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BBC Tribut an die Autorität

aus DER SPIEGEL 42/1959

Heftige Kritik erfährt neuerdings eine

der mächtigsten Institutionen des öffentlichen Lebens in England: die British Broadcasting Corporation. Nicht mehr uneingeschränkt gilt die Meinung, die BBC - als Verkörperung absoluter Wahrheit - sei überparteilich, sei Inbegriff der sprichwörtlichen englischen fairness und Objektivität, unterliege keinerlei Einflüssen von seiten der Industrie, der Regierung oder anderer Interessenverbände.

Die seit 37 Jahren bestehende britische Rundfunkgesellschaft, wie die deutschen Rundfunkanstalten eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, wurde 1927 durch einen Beschluß des Parlaments in ihre Monopol-Rechte eingesetzt. Ihr Vertrag muß jedoch alle 10 Jahre - durch Empfehlung einer- vom Parlament bestimmten Kommission - erneuert werden: Der bestehende Vertrag läuft Anfang der sechziger Jahre ab und könnte, wenn die Unzufriedenheit mit dem Sender sich durchsetzt, modifiziert werden, indem - wie beim Fernsehen - eine kommerzielle Radiostation eine zweite Lizenz erhielte.

Ein Artikel des früheren Punch-Chefredakteurs und ehemaligen freien Mitarbeiters der BBC Malcolm Muggeridge startete die Angriffe. Weil Muggeridge der amerikanischen Zeitschrift »Saturday Evening Post« einen kritischen Aufsatz über das öffentliche Auftreten der Königin geliefert hatte, war ihm, ohne Angabe der Gründe, sein Vertrag mit der BBC gekündigt worden. »Wer auch nur einen Schritt vom Wege tut«, folgerte Muggeridge, »und nicht pariert, wenn der Schäferhund bellt, wird aus der Herde ausgestoßen.«

Die im linksstehenden Wochenblatt »New Statesman« abgedruckte Kritik des 56jährigen Muggeridge wurde in England nicht allzu ernst genommen. Als aber dann der junge, schon sehr einflußreiche Journalist Henry Fairlie in der Augustnummer der prominenten Monatszeitschrift »Encounter« das Thema aufgriff, war die Öffentlichkeit bereit, sich an der Diskussion zu beteiligen.

In seinem Artikel bekämpft Fairlie den Mythos von der Unabhängigkeit der BBC. Er benutzt dazu die von ihm selbst aufgestellte Theorie des »Establishment«. Nach dieser Theorie wird die englische Öffentlichkeit von einer Verschwörung beherrscht, die nach Fairlie »keine Wurzeln im nationalen Leben hat und über keine tiefsitzenden nationalen Empfindungen verfügt«.

Den Begriff »Establishment« leitet Fairlie von der »Established Church« ab, der von Heinrich VIII. (1491 bis 1547) etablierten englischen Staatskirche, die seitdem eher für ihre Gefügigkeit gegenüber der jeweiligen weltlichen Macht als für theologische Profilierung bekannt ist.

Diese Indifferenz und Autoritätshörigkeit der anglikanischen Kirche entspricht nach Fairlie der - je nach Einstellung - Haupttugend oder Hauptschwäche des »Establishment": seiner Meinungslosigkeit. Ähnlich beurteilt der Autor die berühmte Überparteilichkeit der BBC.

Als politischer Kommentator der Wochenzeitschrift »Spectator« konstatierte Fairlie zu Beginn dieses Jahrzehnts ein neues politisches Phänomen. Er fand, daß der Sieg der Labour Party 1945 nicht etwa eine revolutionäre Entwicklung eingeleitet, sondern zu einer Konsolidierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens im Nachkriegsengland geführt habe.

Diese Situation ist nach Fairlie auf das stillschweigende Übereinkommen zwischen Regierung und Opposition zurückzuführen, gewisse Fragen und Probleme im öffentlichen Leben unangetastet zu lassen. Als Beispiele dafür dürften etwa die gemeinsame Außenpolitik der beiden großen Parteien oder das Phänomen des sogenannten »Butskellism« gelten, der (offiziell geleugneten) grundsätzlichen Übereinstimmung zwischen dem - konservativen - Finanzminister Butler und dem - sozialistischen - Finanzminister Gaitskell.

Dazu kommt die Bereitwilligkeit der sozialistischen Politiker und Gewerkschaftsführer, im gesellschaftlichen Spiel mitzumachen, beispielsweise Adelstitel anzunehmen. Die Aufsichtsratsposten der verstaatlichten Industriezweige werden an pensionierte Generäle und an verdiente Gewerkschaftsfunktionäre vergeben.

