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Trauzeuge Walesa

Das ZDF sendet am 28. September und am 4. Oktober zwei politisch brisante Filme des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda: »Der Mann aus Marmor« und »Der Mann aus Eisen«.
aus DER SPIEGEL 40/1981

An einem, so scheint es, leidet Polen keinen Mangel: Es produziert Helden am laufenden (Fließ-)Band, tragische zumeist, denen die Geschichte immer nur für eine kurze Zeit strahlenden Heroismus zugesteht. Die Kontinuität der polnischen Geschichte ist ihre Tragödie, und es wirkt fast wie ein Akt schamvoll mahnender Wiedergutmachung durch den Westen, daß man ihre gegenwärtigen Exponenten mit dem Stuhle Petri, der »Goldenen Palme« von Cannes und demnächst vermutlich mit dem Friedensnobelpreis dekoriert.

Ein Volk, das die Legende pflegt, es hätte noch im Zweiten Weltkrieg deutsche Panzer mit der Kavallerie bekämpft, muß ein defätistisch geprägtes inniges Verhältnis zum Heroismus haben. Andrzej Wajdas Filme, von denen einer eben diesen legendären Untergang der Kavallerie zum Thema hatte ("Lotna«, 1959), dokumentieren dies. »In den Filmen der sogenannten polnischen Schule, der auch ich angehörte«, so Wajda, 55, »war der Held immer ein Mann, der die Geschichte nicht verstand, und darum scheiterte er. Die Geschichte vernichtete ihn. Jedesmal fiel er, zerschmettert von der Geschichte.«

Der junge Untergrundkämpfer aus »Asche und Diamant« (1958), der am Ende des Krieges mit ansehen muß, wie Opportunismus und rivalisierende Karrieregier das zu zerstören beginnen, wofür er gekämpft hatte, war so ein von existentialistischem Ennui und Todessehnsucht geprägter Held.

Fünf Jahre nach dem während des polnischen Tauwetters entstandenen Film wollte Wajda die Geschichte Nachkriegs-Polens aus einer anderen Perspektive erzählen. 1963 legte er das Drehbuch zu »Der Mann aus Marmor« dem Kulturministerium zur Genehmigung vor. Doch da waren die Tauwetter-Blüten schon erfroren. Wajda mußte 13 Jahre warten, bis er sein Projekt realisieren konnte.

Inzwischen jedoch hatten sich die historischen Bedingungen gewandelt, der Film erfuhr entscheidende, pessimistische Änderungen. Im Schicksal von Mateusz Birkut, des Mannes aus Marmor, spiegeln sich 30 Jahre polnischer Geschichte, die vor allem vom Stalinismus, von dessen Überwindung und von erneuter Repression geprägt waren.

Seinem Vorbild »Citizen Kane« folgend, verwendet Wajda das dramaturgische Mittel der Recherche, um das Leben eines Mannes nachzuzeichnen, der einst »Held der Arbeit« war und dann plötzlich von der politischen Bühne verschwand.

Die Filmstudentin Agnieszka entdeckt in der Depotkammer eines Museums versteckt die verstaubte Marmorstatue des Maurers Mateusz Birkut, eines Stachanow des Hausbaus. In achtstündiger Schicht hatte er die Rekordzahl S.260 von 30 000 Ziegelsteinen vermauert. Agnieszka möchte ihren Abschlußfilm über diesen Mann drehen, bekommt endlich die Genehmigung und einen Fernseh-Auftrag dazu und macht sich mit ihrem Team auf die Suche nach dem verschollenen Birkut.

Dabei stößt sie auf ein Geflecht aus Lüge und Manipulation -- die Drahtzieher haben inzwischen längst opportunistisch Karriere gemacht und ihre stalinistische Vergangenheit als Täter oder Opfer verdrängt. Hinter den heroisierenden Wochenschau-Aufnahmen, die Birkut bei seinem Rekord zeigen, kommt menschliche und politische Tragödie zum Vorschein: Birkut, so erfährt Agnieszka von dem damaligen Wochenschaumann, hatte nach monatelangen Vorbereitungen seine Stachanow-Leistung eigens für die Kamera inszeniert, um daraufhin mit dieser Nummer auf Tournee durchs Land zu ziehen.

