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Nordrhein-Westfalen läßt das rechte Kampfblatt Junge Freiheit observieren. In der Zeitung schreiben auch Unionspolitiker.
aus DER SPIEGEL 11/1995

Für altgediente Konservative und noch weiter rechts denkende Intelligenzler ist die Junge Freiheit (JF) so etwas wie ein revolutionäres Forum.

Der Berliner Historiker Ernst Nolte wünscht sich, daß in »absehbarer Zeit ebenso viele Studenten in der U-Bahn die Junge Freiheit lesen wie die taz«. Klaus Motschmann, Politologe an der Berliner Hochschule der Künste, preist die Wochenzeitung als Gegengewicht zu den »Mechanismen des Meinungskartells der Tabu-Konservatoren«.

Zu den Autoren des Blattes gehören die Mitherausgeberin des katholischen Rheinischen Merkur Christa Meves und Berlins abgehalfterter CDU-Innensenator Heinrich Lummer. CSU-Rechtsaußen Peter Gauweiler ist ein beliebter Interviewpartner der JF-Redakteure.

Wie viele Bürger die wöchentliche Rechtspost aus Potsdam kaufen, darüber schweigen Chefredakteur Dieter Stein, 28, und sein Partner, der Stuttgarter Unternehmensberater Götz Meidinger. Lediglich die Druckauflage - über 70 000 Exemplare - ist bekannt.

Zumindest eine Berufsgruppe liest die JF seit Monaten regelmäßig: Die Zeitung gehört, außer in Sachsen und im Saarland, allenthalben zur Pflichtlektüre der Verfassungsschützer.

Den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Schnoor hat das Druckwerk so sehr alarmiert, daß er es ab sofort beobachten läßt. Schnoors Verfassungsschützer haben beim Lesen »tatsächliche Anhaltspunkte für den Verdacht von Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung« entdeckt.

In einer knapp 30 Seiten umfassenden Auswertung hielten sie Entgleisungen der JF-Redaktion fest, so etwa den Satz, »daß ein parlamentarisches System genaugenommen eben keine Demokratie sein kann«.

Zudem, notierten die Geheimdienstler, fänden sich in der Wochenschrift regelmäßig Beiträge, »in denen revisionistische Bestrebungen zum Ausdruck kommen oder versucht wird, NS-Verbrechen zu relativieren oder den Nationalsozialismus zu rechtfertigen«.

Eine als Satire gekennzeichnete Leseprobe aus der Jungen Freiheit: »Der Jude ist's, der die unheildräuenden Fäden in der Hand hält und unser Land im allgemeinen und Eure höchst private Existenz im besonderen mit allerlei Unbill beschwert.«

Besonders scharf sind die Geheimdienstler auf die sogenannten Leserkreise der JF. Durch diese Zirkel, die vor allem in Universitätsstädten aktiv sind, soll nach Überzeugung des Düsseldorfer Verfassungsschutzchefs Fritz-Achim Baumann der »diffus auftretenden neuen Rechten« eine Struktur verpaßt werden. Näheren Aufschluß erhofft sich Baumann von V-Leuten in den Gruppen.

Das Konzept der »Leserkreise« ist in der ultrarechten Szene nicht neu. Erstmals nutzte der 1991 verstorbene Neonazi Michael Kühnen solche Vereine, um nach dem Verbot seiner Gruppe Aktionsfront Nationaler Sozialisten/ Nationale Aktivisten (ANS/NA) den rechtsextremen Untergrund zu organisieren.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) teilt zwar die Einschätzung der NRW-Kollegen. Doch die Kölner zögern bislang, sich den Düsseldorfern anzuschließen - aus politischer Rücksicht. BfV-Chef Eckart Werthebach fürchtet offenbar Ärger mit der Union.

Denn in der Jungen Freiheit melden sich zahlreiche Anhänger und Prominente der Christenparteien zu Wort - vom Sozialphilosophen Günter Rohrmoser über den Kanzlerintimus Pater Basilius Streithofen bis zum Bonner Innenstaatssekretär Eduard Lintner und Baden-Württembergs Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder. Y

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