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Nahverkehr Trödeln oder beamen

Ein neues Computerprogramm erleichtert Autofahrern das Umsteigen auf Busse und Bahnen. Städtische Verkehrsplaner können nichts dafür.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Wenn sich Christian Deike, 30, und Norbert Römer, 38, in Hamburg zum Bier treffen wollen, zum Beispiel abends um sieben, überlassen sie nichts dem Zufall. Beide tippen in ihren Homecomputer die Uhrzeit des Treffens ein sowie die U-Bahnstation, die am nächsten zur erwählten Kneipe liegt.

Punkt 18.42 Uhr kreuzen sich die Fahrtrouten der Computerspezis, wie verabredet, am Bahnhof Jungfernstieg. Treffpunkt: Linie S1, erster Waggon. Von dort fahren beide weiter nach Altona, Richtung Stammkneipe.

Möglich wird das exakte Zech-Timing durch ein Computerprogramm, das die beiden Hamburger in knapp dreijähriger Entwicklungsphase erdacht haben: »Metro 3.0« sucht Bus- und Bahnbenutzern der Hansestadt per Knopfdruck aus einigen Millionen möglicher Fahrtrouten die schnellsten Verbindungen heraus, mit Umsteigestationen, Ankunfts- und Abfahrtszeiten und gesamter Fahrzeit.

Wer etwa samstags um zehn Uhr auf dem Hamburger Flughafen landet und zum Messegelände in der Innenstadt will, kann mit dem System wählen, ob er eine halbe Stunde mit drei Umsteigestationen fahren will oder 14 Minuten mehr Fahrzeit in Kauf nimmt, dafür aber nur einmal umsteigen muß.

Das bundesweit einmalige Programm, das seit kurzem für 24,80 Mark in Hamburger Buchläden vertrieben wird, erspart den Bahnkunden das aufwendige Studium dicker Fahrplankataloge. Jeder kann am heimischen PC oder auf tragbaren Computernotebooks selbst seine Bahnauskünfte abfragen und für die Stadttour ausdrucken lassen.

Zu soviel Kundenservice sind bundesdeutsche Verkehrsbetriebe aus eigener Kraft bisher nicht fähig. Trotz millionenteurer Werbeaktionen der Nahverkehrsplaner ("Einfach Spitze: Mit der U-Bahn ins Ballett!") müssen sich einsichtige Autofahrer beim Umsteigen auf Busse und Bahnen noch immer mit nahezu unlesbaren Fahrplanschmökern plagen. Lediglich die Bundesbahn und die Münchner Verkehrsbetriebe geben auf einigen wenigen Computerterminals an Bahnhöfen elektronischen Einblick in ihre Fahrpläne.

Für das Metro-Programm wollte denn auch der Hamburger Verkehrsverbund (HVV), trotz mehrfacher Anfragen, keinen Pfennig investieren. Deike und Römer haben das aufwendige Programm in Eigenregie an Feierabenden und Wochenenden gefertigt.

»Dazu mußten wir«, so Diplom-Physiker Römer, »teilweise mit der Stoppuhr die Umsteigezeiten auf den S-Bahnhöfen ausmessen.« Entsprechend lassen sich bei Metro die Umsteigezeiten auf das persönliche Gehtempo einstellen: von 3,0 (trödeln) bis 0,0 (beamen). Dazu gibt es Tips für die besten Fußwege ("Durch den Tunnel geht schneller als oben über die Brücke").

Die Berührungsangst der Verkehrsverwalter gegenüber der Privatinitiative von Deike und Römer hat ihre Gründe: Seit Jahren versucht der HVV, mit einem eigenen Info-Programm auf den Markt zu gehen: Geofox, ein »Geographisches Fahrgast-Orientierungs- und Auskunftssystem«, sollte schon im Juli letzten Jahres fertig sein. Mehr als 600 000 Mark haben HVV und der Hamburger Senat in die Entwicklung bereits investiert.

Doch das Programm, das mehr Funktionen bietet als die Metro-Software, soll frühestens nächsten Monat zu gebrauchen sein - vorerst nur intern für die telefonische Fahrplanauskunft des HVV. Ein freier Verkauf von Programmdisketten an Computer- und Monatskartenbesitzer sei so schnell »sicherlich nicht zu erwarten«, sagt eine Sprecherin.

Deike und Römer planen da schon weiter: Zusammen mit der Hamburger Niederlassung von IBM wollen sie Außendienstmitarbeitern des Computergiganten das Metro-Programm auf tragbare Rechner laden.

Doch die Hamburger Computerspezis wittern noch größere Geschäfte: »Programm und Fahrplan des Systems arbeiten getrennt«, erklärt Programmierer Deike. »also läßt sich jeder Fahrplan der Republik einspeisen.« Einige größere Städte, darunter Hannover und Hildesheim, hätten bereits angefragt.

Möglich sei zudem, schwärmen die beiden, Fahrpläne über eine Art Magnetkarte in kleinste elektronische Rechner einzuspeisen, wie sie viele Geschäftsleute bisher zur Terminorganisation verwenden.

In einem Terminal an Flughafen oder Bahnhof könnte der Benutzer dann seinen Termincomputer mit dem örtlichen Bahnnetz bestücken und sofort per Knopfdruck jede mögliche Fahrverbindung der fremden Stadt abrufen. Daß die termingeplagten Manager sich eventuell zu fein sind fürs Busfahren, davor ist den Hamburger Programmierern nicht bange.

Er habe, berichtet Römer, »mal herumtelefoniert unter unseren Kunden: Das sind keine Studenten, das sind Firmenchefs, Ärzte und Rechtsanwälte - alles Leute, für die Zeit Geld ist«. Y

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