Bei einer dieser Demonstrationen, die von den dadurch zu immer höheren Arbeitsnormen gepeitschten Kollegen mit Feindseligkeit verfolgt wurden, war ihm ein glühendheißer Ziegelstein untergeschoben worden. Birkuts Freund Witek wurde der Sabotage bezichtigt und verurteilt.

Witek, als Opfer des Stalinismus rehabilitiert und inzwischen zum Direktor einer Stahlhütte aufgestiegen, weicht Agnieszkas bohrenden Fragen ebenso aus wie der Parteispitzel, der ihn damals denunziert hatte und heute eine schummrige Striptease-Bar in Warschau betreibt.

Agnieszka aber läßt nicht locker, auch als der immer ängstlicher werdende Fernsehredakteur ihr Auftrag und Team entzieht. Über Birkuts erste Frau, eine ehemalige Spitzensportlerin, die jetzt dem Alkohol verfallen ist, findet sie Birkuts Sohn, der in der Danziger Werft arbeitet. Von ihm erfährt sie, daß sein Vater vergessen und geächtet inzwischen verstorben ist.

In dem ursprünglichen Entwurf von 1963 hatte Wajda zeigen wollen, daß Birkut am Schluß sein Leben verändert hatte und sich im Gymnasium aufs Abitur vorbereitete. Agnieszka sollte daraufhin ihre Recherchen abbrechen aus Angst, dadurch noch einmal sein Leben zu ändern. Doch auch der Schluß des 1976 gedrehten Films kam nicht in die Kinos.

Den konnte Wajda -- Zeichen der neuen polnischen Liberalisierung -- nun in seinem jüngsten Film »Der Mann aus Eisen« nachliefern: Birkut, so ist auf seinem Grabstein zu lesen, wurde bei den Danziger Arbeiterunruhen 1970 von der Miliz erschossen. Was in der Ära Gierek unmöglich gewesen wäre, hat Wajda mit diesem Film gewagt: Eine die Vergangenheit schonungslos kritisch betrachtende, die Gegenwart verhalten optimistisch einschätzende Fortsetzung seiner Arbeiter-Saga.

Künstlerisch nicht so geschlossen wie »Der Mann aus Marmor«, dafür aber dialektisch engagierter, ist auch »Der Mann aus Eisen« ein Recherchen-Film in einer kaum mehr auflösbaren Mischung aus Fiktion und Dokumentation. Auf den ersten Blick herrscht der Eindruck vor, Wajda habe die Ereignisse in Danzig schamlos seiner eigenen filmischen Vision von Polen einverleibt. In polnischen Filmkreisen, die dem Werk wesentlich kritischer gegenüberstehen als der Westen, wird gespöttelt: »Gott hat die Welt erschaffen, damit Wajda sie filmen kann.« Doch dies ist oberflächliche Häme.

Tatsächlich hatten Danziger Werftarbeiter, die Wajda als einen der wenigen Offiziellen (er ist Präsident des nationalen Filmverbandes) auf ihr bestreiktes Gelände ließen, ihn gebeten, ihren Kampf quasi als Fortsetzung des in Polen erfolgreichen »Mann aus Marmor« zu verfilmen. Im Januar 1981 begann Wajda mit den Dreharbeiten, wobei er sich im faktischen Teil auf den Dokumentarfilm »Arbeiter ''80« seiner Produktionsgruppe »X« stützen konnte. Wajda drehte mit demselben Team und denselben Darstellern wie beim »Mann aus Marmor«, dessen Geschichte auf der Danziger Leninwerft ihre Fortsetzung findet.

Der Rundfunkjournalist Winkiel, ein dem berufsspezifischen Alkoholgenuß zugetaner Medienfunktionär, wird von Warschau nach Danzig geschickt: vorgeblich, um über den Streik zu berichten, in Wahrheit aber, wie er vor Ort von einem Geheimagenten erfährt, um einen der Streikführer zu bespitzeln. Dieser »Mann aus Eisen« ist -- da setzt Wajda seine Saga fort -- Maciek Tomczyk, der Sohn Birkuts, des »Mannes aus Marmor«.

