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Stasi TREFFEN IM OBJEKT »ELLEN«

Neue Stasi-Dokumente belasten den PDS-Spitzenmann Gregor Gysi: Ein Rechtsanwalt, Deckname »Notar«, hat den Staatssicherheitsdienst der ehemaligen DDR danach bei Gesprächen in einer konspirativen Wohnung über vier seiner Mandanten informiert. Die vier Ausgespähten, allesamt Bürgerrechtler, wurden von Gysi vertreten.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Immer wenn Katja Havemann in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl vom Berliner Stadtrand aus ins Zentrum fuhr, sah sie dieses Plakat der PDS. Es zeigte das Konterfei Gregor Gysis und dazu einen witzig gemeinten Spruch: »Trauen Sie sich mal - es sieht ja keiner.«

Den Wahlslogan findet Katja Havemann, 47, inzwischen nicht mehr komisch: Ein- bis zweimal pro Woche fährt sie den Weg, um in der Stadt zu sichten, was die PDS-Vorgängerpartei SED und ihr Staatssicherheitsdienst hinterlassen haben über sie und ihren verstorbenen Mann, den Regimekritiker Robert Havemann.

Der Aktenberg besteht derzeit aus 300 Bänden, und ständig kommen neue dazu. Die Witwe des ehemaligen DDR-Staatsfeindes Nummer eins stößt darin immer wieder auf Überraschungen - so auch in der letzten Woche.

Beim Aktenstudium in den Räumen der Gauck-Behörde, die das Erbe des Geheimdienstes hütet, fiel ihr ein geschlossener Vorgang auf: Die Unterlagen handeln von einem Besuch des Rechtsanwalts Gregor Gysi, der am 10. April 1981 ins Haus der Havemanns in Grünheide bei Berlin kam.

An den Gast und das Gespräch mit ihrem Mann kann sich die Witwe erinnern. Wenig wundert sie auch, daß sich die Teile des Gesprächs, die der Stasi wichtig schienen, in einer »Tonbandabschrift« vom darauffolgenden Tag wiederfinden. Als Quelle ist ein Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen »Notar« angegeben. Berichte dieser Herkunft lagen schon öfter in den Akten.

Doch diesmal fand sie ein besonderes Papier; es dokumentiert, wie Stasi-Offiziere den Besuch bei Havemanns gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter »Notar« _(* Am 17. April 1982 bei der Beerdigung ) _(des Bürgerrechtlers Robert Havemann in ) _(Grünheide bei Berlin; das Foto haben ) _(Stasi-Leute zerrissen, um es zu ) _(vernichten. ) in einer konspirativen Wohnung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vorbereitet haben. Dabei hat sich »Notar« ausführlich abgesprochen mit dem Chef der Hauptabteilung XX/9, Oberstleutnant Wolfgang Reuter. Dessen Aufgabe war es, Havemann unschädlich zu machen. Anwesend war auch ein Mitarbeiter Reuters, Major Günter Lohr.

»Mit ,Notar'' wurde die Möglichkeit eines weiteren Besuches bei Robert Havemann in Grünheide beraten«, heißt es in dem Dokument über das Treffen in der konspirativen Wohnung. Die trug den Decknamen »Ellen«.

Das Trio legte fest, daß »Notar« seinen Mandanten Havemann »zum Zwecke der Informierung über den Stand des Holzhauses am 10. 4. 1981 aufsucht. Er wird sich telefonisch . . . anmelden lassen«. Gregor Gysi meldete damals seinen Besuch tatsächlich zu diesem Thema an, denn er beriet Havemann im Streit um ein kleines Gartenhaus auf dessen Grundstück.

Beim Treff der Offiziere mit ihrem Informanten »Notar« ging es aber nicht nur »um die Möglichkeit eines weiteren Besuches«. Aus dem Bericht ergibt sich vor allem, daß »Notar« ein Anwalt war, der im April 1981 neben Robert Havemann noch drei andere Bürgerrechtler vertrat: die Schriftsteller Lutz Rathenow und Frank-Wolf Matthies sowie, im Auftrag der Sängerin Bettina Wegner, den Liedermacher Karl-Ulrich Winkler. Der Rechtsbeistand aller vier Bürgerrechtler zu jener Zeit war Gregor Gysi, heute Spitzenmann der SED-Nachfolgepartei PDS.

