PARIS-REISE Treue um Treue
In der Simca-Staatskarosse des Generals rollte der deutsche Bundeskanzler am Freitagabend durch das sonst nur für Staatschefs geöffnete Portal an den Champs Elysées zum Dinner in Frankreichs Präsidenten -Palast.
Für den Tag darauf hatte sich Gastgeber de Gaulle zum Essen mit dem Deutschen in der Privatresidenz des bundesrepublikanischen Botschafters Klaiber angesagt. Das hatte es noch nie zuvor gegeben.
33 Stunden lang hofierte General de Gaulle seinen Besucher Ludwig Erhard wie ein gekröntes Haupt. Und er versprach ihm »Treue um Treue«.
Die werbende Wärme des sonst so schroffen Generals hatte dreifache Ursache:
- Er wollte der Welt beweisen, daß er trotz seines Bruchs mit den Vereinigten Staaten und seiner Annäherung an Rotchina auf dem Kontinent niemals die Isolierung zu fürchten braucht.
- Er wollte nicht nur die deutsche Skepsis gegenüber seinem chinesischen Abenteuer überwinden, sondern sogar versuchen, Bonns Entwicklungsgelder stärker als bisher in französische Interessengebiete in Südostasien, Südamerika und Afrika zu lenken.
- Er wollte ein Beispiel geben, wie
ein Europa der Vaterländer funktionieren kann.
Das Beispiel der letzten Woche zeigte: de Gaulles Europa der Vaterländer soll autokratische Züge tragen. Nicht auf die parlamentarische Basis kommt es dem General an, sondern auf das Zusammenwirken der Staats- und Regierungschefs samt ihrer Minister.
Ludwig Erhard hatte zu diesem Zweck fünf Kabinettsmitglieder in seinen Sonderzug nach Paris geladen: Außenminister Schröder, Verteidigungsminister von Hassel, Wirtschaftsminister Schmücker, Entwicklungsminister Scheel und Familienminister Heck. Sie trafen sich mit ihren französischen Kollegen zur gemeinsamen Kabinettsitzung.
Die Protokollchefs beider Länder - sonst die heimlichen Dirigenten jedes Treffens zweier Staatsmänner - waren entmachtet. Um den Eindruck zu erwecken, das deutsch-französische Verhältnis habe das Stadium zwischenstaatlicher Beziehungen längst hinter sich gelassen und ähnele bereits einem Staatenbund, wurden alle vom General sonst so gepflegten Protokoll-Gesetze auf Anweisung des Vaters der Vaterländer außer Kraft gesetzt.
Bei der Ankunft des deutschen Sonderzugs, auf dem Pariser Ostbahnhof entfiel jedes Empfangszeremoniell. Bei der Abreise der Bonner gab es kein Kommuniqué.
Paris-Reisender Erhard, Gastgeber: Durch die Königspforte