Mit nie gesendetem Fernseh-Dokumentarmaterial von den Studentenunruhen 1968 und den Arbeiteraufständen 1970 verankert Wajda das Drama eines Vater-Sohn-Konflikts in der polnischen Geschichte. Maciek hatte sich als Student an der Rebellion auf den Universitäten beteiligt und mit seinem Vater gebrochen, weil der mit seiner Gewerkschaft, die damals ja noch von der Partei abhängig war, jede Unterstützung verweigerte.

Zwei Jahre später erheben sich die Arbeiter, und Maciek steht abseits, als sein Vater erschossen wird. Verzweifelt gibt er sein Ingenieurstudium auf und wird Arbeiter auf der Leninwerft. Dort lernt er Agnieszka kennen, die den Film über seinen Vater recherchiert, und die beiden heiraten, nachdem Agnieszka wegen dieses Films von der Hochschule geflogen ist.

Diese Heirat hat bei Wajda nicht nur deshalb historischen Charakter, weil sich hier, vor einem katholischen Altar, quasi die Intelligenz und das Proletariat das Jawort geben, sondern auch, weil Wajda die Rollen der Trauzeugen mit den Streik-Helden Lech Walesa und Anna Walentynowicz besetzte. Später taucht der »Solidaritäts«-Führer noch einmal auf, als Wajda bis aufs merkwürdige Schreibgerät Walesas genau die Szene der Unterzeichnung des Danziger Abkommens zwischen dem Arbeiterführer und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Jagielski fürs Kino nachinszeniert.

Politisch bleibt der Schluß seines Films verhalten optimistisch. Einen S.262 Parteifunktionär läßt Wajda sagen, daß das Abkommen unter erpresserischem Druck zustande gekommen sei, weshalb man nicht denke, sich daran zu halten. Im Privaten endet der Film mit einer Versöhnung der Generationen: Auf seines Vaters Grab legt Maciek eine Kopie des Danziger Abkommens mit den Worten: »Ich kenne jetzt mein Ziel und weiß, warum du verschwunden bist.«

Und noch ein drittes Ende hat dieser auf vielen ineinander verschlungenen Ebenen spielende Film: Der unter dem von den Werftarbeitern verhängten Alkoholverbot immer nüchterner werdende Journalist Winkiel hat sich von der Sache der Streikenden mitreißen lassen und möchte telephonisch seine Kündigung nach Warschau durchgeben. Doch seine Vorgesetzten sind inzwischen aus dem Amt gejagt.

Daß dieser Film in Cannes mit der »Goldenen Palme« ausgezeichnet wurde, war unter anderem eine politische Solidaritäts-Bekundung des Westens. Als der »Mann aus Eisen« Anfang August in Polen anlief, wurde er eher skeptisch aufgenommen. Man warf Wajda vor, daß er sich nach der jeweils herrschenden ideologischen Decke strecke und daß er den politischen Kampf für seine künstlerischen Ambitionen mißbrauche.

Die Zeit ändert sich rasch in Polen, und der Enthusiasmus vom August 1980 ist heute schon, wie es ein polnischer Zuschauer formulierte, Nostalgie. Und Walesa selbst, nach dessen Vorbild der »Mann aus Eisen« gestaltet ist, brachte öffentlich starke Einwände gegen den Film vor: Er hält ihn für »übertrieben« und sieht in ihm die Gefahr, daß er »Gefühle des Hasses« schüren könne.

Wajda selbst ist inzwischen wieder zu seinem Thema des tragischen Helden zurückgekehrt, diesmal in historisch abgesichertem Rahmen: In Krakau hat er »Hamlet« inszeniert, und demnächst beginnt er in Frankreich mit den Dreharbeiten zu einem Film über Danton.

S.260Von links Krystyna Janda, Jerzy Radziwillowicz, Lech Walesa und AnnaWalentynowicz.*

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