Das Papier bringt den PDS-Star Gysi stärker in Bedrängnis als jedwede Anschuldigung zuvor. Denn bislang bestreitet er, sich überhaupt mit Stasi-Leuten in einer konspirativen Wohnung getroffen zu haben. Der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) »Notar« will er schon gar nicht gewesen sein.

Die Dokumente lassen an seiner Aussage zweifeln: Bei dem Treffen mit der Stasi sprach »Notar« nicht nur über den Havemann-Besuch. Er informierte die Stasi-Profis laut Protokoll anschließend über seinen »Mandanten Rathenow, Lutz«. Der IM plauderte auch aus, was beim »Verteidigungsauftrag« des Gysi-Mandanten und Schriftstellers Frank-Wolf Matthies noch zu tun sei, der nach West-Berlin übergesiedelt war. O-Ton Treffbericht: »,Notar'' hat lediglich noch die Freigabe verschiedener Bücher bei der Zollverwaltung und Übersendung an Matthies zu organisieren.«

Danach sprach »Notar«, so das Protokoll, »einen Bericht über die Sängerin Bettina Wegner auf Tonband«. Die Abschrift des Bandes ("entgegengenommen: Major Lohr am 7. 4. 1981«, Quelle: »Notar") schildert ausführlich »Inhalt und Form« eines Gesprächs zwischen der Liedermacherin und Gysi.

Die Unterlagen erhärten für Katja Havemann einen Verdacht, den sie und andere Bürgerrechtler schon länger hegen: »Notar« sei Gysis Stasi-Deckname - der Anwalt wie auch die beiden ehemaligen Stasi-Offiziere Lohr und Reuter bestreiten das. »Der Treffbericht«, glaubt jedoch Katja Havemann, »widerlegt die bisherigen Entlastungsversuche und dokumentiert den aktiven Einsatz Gregor Gysis gegen Robert Havemann.«

Nach dem Stasi-Papier hatte »Notar« die Aufgabe, »geplante Aktivitäten« Havemanns in Erfahrung zu bringen. Überdies sollte er Kontaktabsichten »westlicher Journalisten« erkunden: »Dabei soll ihn ,Notar'' eindringlich beeinflussen, alle evtl. negativen Vorhaben zu unterlassen.«

Der nächste Termin mit »Notar« wurde bei der Zusammenkunft in dem konspirativen Objekt »Ellen« auch gleich festgelegt: Nur vier Tage später, unmittelbar nach dem Besuch bei Havemanns, solle der Informant wieder bei der Stasi antreten. Pflichtbewußt erschien er, und auch über dieses Folge-Treffen existiert in den Akten eine Tonbandabschrift - Quelle: »Notar«, entgegengenommen von »Major Lohr, 11. 4. 1981«.

Aus der Abschrift geht hervor, daß Rechtsanwalt Gysi beim Besuch des Regimekritikers in Grünheide genau über die Themen sprach, die dem Spitzel »Notar« zuvor von den Stasi-Mannen aufgetragen worden waren. Selbst die Anwesenheit von Katja Havemann bei dem Gespräch sowie die Bitte einer Nachbarin, die von Gysi eine kleine Rechtsauskunft einholen wollte, hat »Notar« vermerkt.

Katja Havemann: »So wie es in den Akten als Spitzelbericht steht, hat das Gespräch mit Gysi bei uns zu Hause auch stattgefunden.«

Gleich zwei Verteidigungsvarianten des PDS-Politikers werden durch die neuen Papiere wacklig: »Notar« war offenbar kein fiktiver IM, keine Schublade, in der die Stasi allerorten gesammelte Erkenntnisse über Gysis Arbeit zusammentrug. Schubladen treffen sich nicht mit Offizieren.

Auch kann IM »Notar« kaum ein Unbekannter gewesen sein, der in Gysis Kanzlei arbeitete und Material zur Stasi trug. Ein solcher Mitarbeiter hätte Gysi schwerlich bewegen können, die besprochenen Stasi-Aufträge auszuführen.

