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RAUSCHGIFT Trip mit Minis

Rauschgift in neuer Form wird auf dem westdeutschen Drogenmarkt vertrieben: Millimeterkleine Pillen und Plättchen. Sie tragen den Händlern Vorteile, dem Konsumenten aber größere Gefahr ein.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Rund 50 Gramm Haschisch, schwarzer Afghan von feinster Qualität. wechselten auf offener Straße in Bremens Innenstadt den Besitzer. Doch was der Kriminalpolizist, der den Handel beobachtet hatte, bei der Durchsuchung der beiden Dealer entdeckte, war von weit höherem Wert.

In einem Zellophantütchen fand der Beamte zwei winzige Schnipsel, die aussahen wie belichtetes Filmmaterial, 0,3 Millimeter stark und in der Form gleichschenkeliger Dreiecke, jede Seite 1,5 Millimeter lang. Sie bestanden, wie der Oberchemierat Johannes Böhler im Kriminal-Labor feststellte, aus Gelatine und der Droge LSD in »hervorragender Reinheit": Noch nie zuvor hatte es in Bremen so kleine Trips gegeben. »Mindestens zehn Stück«, so Böhler, »passen unter den Nagel vom Daumen oder großen Zeh.«

Die in Fachkreisen so genannten »Dreieckigen« zählen zu den jüngsten Attraktionen der internationalen Rauschgiftszenerie: Minis und Mikros für Maxi-Halluzinationen. So kamen auf Londons psychedelischen Schwarzmarkt purpurfarbene Pillen von der Größe eines Stecknadelkopfes. Der Polizeichef des Londoner Vororts Harlow. Willis Vickers: »Ich bin zutiefst besorgt über das Auftauchen dieser neuen Form von LSD.«

In Berlin entdeckte die Polizei quadratische und zylindrische Blöckchen in Rosa, Weiß und Braun, etwas kleiner als ein Streichholzkopf (Kriminalhauptkommissar Hans-Werner Lukas. »So winzige hatten wir noch nie").

In München analysierte Chemie-Direktor Dr. Emil Leucht vom bayrischen Landeskriminalamt »die ersten Kleinstpräparationen": violette Würfelchen von einem Millimeter Kantenlänge und transparente viereckige Plättchen, die je Seite 1,5 Millimeter messen.

Und in Hamburg auf der Großen Freiheit, nahe dem Poplokal »Grünspan«, griff die Polizei am Mittwoch vorletzter Woche einen »Travel-Agent« (Jargon für LSD-Verkäufer) mit der ersten Groß-Auflage dieser kleinen Trips: 200 hellblaue Pastillen, ein mal ein Millimeter und einen halben Millimeter stark. Kriminaldirektor Hans Zühlsdorf: »Es sind die ersten Trips dieser Art, und daß sie, entgegen »dem üblichen Marktpreis von zehn bis 15 Mark, nur zwei bis drei Mark pro Stück kosten, spricht für eine große Serie.«

Die Mini-Mode löst auf dem Psycho-Markt, auf dem zu Gründerzeiten noch der mit einer Pipette betropfte Zuckerwürfel dominierte, eine Art Popwelle ab -- mit exzentrisch gestalteten Produkten, etwa goldbronzierte LSD-Drops oder mit leuchtendgrünem LSD-Filz gefüllte Kapseln. Und sie verrät Anpassung an die wirtschaftlichen und kriminalistischen Realitäten: Je kleiner das Ding, »desto geringer sind Materialaufwand und Herstellungskosten« (Chemiker Leucht) und »desto besser läßt es sich verstecken« (Kriminalist Zühlsdorf).

Größer als je zuvor ist hingegen die Wirkung dieser Trips. Obzwar schon 25 Mikrogramm LSD für den ersten Ausflug ins Traumreich reichen, enthalten die bunten berliner Blöcke die von Gewohnheitsreisenden benötigten 60 Mikrogramm, die bayrischen Plättchen 100, die Münchner Würfel wie die Bremer Dreiecke und die Londoner Purpurpillen gar rund 150 Mikrogramm -- eine »beträchtliche Dosis für Jugendliche«, wie Chemiker Leucht warnt.

Das ohnehin hohe Risiko aber erhöht sich weiter durch eine optische Täuschung. Leucht: »Die Wirkung kleiner Tabletten wird allzu leicht unterschätzt, so daß mehrere Trips auf einmal geworfen werden, wie es in der Subkultur heißt.« Zwar überstand der Schweizer LSD-Erfinder Dr. Albert Hofmann 1943, als er die Droge im Selbstversuch probierte, auch 250 Mikrogramm schadlos. Doch der Forscher war ein ausgewachsener Mann und seine Substanz Dextro-Lysersäurediäthylamid-Tartrat-25 von höchster Reinheit.

Zusätzlich bedroht sind psychisch labile Mini-Konsumenten schließlich dadurch, daß die Reise statt der gewohnten sechs bis acht Stunden nun wegen der hohen Dosierung oft 24 Stunden oder gar Tage dauert. Die Folge können sogenannte Horrortrips sein.

In Bremen mehrten sich nach Beobachtungen des Drogendezernats die Höllenfahrten mit den Dreieckigen -- bis die LSD-Schlucker darauf kamen, die Winzlinge noch einmal zu teilen. In Harlow warf sich Barry Coley, 19, nach dem Genuß von Purpur-Pillen vor einen Bus. Polizeichef Vickers: »Normalerweise ruft die Droge Halluzinationen hervor, aber diese konzentrierten Pillen schaffen Todesängste, Terror und die Tendenz zum Selbstmord.«

Eine zweite Neuigkeit neben der Mini-Masche machte auf dem Rauschgiftmarkt das Hamburger Release-Zentrum aus, das drogensüchtige Jugendliche aufliest oder ihnen per Telefon (43 45 41) Rat erteilt: LSD plus »Speed«. Release-Mitarbeiter, die oft frisch im Handel aufgetauchten Stoff chemisch analysieren und vor schlechter Ware per Flüsterpropaganda warnen, identifizierten in dieser Kombination das Doping-Mittel Amphetamin, das Müdigkeit verschwinden und Gedanken rasen läßt.

Ein Kenner von Release über die Wirkung des Expreß-LSD: »Du wartest nicht erst eine Stunde, bis es losgeht. sondern du fährst mit 180 in die Irrationalität. Aber die meisten Leute geraten dabei aus der Fassung.«

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