alten Autoritäten« und entledigt sich so der innerparteilichen Opposition. Millionen Funk- tionäre müssen zur Zwangs- arbeit in »Kaderschulen«. Maos Tod Am 9. September 1976 stirbt der »Große Steuermann«. Der Kampf um seine Nachfolge setzt ein, die links- radikale »Viererbande« um die Mao- Witwe Jiang Qing wird verhaftet. Wende gen Westen Vizepremier Deng Xiaoping setzt sich 1978 mit seinem gemäßigten Wirtschaftskurs durch. Beginn des Reformzeitalters und Öffnung Chinas: Mehr Selbständigkeit der In- dustrie und Betonung des Leis- tungsprinzips sollen zu einer marktorientierten sozialistischen Wirtschaftsreform führen. Blutiger Aufruhr Studenten in Peking fordern 1989 mehr Demokratie. Über ei- ne Million Einwohner schließen sich an. Die Armee geht mit Waf- fengewalt gegen die Protestbe- wegung vor, 2600 Demonstran- ten werden getötet. Hongkongs Rückkehr Am 1. Juli 1997 übernimmt die Volksrepublik die Souveränität über die britische Kronkolonie Hongkong und macht sie zu einer weitgehend autonomen Sonder- verwaltungsregion. Bildunterschriften: Mao Tse-tung 1947 im Bürgerkrieg Staatswappen der VR China Rotgardistinnen mit Mao-Bibel

[GrafiktextEnde]

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