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Traurige Truppe

In Rheinland-Pfalz kämpft CDU-Mann Böhr um die letzte Chance.
Von Wilfried Voigt
aus DER SPIEGEL 12/2001

Eine Woche vor der Wahl ist der Unmut in der Mainzer CDU-Wahlkampfzentrale kaum noch zu steigern. »So mies«, weiß ein alter Mitstreiter, »war die Stimmung schon lang nicht mehr.« Und die Depression trägt einen Namen: Christoph Böhr, 47, Spitzenkandidat der Union.

Der Herausforderer von SPD-Ministerpräsident Kurt Beck, 52, gilt selbst bei eigenen Parteigängern als unnahbar, zu blasiert erscheint er vielen. In der CDU-Landtagsfraktion setzt kaum noch einer auf eine große politische Zukunft für den promovierten Philosophen Böhr (Wahlslogan: »Ein Kopf. Mehr als ein Gesicht").

Schadenfroh registrieren die Sozialdemokraten den Frust bei der traurigen Unionstruppe. Nach allen Umfragen liegt die SPD klar vorn (siehe Grafik).

Da darf sich der Ministerpräsident (Wahlslogan: »Gut für unser Land") schon auf eine neue fünfjährige Amtszeit einstellen. Im Internet schwärmt Beck über »unser schönes Rheinland-Pfalz« mit seinen rund vier Millionen Einwohnern, das »auch virtuell ein blühendes Land« sei. Damit es nicht verwelkt, verspricht er jeder Schule einen Internet-Anschluss.

Denn der ausgebildete Elektromechaniker hat die Bildungspolitik zum zentralen Wahlkampfthema befördert. Nie zuvor, jubelt Beck, der sein Amt 1994 von Rudolf Scharping erbte, habe es so viele Lehrer im Land gegeben.

Viele Eltern und die Opposition beklagen zwar »dramatische Unterrichtsausfälle«. Dennoch kann die Landes-CDU von dieser Kritik kaum profitieren. Böhr gelang es nicht, den Unmut gegen Beck zu lenken.

So fehlt dem Herausforderer ein griffiges Thema, mit dem er den Ministerpräsidenten in die Defensive drängen könnte. Die sozialliberale Koalition schaffte es, das Image vom Land der Rüben und Reben und vom »Flugzeugträger der Nato« abzuschütteln. Mit einem rund 2,8 Milliarden Mark teuren Konversionsprogramm wurde der Abzug der Amerikaner, die einst Zehntausende zivile Arbeitsplätze garantierten, weitgehend abgefedert.

Beck präsentiert sich denn auch gern als pragmatischer Macher. Wenn es um Volksnähe geht, hat Kohl-Verehrer Böhr mit seinem Habitus eines Universitätsdozenten kaum eine Chance gegen den hamsterbäckigen, strahlenden Kumpeltyp Beck.

Auch der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Rainer Brüderle, der den rheinland-pfälzischen Landesverband seit 1983 unangefochten führt, verströmt angesichts der Unionsprobleme zufriedene Gelassenheit.

Selbst wenn Becks Koalitionspartner FDP von den Grünen überholt wird, droht den Liberalen keine Gefahr. Schon Beck-Vorgänger Scharping mochte nicht mit den Ökos koalieren, obwohl die stramm auf Joschka Fischers Realokurs liegen.

Viel ändern dürfte sich allenfalls in der Union. Deren Spitzenkandidat Böhr, so wird in Mainz spekuliert, könnte nach einer deutlichen Wahlniederlage als Generalsekretär zur Konrad-Adenauer-Stiftung wechseln. Doch Böhr dementiert heftig, er wolle sich auf gar keinen Fall dort aufs Altenteil zurückziehen: »Eher werde ich Chef der Müllabfuhr in Chemnitz.« WILFRIED VOIGT

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