Für die Witwe des 1982 verstorbenen Regimegegners Havemann ist damit klar: »Gregor Gysi ist zu DDR-Zeiten kein ehrlicher Anwalt gewesen.«

Bislang hat Gysi solche Verdächtigungen mit immer mehr juristischen Verfahren zurückgewiesen. So ging er nicht nur erfolgreich gegen Presseberichte vor, er überzog auch ehemalige Mandanten und Bürgerrechtler mit Prozessen, Klagen und einstweiligen Verfügungen zuhauf - sie sollten ihn nicht länger »Stasi-Spitzel« nennen dürfen.

Donnerstag vergangener Woche bestritt Gysi, mit den neuen Dokumenten konfrontiert, einmal mehr, sich jemals mit den Stasi-Offizieren Lohr und Reuter getroffen zu haben, »schon gar nicht in einer konspirativen Wohnung«. Gysi zum SPIEGEL: »Darauf kann ich alle Eide meines Lebens leisten.« Der detaillierte Bericht über seinen Havemann-Besuch sei wohl durch »abhören oder andere Quellen« zustande gekommen, mutmaßt Gysi.

Am Freitag verbreitete er eine »Erklärung« zu den »neuen Stasi-Vorwürfen gegen Dr. Gregor Gysi": Er könne nur hoffen, daß »die damals Verantwortlichen bei der Staatssicherheit endlich ihren Beitrag zur Aufklärung leisten«.

Doch die Offiziere Lohr und Reuter wollten vergangene Woche nicht Stellung nehmen. Sie hatten sich schon 1992 festgelegt, als Gysi erstmals verdächtigt wurde. Damals gaben die Stasi-Offiziere eine Ehrenerklärung für den Politiker ab. Es habe nie »eine inoffizielle Mitarbeit« Gysis gegeben.

Bislang jedoch gibt es keine Zweifel an der Echtheit der Dokumente. Die Gauck-Behörde bestätigte dazu Ende letzter Woche, daß »die Behörde in Zehntausenden von Fällen Operative Vorgänge detailliert durchgearbeitet hat«. Dabei, so Gauck-Sprecher Thomas Rogalla, habe »kein Treffbericht als gefälscht identifiziert« werden können.

Für die Echtheit der Papiere spricht auch die inzwischen identifizierte konspirative Wohnung, die von Reuters Abteilung XX/9 unter der Registriernummer 9944/60 benutzt wurde. Sie liegt in Berlin-Mitte, Schillingstraße 30, im 13. Stock eines anonymen Hochhauses, nahe beim Alexanderplatz.

Eine Nachbarin des Stasi-Treffs: »Hier hat sich noch nie einer um den anderen gekümmert. Hier weiß man nicht, wer gekommen und gegangen ist.«

Kein Anwalt in der DDR sei ein Widerstandskämpfer gewesen, weiß Katja Havemann, auch Gysi sei »nur ein Organ der sozialistischen Rechtspflege« gewesen. Dazu habe eine »penible Abstimmung« mit der Staatsmacht gehört. Sie findet es allerdings »reichlich geschmacklos«, daß Gysi sich jetzt zum Verteidiger der Oppositionellen stilisiere und mit dem Havemann-Mandat prahle.

Zu den Aktenfunden, die für sie Gysis Rolle beim Untergang der DDR erhellen, gehört auch ein Tonbandmitschnitt vom 21. November 1989. Er gibt eine interne Dienstbesprechung von Repräsentanten der sterbenden DDR wieder. Bei dem Gespräch ging es vor allem um die Stasi-Nachfolgeorganisation »Amt für Nationale Sicherheit«.

Der damalige Ministerpräsident Hans Modrow sagte laut Bandprotokoll über die Zukunft der DDR und den im Westen noch unbekannten Anwalt Gysi: »Wir werden auf manchem Gebiet uns mit jungen Leuten zusammenfinden müssen, die in der zweiten und dritten Reihe bis jetzt gearbeitet haben.« Y

»Wir werden uns mit jungen Leuten zusammenfinden müssen«

* Am 17. April 1982 bei der Beerdigung des Bürgerrechtlers RobertHavemann in Grünheide bei Berlin; das Foto haben Stasi-Leutezerrissen, um es zu vernichten.

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