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BRASILIEN Tritt in den Mund

Samba-Mulattinnen aus Brasilien haben Welterfolg - nun wollen sie eine Gewerkschaft gründen. *
aus DER SPIEGEL 43/1984

Ein Schlitz in ihrem Rock enthüllte ein Stück zimtfarbenen Schenkel, ihre Brüste gingen im sanften Rhythmus ihres Schlafes auf und nieder, sie verbreitete einen »Duft von Nelken": der brasilianische Schriftsteller Jorge Amado über die Mulattin Gabriela.

Amados Geschöpf erreichte durch Roman und Film Weltruhm. Dem Literatur-Mädchen folgt nun eine Welle, die Brasiliens Samba-Mulattinnen zum weltweit begehrten Export-Produkt

macht. Ob in Abu Dhabi oder Jerusalem, in Singapur oder Atlantic City, zunehmend treten in Casinos und Clubs zu Karnevalstrommeln mit suggestivem Tanz dunkelhäutige oder kaffeefarbene Brasilianerinnen auf.

Im vergangenen Juli fetzten achtzig Mitglieder der Sambaschule »Mocidade Independente« aus Rio über die noble Promenade des Anglais in Nizza - über 80 000 Menschen zahlten je 50 Franc Eintritt, um das Spektakel zu sehen. »In den Nachtklubs von Tokio gibt es schon genügend Mulattinnen, um eine ganze Sambaschule zu machen«, versichert Oswaldo Sargentelli, Inhaber des Nachtlokals Oba Oba in Rio.

Von der Regierung fordert der als »Mulata-König« gefeierte Unternehmer nun sogar Exportkredite: Vor kurzem schickte er eine 50köpfige Samba-Truppe auf eine einjährige Europa-Tournee, die am 11. Oktober in Rom anlief. Thema der Show ist die Geschichte von Xica da Silva, einer Sklavin, die ihren portugiesischen Herrn betörte.

Insgesamt tanzen Brasiliens Mulattinnen derzeit schon an die 400 000 Dollar im Monat im Ausland ein, und das Volumen des Exportmarktes wächst ständig.

»Man mag uns eben im Ausland«, meint Sueli Farias, 33, aus Sao Paulo, die seit ihrem 14. Lebensjahr Samba tanzt, »man mag unsere Farbe, unseren Körper, wie wir bei Gang und Tanz mit Rhythmus den 'Bumbum' bewegen.«

Die Rolle einer Xica da Silva lehnt sie strikt ab, wie auch die jener unzähligen Slum-Mädchen, die ihre Reize in miesen brasilianischen Nachtlokalen für ein Trinkgeld zur Schau stellen und sich nachher an der Promenade von Copacabana den Touristen feilbieten.

Da sie sich von ihren Empresarios ausgebeutet fühlten, wurden Sueli und Kolleginnen selber zu Unternehmern. Sie organisieren Auftritte in Brasilien wie auch Tournees in den Nahen Osten, nach Europa oder Nordamerika. »Meine Mädchen sind die bestbezahlten«, versichert Sueli. 100 000 Cruzeiros (130 Mark) pro Kopf ist das Minimum für einen Auftritt im Inland, im Ausland kassieren die Tänzerinnen oft bis zu 2000 Dollar im Monat.

Jetzt streben die Samba-Mulattinnen eine Gewerkschaft an, die ihre Berufskategorie repräsentieren und ihnen Minimalgehälter sichern soll.

Die Gewerkschaft, die aus rechtlichen Gründen zunächst als Verein eingetragen wird, soll ihre Mitglieder durch Tanzkurse auch beruflich fördern. Vor allem soll ein Anwalt die Frauen bei Vertragsabschlüssen beraten.

Neben materieller Förderung geht es Sueli und ihren Mitstreiterinnen um Seelisches: »Wir wollen respektiert werden.« Denn allzuoft sind die von Dichtern besungenen Mulattinnen die Opfer einer geheimen Krankheit der brasilianischen Gesellschaft, des Rassismus.

»Jeder möchte gern eine Mulattin als Freundin haben«, meint Show-Veranstalter Sargentelli, »doch keiner wagt es, sich mit ihr in Gesellschaft zu zeigen.« Denn es ist ein Märchen, daß in Brasilien Rassendiskriminierung nicht stattfinde.

Gewiß, weil starke schwarze Organisationen fehlen und die breite Schicht von Mischlingen die Gegensätze mildert, hat es harte Rassenkonflikte wie in den USA bislang nicht gegeben. Die Trennung besteht dennoch: Sanft, aber bestimmt weist die bessere Gesellschaft, die weiße, die farbige zurück.

»Sie sollten an einem Waschzuber stehen, Sie Kreolin«, schrie etwa eine wütende Nachtclub-Besitzerin eine Tänzerin an, als diese sich spielerisch dem Mann der Weißen zu nähern wagte. Denn Hausangestellte ist nach Meinung der meisten Brasilianer noch immer der angemessene Beruf für eine farbige Frau.

Und tatsächlich stammen auch 80 Prozent der »Mulatas« von Hausangestellten ab: Die Weiße zum Heiraten, die Schwarze als Köchin, die Mulattin fürs Bett, heißt es in Brasilien.

Doch der Volksmund sagt auch: »Geld macht weiß.« Von ihrem Einkommen auf dem seit kurzem so rasch wachsenden Export-Markt erhoffen sich die Samba-Tänzerinnen von Suelis Gewerkschaft berufliche Anerkennung und Respekt auch im Privatleben.

Heute machen sie's notfalls mit Härte: Als ein Tourist im Oba Oba von Rio der Tänzerin Rosangela an die Beine griff, gab sie ihm einen Tritt in den Mund.

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