Ähnlich etwa dem österreichischen Prinzip des »Sankt Proporz« werden Stellungen von Einfluß mit pedantischer Gerechtigkeit nach rechts und links verteilt. Nicht anders verfährt die BBC: Spricht ein Würdenträger der römisch-katholischen Kirche im Dritten Programm, dann muß - minutengenau - auch ein Vertreter des Protestantis mus zu Wort kommen. Der Aufsichtsrat der Corporation setzt sich, exakt ausgetüftelt, aus Vertretern der Parteien, der kulturellen Institutionen und anderer Interessenverbände zusammen.

Die Bezeichnung »Establishment« ist bereits in die englische Umgangssprache aufgenommen worden. Fairlie beklagt sich darüber, daß der von ihm geprägte Begriff durch allzu häufige Benutzung zum Klischee geworden sei. Doch beteiligte sich »Daily Mail«-Kolumnist Fairlie an einem von Hugh Thomas jetzt herausgegebenen Essayband »Das Establishment« *.

Die Establishment-Haltung der BBC erkennt Fairlie besonders deutlich in den Round-table-Programmen. Diskussionen zwischen Partnern von unumstößlich verschiedener Meinung würden regelmäßig durch eine Zusammenfassung beendet, die alle Gegensätze ausbügele und einen meist ganz nebensächlichen Punkt hervorhebe, über den die Gesprächsteilnehmer sich geeinigt hätten. Die wirkliche Gefahr bestehe darin, daß die BBC »nicht predigt, nicht einmal versucht zu überzeugen; sie führt eine Gehirnwäsche durch, aber eine so geschickte Gehirnwäsche, daß niemand sie bemerkt. Und deswegen ist sie dem Establishment lieb Kind«.

Malcolm Muggeridge behauptet, George Orwell (1903 bis 1950), der zeitweise für die BBC arbeitete, habe das Londoner Broadcasting House als Vorbild für das »Ministry of Truth« (Wahrheitsministerium) in seinem utopischen Roman »1984« benutzt.

Der BBC müsse vorgeworfen werden, daß sie nicht darauf aus sei, »der Wahrheit nachzuspüren, sondern einfach öffentlich Verlautbarungen und Bulletins wiedergibt«, meint Fairlie. In einer brillanten Analyse der BBC-Nachrichtensendungen beweist er, daß etwa in einem Polizei-Korruptionsfall die BBC die Tatsachen nicht unmittelbar erforscht, sondern abwartet, bis die Regierung ein Kommunique herausgibt; sogar in ihren viel bewunderten Nachrichtensendungen also sei die britische Rundfunkgesellschaft autoritätshörig: »Gespeist von der Autorität, zollt sie der Autorität ihren Tribut.«

Fairlie kommt zu dem Schluß, die BBC sei »ein Mikrokosmos des Establishment, dessen Mitglieder einer Welt angehören, die keine Berührung mit der Wirklichkeit hat. Sie gehorchen nur ihren eigenen Gesetzen, haben keinen Zugang zu echter Erfahrung... gehen jedem wirklichen Konflikt aus dem Wege und möchten das politische und soziale Leben Englands auf die grandiose Verherrlichung der Inhaltlosigkeit reduzieren«.

Der auf die Formel Konformismus hinauslaufende Begriff Establishment ist inzwischen vielfältig appliziert worden - auch in einem beliebten neuen Gesellschaftsspiel, dem »Establishment Game«. Die Phänomene des gesellschaftlichen Lebens werden darin auf die Kategorien »in« und »out« verteilt. Nach den Spielregeln haben »Insiders« an der Establishment-Verschwörung teil, »Outsiders« bekämpfen sie. Bestimmte Redewendungen, Verhaltensweisen, Möbelstile, aber auch Maler und Schriftsteller werden in den Klatschspalten der Zeitungen als »in« oder »out« bezeichnet.

Bisher rechnete die BBC zum innersten Insidertum; da aber nun eine Lanze für das Outsidertum gebrochen worden ist, könnte es in Zukunft als unpassend gelten, zu den Konformisten zu gehören.

* »The Establishment.« A Symposium edited by

Hugh Thomas; Anthony Blond, London; 208 Sei

ten; 21 Shilling.

Journalist Fairlie

Wer einen Schritt vom Wege tut...

Kritiker Muggeridge

...wird aus der Herde ausgestoßen

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