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ALBANIEN Treulose Aktion

Die einträgliche Freundschaft mit China ist zu Ende. Sie brachte den Albanern angeblich zwölf Milliarden Mark ein.
aus DER SPIEGEL 31/1978

Albaniens Botschafter in Peking, Rebar Shtylla, sah es schon vor einem Jahr kommen: Er tauschte seinen chinesischen Wagen Marke »Rote Fahne« gegen ein Modell aus Japan. Noch ehe die Welt davon erfuhr, rief er die albanischen Studenten an der Pekinger Peita-Universität zurück in die Heimat: Die beiden kommunistischen Volksrepubliken haben einander die Freundschaft aufgekündigt.

Per Sonderflugzeug begann der Abzug der letzten 1000 (von zeitweise bis zu 6000) chinesischen Entwicklungshelfer aus Tirana. »Arroganz eines großen Staates« und »treulose Aktion« rief ihnen die albanische Nachrichtenagentur nach.

Damit endete eine über 30jährige, 18 Jahre lang exklusive Freundschaft, die China viel gekostet hat. In einer Note, die das Pekinger Außenamt dem Albaner Shtylla präsentierte, legte die Volksrepublik China die unbeglichene Rechnung vor:

* l,8 Millionen Tonnen Getreide -- während »das chinesische Volk an Nahrung und Bekleidung knappgehalten wurde«;

* über eine Million Tonnen Stahl -- als China »nicht genug für den Eigenbedarf hatte«;

* 10 000 Traktoren -- obwohl Chinas Bauern sich selbst »hauptsächlich auf Handarbeit und Zugtiere verließen«;

* sechs Kraftwerke -- wodurch Albanien mit Strom »überversorgt« ist; 1> eine Kunstdüngerfabrik« die Peking erst von den Kapitalisten hatte kaufen müssen, weil China längst nicht mehr in der Lage war, »alle stets wachsenden Wünsche Albaniens zu erfüllen«.

Hinzu kamen chinesische Panzer und Abfangjäger, »noch bevor die Volksrepublik China damit ihre eigenen Streitkräfte ausrüsten konnte«. Westliche Militärbeobachter rechnen dieser chinesischen Waffenhilfe für den einzigen europäischen Alliierten auch noch zwei U-Boote, Flugabwehr-Raketen sowie ein Dutzend nachgebaute MiG-21 und 36 MiG-l9 hinzu.

Peking beziffert den Gesamtschaden auf zehn Milliarden Jüan (12 Milliarden Mark). Westliche Finanzexperten kommen allerdings auf höchstens 90<) Millionen Dollar Chinahilfe für die Albaner. Seit drei Jahren liegt bereits eine sowjetische Offerte vor, Albanien »wesentliche ökonomische Hilfe« zu gewähren.

Jugoslawien fürchtet schon, daß Albanien nun »erneut nach Verbündeten gegen jene sucht, mit denen es nicht übereinstimmt« (Radio Zagreb) -- gemeint war Jugoslawien. Denn nicht Liebe zu den Zahlvätern hatte Albanien nach möglichst fernen Verbündeten Ausschau halten lassen, sondern die Angst vor dem nördlichen Nachbarn Jugoslawien.

Gegen dessen Zugriff müssen die Albaner, durch illyrische Herkunft mit keinem anderen europäischen Volk verwandt, ihre Eigenständigkeit seit dem Ende der Türkenherrschaft verteidigen: 1912 wurde ihr Siedlungsgebiet zwischen Serben, Griechen, Montenegrinern und einem Rest, dem heutigen Albanien, gevierteilt. Während des Zweiten Weltkriegs übernahmen Partisanen aus Serbien und Montenegro das Kommando in Albanien; später rückten zwei komplette jugoslawische Divisionen nach.

Denn laut Milovan Djilas, der als Stellvertreter Titos nach Moskau geladen wurde, sollte Albanien sich mit Jugoslawien vereinigen. Stalin

stimmte zu: »Je früher, desto besser.« Dabei machte er genüßliche Schluckbewegungen.

Nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin 1948 ließen die albanischen Kommunisten den von Tito vorgesehenen Statthalter in einem angeschlossenen Albanien, Koci Xoxe, erschießen. Tirana wurde stalintreu und konservativ: Noch heute stehen in Albanien Stalin-Denkmäler, und Parteichef Hodscha wehrt sich trotzig gegen »Mächte der Finsternis«. Sie wollen das Land der Skipetaren angeblich »in eine Kaschemme verwandeln, deren Türen weit geöffnet sind für Schweine, für Dirnen mit heißen Höschen oder ganz ohne Hosen, für struppige Hippies, die unsere schönen Volkstänze durch wilde Orgien ersetzen wollen«.

Um so beweglicher zeigte sieh der Kleinstaat auf außenpolitischem Feld. Als Sowjetführer Chruschtschow sich mit Tito versöhnte und 1957 ausgerechnet auf einem Empfang der albanischen Botschaft in Moskau den Botschafter Jugoslawiens umarmte, bot sich Albanien den Chinesen als europäischer Stützpunkt an.

Im vorigen Herbst wechselte aber auch Chinas neue Führung den Feind und bereitete Tito einen triumphalen Empfang. Das albanische Parteiblatt »Rruga e Partise": »Die Umstände haben sich so gestaltet, daß wir von niemandem mehr Hilfe erwarten dürfen.«

Das muß nicht so bleiben: Derzeit normalisiert Albanien seine Beziehungen zu Nato-Staaten wie Griechenland, Italien und Frankreich. Nach Titos Tod könnten sich noch ganz neue Koalitionsmöglichkeiten ergeben.

Würden dann stalinistisch eingestellte Serben das Land noch weiter auf Moskaukurs drängen, könnten die anderen Nationalitäten des Viervölkerstaates eigene Wege gehen -- Jugoslawien würde auseinanderfallen. Dann könnte sich Albanien das derzeit jugoslawische Kosovo-Gebiet heimholen: Dort lebt ein Drittel aller Albaner.

Schon jetzt ließ Hodscha, 69 und im Amt seit 34 Jahren, die Gebeine des in Saloniki ermordeten albanischen Nationalisten Hasan Priahtina aus Griechenland kommen und direkt an der Grenze zu Jugoslawien erneut bestatten.

Der neue Heros Priahtina, in Jugoslawien geboren, hatte vor dem Zweiten Weltkrieg einen Pakt aller internen Feinde Belgrads geschlossen -- der Nationalisten aus Albanien, Mazedonien und Kroatien.

Die Kroaten vertrat dabei Ante Pavelic, später Chef des von Hitler und Mussolini gestützten Ustascha-Staats.

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