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TSCHECHOSLOWAKEI / HUSÁK Treue gelobt

aus DER SPIEGEL 18/1969

Schon am Morgen nach Alexander Dubceks Abdankung gingen im Prager Zentralkomitee Stapel von Ergebenheitsadressen für seinen Nachfolger Husák ein: Parteiorganisationen in Stadt und Land gelobten dem tschechoslowakischen Kádár Treue.

Nach der Abwahl des Dubcek-Gefährten Smrkovsky aus dem Politbüro reagierten die Arbeiter -- die im Dezember anläßlich seiner Entlassung als Parlaments-Chef noch zum Streik gerufen hatten -- gar nicht mehr.

Studenten streikten noch für Dubcek und Smrkovsky -- aber auch nur halbherzig. Innenminister Grösser brauchte seinen Alarmplan für die Universitäten nicht in Kraft zu setzen. Nur einige Staatssicherheitsbeamte erschienen in der Prager Philosophischen Fakultät, um die Namen von Plakatmalern auszukundschaften.

Nach drei Tagen brachen die Studenten ihren Sitzstreik für die Helden der gescheiterten Reform von Partei und Gesellschaft selbst ab.

Die laue Reaktion des Volkes, das sich im August so leidenschaftlich gegen seine Unterdrückung gewehrt hatte, war gleichwohl nicht Resignation. Der Wechsel von Dubcek zu Husák gilt den Pragern als geringeres von mehreren möglichen Übeln: Denn in der Woche vor dem Führungswechsel in Prag erschien der sowjetische Verteidigungsminister Gretschko. Dessen Kandidat für den Posten des Ersten Sekretärs der KPC hieß nicht Gustav Husák, sondern Lubomir Strougal.

Der Führer der KP des tschechischen Bundeslandes der CSSR, Strougal, ist gleich Husák promovierter Jurist. Seine offiziellen Biographien enthalten eine Lücke in den Jahren 1949 bis 1955 -in jener Zeit, so heißt es schlicht. sei er »Staatsangestellter« gewesen. In jener Zeit -- während Husák in der Haft von Staatssicherheits-Genossen gezwungen wurde, seine eigenen Exkremente zu essen -- diente Strougal dem Staatssicherheitsdienst StB. Zuvor hatte er die Höhere Schule des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes in Moskau absolviert. Im Juni 1961 wurde Strougal Innenminister -- allerdings nicht als Kandidat des stalinistischen Parteichefs Novotny, der für seinen Freund Miroslav Mamula votiert hatte. Strougal aber genoß das Vertrauen Moskaus. Er assistierte bei der Verhaftung des früheren Innenministers Barák und beaufsichtigte dessen Verhöre und seine Verurteilung zu 15 Jahren Kerker. Bis zum April 1965 blieb Strougal Innenminister und Polizeichef, dann wurde er ZK-Sekretär.

Obwohl Strougal im Januar 1968 die völlig bankrotte Novotny-Gruppe stürzen half (die dann auch von den Moskauer Genossen fallengelassen wurde), blieb er stets auf Sowjetkurs. Strougal erklärte

* am 15. November 1968 im Zentralkomitee: »Die Parteileitung ist unfähig, die führende Rolle der Partei durchzusetzen«;

* am 6. Februar 1969 in Prag: Notwendig sei ein »kompromißloser Kampf gegen Liberalismus und Nationalismus«;

* am 3. März in Preßburg: »Antisozialistische Kräfte sind in der Tschechoslowakei tätig.«

Dem ZK-Plenum am 17. April lag ein Bericht über den Stand der Rehabilitierung von Opfern stalinistischer Verfolgung vor -- und darin stand der Name Strougals als Verfolger. Das ZK hatte damit einen Grund, statt des sowjet-empfohlenen Strougal das Stalin-Opfer Husák zu wählen -- mit 156 Stimmen bei 21 Enthaltungen und zwei Gegenstimmen.

