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Trinkt mäßig, aber trinkt dennoch

aus DER SPIEGEL 17/1949

Hinter den Kulissen der USA ist ein erbitterter Krieg ausgebrochen. Drei Frauen haben 64 Millionen Männern den Kampf angesagt. Lily Matheson, Leigh Colvin und Violet Black, die Vorsitzenden der »Women Temperance Union«, der weiblichen Anti-Alkohol-Bewegung, wollen die Vereinigten Staaten wieder trockenlegen.

Sie operieren dabei mit schlagkräftigen Statistiken. Die USA geben jährlich 9 Milliarden Dollars für alkoholische Getränke aus. Jeder Yankee konsumiert im gleichen Zeitraum durchschnittlich 180 Liter alkoholhaltige Getränke. Macht täglich fast einen halben Liter pro Gaumen. Auf der anderen Seite, so argumentieren die drei ebenso betagten wie energischen Damen, stehen in amerikanischen Krankenhäusern ständig etwa 600000 Menschen unter ärztlicher Aufsicht. Wegen gesundheitsschädigenden Alkoholgenusses.

Die FPM (Fédération Prohibitioniste Mondiale), die Anti-Bar-Liga, die Liga zur Abstinenzerziehung der Bevölkerung und die Anti-Alkohol-Partei haben sich mit den streitbaren Damen zu gemeinsamem Kampf zusammengeschlossen. Die neue Bewegung geht von den Staaten Kansas, Mississippi und Oklahoma aus, die vor sechzehn Jahren im Gegensatz zu den anderen US-Bundesstaaten das allgemeinamerikanische Alkoholverbot nicht aufhoben und seitdem »trocken« blieben.

Um so mehr hat es nun die Anti-Alkoholiker erbost, daß gerade dieser Tage der Staat Kansas im Mittelwesten aus diesem alkoholfeindlichen Dreibund ausbrach und Oklahoma und Mississippi auf dem Trokkenen sitzen ließ.

Kansas ist bisher natürlich niemals ganz ohne Alkohol gewesen. Wer die richtigen Quellen kannte, hat immer seinen Whisky oder Gin bekommen. An dem Alkoholschmuggel nach Kansas verdienten die lieben Nachbarn des trockenen Landes prächtig. Mancher der großen Rum-Runner und Bootlegger aus der Prohibitionszeit von 1920 bis 1933 konnte so sein einträgliches Geschäft bis heute fortsetzen.

Das ist auch eins der Hauptargumente der »Feuchten« im Kampf gegen die Prohibitionisten. Sie machen geltend, daß selbst zu Zeiten der schärfsten Trockenlegung stets Alkohol in den USA zu haben war und daß der Staat eine ganze Polizeiarmee aufbieten mußte, um den Schmuggel zu verhindern.

Die Schnapsproduzenten des Landes reagieren auf den Trockenlegungs-Feldzug auf ihre Weise. Sie haben in allen Großstädten der USA Riesenplakate mit dem Slogan anbringen lassen: »Trinkt mäßig, aber trinkt dennoch!«

Trotzdem sind die drei streitbaren Temperenzlerinnen schon bis zum Kongreß durchgedrungen. Doch bis jetzt hat die feuchte Partei immer noch eine knappe Mehrheit zu verzeichnen. Ein Abgeordneter erläuterte bei einem Glas schäumenden Biers lächelnd den Grund: »Die Prohibition ist wie eine Schwiegermutter. Man kann sie sehr leicht einladen, aber es ist außerordentlich schwer, sie später wieder loszuwerden.«

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