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Australien Triebe im Ruß

Fünf Monate nach den verheerenden Flächenbränden wiederholt sich Evolutionsgeschichte: Der Busch lebt.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Gleißend brennt die Mittagssonne auf die Mondlandschaft des »Royal National Park«. Wo einst mächtige Eukalyptusbäume Schatten spendeten, ragen verkohlte Stümpfe aus der verkarsteten Erde. Ranger Andrew Herrigan stochert mit der Stiefelspitze in der Asche herum. »Wir haben Glück gehabt«, sagt er, wo immer er auf zartes Grün in der schwarzen Brachlandschaft stößt, »der Busch lebt.«

97 Prozent des Naturschutzgebietes wenige Kilometer südlich von Sydney waren um die Jahreswende bei einem der verheerendsten Buschfeuer in der Geschichte Australiens verbrannt. Doch schon fünf Monate nach der Katastrophe keimt Hoffnung im zweitältesten Nationalpark der Welt: Grasbäume mit üppigem Blattwerk und leuchtend roten Spitzen brechen zwischen Felsen hervor; aus rußgeschwärzter Borke schieben sich winzige rosafarbene Triebe, auf ausgebrannten Eukalyptusstämmen sitzen Honigfresser und singen.

Herrigan, der täglich die Fortschritte in seinem »Garten« inspiziert, ist ein hartgesottener Typ. Von Wundern der Natur zu reden ist nicht sein Stil. Was seine Stiefelspitzen ans Tageslicht fördern, sei die Wiederholung eines uralten Schauspiels: »Der australische Busch hat sich über Jahrhunderte an die Feuer angepaßt. Es gibt kein Element, das die Entwicklung unserer Tier- und Pflanzenwelt so beeinflußt hat.«

Von jeher brennen Farmer und Ureinwohner in regelmäßigen Abständen Buschwerk und Unterholz ab, um ein Übergreifen von Waldbränden, die im trocken-heißen australischen Sommer nicht ungewöhnlich sind, auf Anbau- und Siedlungsgebiete zu verhindern. Das Flämmen war den Rangern aus Umweltschutzgründen verboten worden. Deshalb loderte die Feuersbrunst zwei Wochen lang in den Urlandschaften von Neusüdwales, bevor 11 500 Feuerwehrmänner sie unter Kontrolle bekamen. Seither kann Herrigan die Evolutionsgeschichte der australischen Flora noch einmal verfolgen.

Als erstes sprießen die Gräser aus der Asche hervor: »Sie schützen ihre Wachstumszellen tief in ihrem Innern, oft sogar unter der Erde«, erklärt der Ranger. »So überleben sie selbst dann noch, wenn die Flammen die äußeren Schichten völlig eingeäschert haben.«

Obwohl er wie eine Fackel brennt, knisternd und qualmend verglüht, entwickelt auch der Grasbaum schon nach wenigen Tagen neue Triebe. Zwei Wochen nach dem Inferno waren sie bereits 30 Zentimeter lang. Gummibäume bergen ihre potentielle Nachkommenschaft als ruhende Keime unter dem Stamm. »Sie brennen geradezu darauf zu sprießen«, sagt Herrigan. Sobald der Baum einen starken Blätterverlust erleidet, schießen die Nottriebe aus der schwarzen Rinde hervor.

Die Pflanzen des australischen Buschs verfügen über eine einzigartige Fähigkeit, Brandkatastrophen zu widerstehen. Einige, wie der Silberbaum, sind für ihre Vermehrung gar auf Feuer angewiesen. Das Gewächs, das seine Früchte nicht abwirft, schützt seine Samen durch dicke, hölzerne Schalen. Die aber gehen erst auf, nachdem es gebrannt und geregnet hat. Dennoch fürchten Herrigan und seine Kollegen derzeit nichts mehr als den erneuten Ausbruch von Flächenbränden. Davon würde sich der Urwald »nie wieder erholen«.

Zu spät kommt jede Hilfe für den Koalabären. Während sich andere Buschbewohner vor der Feuerwalze in Höhlen, Wasserlöcher und Felsspalten retteten, flüchteten sich die Koalas instinktiv in die Kronen der Eukalyptusbäume - eine tödliche Falle. Y

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