Husák hofft, in absehbarer Zeit unter Hinweis auf die in der CSSR erreichte »Normalisierung« einen Abzug der sowjetischen Truppen zu erreichen, wenigstens aus den Garnisonstädten. in denen es ständig zu Zwischenfällen mit der Bevölkerung kommt. Und Husák rechnet damit, von der UdSSR einen großzügigen Kredit zur Überwindung der Wirtschaftsmisere zu erhalten. Darüber verhandelte er vorige Woche in Moskau.

Husák, der sich dem sowjetischen Parteichef Breschnew gegenüber ausdrücklich zu der nach dem Januar 1968 in Prag betriebenen Politik bekannte, will vielleicht eine Reform -- sicher aber ohne viele der bisherigen Reformer:

Gegen 16 Publizisten und Chefredakteure ließ er ein Parteiverfahren wegen »Verstoßes gegen die Parteidisziplin« einleiten. Einer von ihnen, der Vize-Chefredakteur des »Reporter«, Jiri Ruml, vorige Woche zum SPIEGEL: »Wir können nicht mehr die Wahrheit schreiben, aber wir brauchen auch nicht zu lügen.«

Die Zahl der ausländischen Korrespondenten in Prag soll rigoros verringert werden; letzten Freitag wurde SPIEGEL-Korrespondent Christian Schmidt-Häuer aus der CSSR ausgewiesen.

Neuer Chef-Zensor ist Josef Havlin, 45, der vor einem Jahr sein Amt in der »Ideologischen Kommission« der KPC verloren hatte: Bei den Studenten-Demonstrationen in Prag-Strahov, die Ende 1967 den Prager Umsturz eingeleitet hatten, war Ideologie-Kommissar Havlin unter den Polizeibeamten ausgemacht worden.

»Für Menschen, die Freiheit und Demokratie im Widerspruch zu den Erklärungen des Staates und des Sozialismus in der heutigen Krisensituation mißbrauchen, kann es keine Freiheit geben«, erläuterte Husák im ZK seine künftige Personalpolitik.

Seine Landsleute verdächtigen ihn daher, Dubceks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« durch einen

* Letzten Dienstag bei der Ankunft auf dem Flughafen Wnukowu. Vorn von links: Cernik, Breschnew, Kossygin, Podgorny. »Terror mit menschlichen Antlitz ei -- setzen zu wollen. Und die Prager Studenten erwarten von Husák (dessen Name zu deutsch »Gänserich« bedeutet) laut Plakat einen »Sozialismus mit Gänsehaut«.

Die erste Säuberung kündigte vorigen Montag ZK-Sekretär Strougal an. In Prag forderte er vor 3200 Arbeitern den Ausschluß jener Mitglieder aus der Partei, »die sich gegen ihre Politik stellen, während sie äußerlich Zustimmung heucheln«.

Sooft Strougal in seiner Rede die Sowjet-Union pries, erhoben sich alle Zuhörer und klatschten Beifall -- einschließlich der anwesenden Genossen Husák, Dubcek und Staatschef Svoboda. Auch als Strougal sich zur Breschnew-Doktrin bekannte ("Die Souveränität unserer Republik kann nur in der Verknüpfung mit den sozialistischen Ländern verwirklicht werden"), applaudierte der ganze Saal und erhob sich. Svoboda stand gleichfalls auf -- aber er applaudierte nicht.

Die -- bisher noch gewaltlose -- Säuberung der Führungspositionen hat auch die Armee erfaßt. Ein halbes Hundert Offiziere erhielten ihren Abschied. Bereits am 17. April forderten Sicherheitsbeamte einen Kollegen auf. seine Papiere abzugeben und in Urlaub zu gehen: den Hauptmann des Staatssicherheitsdienstes in Pribram und Dubcek-Anhänger Kulda. Er lieferte seine Akten und Dokumente ab und erschoß sich.

Es war der Tag der Dubcek-Abwahl. Abends meldete der Wetterbericht im Radio Prag: »Von Leningrad strömt kalte Meeresluft in unser Land.«

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