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Trogschnauziger Posauk

Mit dem Weltstar Mario Adorf und einem Budget von mehr als sieben Millionen Mark drehte Ex-Defa-Regisseur Egon Günther den ARD-Dreiteiler »Heimatmuseum« nach dem Bestseller von Siegfried Lenz. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Ergriffenes Schweigen im völlig überfüllten Warschauer Premierenfilmtheater »Bajka«. Auf der Leinwand leistet Weltstar Mario Adorf schauspielerische Schwerstarbeit: Er hinkt so herzerschütternd durch die Szene, als wolle er Moby Dicks einbeinigen Kapitän Ahab und Rumpelstilzchen zugleich spielen. Krachend stürzt er sich zu Boden, fleht um »Verjebung«, als ginge es um den Ifflandring des Fernsehens.

Zu besichtigen war in Warschau ein Vorhaben, für das das Fernsehen Reklame macht wie selten zuvor. Journalisten wurden bei minus 30 Grad zu den Dreharbeiten gekarrt; in Prag fand eine private Vorführung für Botschaftsangehörige statt und nun in Warschau vor Publikum und geladenen Gästen gegen alle Ressentiments die Uraufführung, als gelte es, die Ostpolitik im Fernsehmaßstab fortzusetzen. Selbst Frau Jaruzelsky, Germanistin und Frau des polnischen Staatspräsidenten, saß unter den Besuchern.

Aufwand und politische Promotion gelten dem dreiteiligen Fernsehfilm »Heimatmuseum« nach Motiven des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz, dessen erster Abschnitt am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten Programm zu sehen ist _(Teil 2: Mittwoch, 30. März, 20.15 Uhr; ) _(Teil 3: Karfreitag, 1. April, 20.15 Uhr. ) .

Das 1978 erschienene epische Protokoll über den Verlust der masurischen Heimat war für die »FAZ« Siegfried Lenz'' »reifstes und am sorgfältigsten gearbeitetes Werk«. Detailversessen, voller unbezähmbarer Fabulierlust begleitet der Dichter seinen masurischen Teppichwirker Zygmunt Rogalla von den Tagen der Kindheit in Lucknow am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis aufs Krankenbett in Westdeutschland, wo sich der Heimatsüchtige von Brandverletzungen erholt. Die Lenzsche Chronik - eine im Rückblick erzählte Parabel von der Unbewahrbarkeit der Heimat, voller Brechungen und Ironie, aber auch unbefangen hinerzählter Landschaftsschilderungen und liebevollem Gründeln in der mythenreichen masurischen Heimatgeschichte.

Das Sujet macht gespannt: Spätestens seit Edgar Reiz'' unvergessener Hunsrück-Chronik »Heimat« hat sich bis zum letzten Fernsehzuschauer herumgesprochen, daß sich der zuvor verachtete Begriff durch einfühlsame Filmkunst dem Schnulzenkino entreißen ließ.

Die Liste der Autoren solcher kritischen und gebrochenen, künstlerischen Heimholungen von Heimat zierten Namen vieler bedeutender deutscher Filmemacher. Ob Alexander Kluges »Patriotin«, Rainer Werner Fassbinders »Ehe der Maria Braun« oder Hans Jürgen Syberbergs »Hitler - ein Film aus Deutschland« - Heimat, so politisch mißbraucht der Begriff ist, konnte »vergessenes Menschliches« (Walter Benjamin) ins Gedächtnis zurückrufen, wie die neuen Adaptionen beweisen.

Zuletzt gar kreierte Wim Wenders in »Der Himmel über Berlin« mit Hollywood-Technik und deutscher Innerlichkeit eine neue Heimat-Mythologie.

Heimat also - ein cineastisch gut bestellter Acker. Das Fernsehen aber hatte so seine Mühen, einen Regisseur für TVgerechte Umsetzung des Lenzschen Romans zu finden. Erst sollte Peter Beauvais, der sich bei der Verfilmung der Lenzschen »Deutschstunde« bewährt hatte, die Regie übernehmen. Herausgekommen wäre wohl ein detailgenaues Kammerspiel. Doch nach dem plötzlichen Tod von Peter Beauvais verfiel man auf den Defa-Regisseur Egon Günther.

Dem allerdings liegen zartbesaitetes Kammerspiel, ironische Gebrochenheit, detailversessene Übertragung einer literarischen Vorlage in das Medium Film weniger. Günther lieferte bisher vor allem pralle Bilderbogen: Goethe führte er im DDR-Film »Lotte in Weimar« _(Edwin Noel als Obernazi Reschat (M.). )

(1974) als pampigen, ungeistigen, präpotenten Kloß vor, von Thomas Manns Roman-Vorbild eines würdigen Greises keine Spur. Die Figurenvielfalt in Lion Feuchtwangers Roman »Exil« lichtete er für eine gleichnamige ARD-Serie derart konsequent, daß die Erfolglosen und Gescheiterten, das normale Schicksal unter den Exilanten, nicht mehr zu ihrem Recht kamen.

Auch Lenz'' verschachteltes Heimatmuseum kämmte der Regisseur gründlich durch. Als filmisch unbrauchbar zupfte der heute in München lebende Günther zunächst die Rahmenhandlung aus dem Erzählteppich heraus: Daß Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla, der gelernte Teppichweber, im Dialog mit einem jungen Mann vom Krankenbett aus sein Leben im masurischen Lucknow erzählt, daß er sich mit vielen Selbstzweifeln, ob denn so etwas überhaupt nach allem, was passiert ist, noch begreifbar ist, ständig gegen den Erzählfluß stemmt, das alles interessiert Günther nicht.

Er stürzt sich gleich hinein ins scheinbar volle Kinoleben: Man sieht Zygmunts Vater Jan, einen Masuren-Magier mit schwarzem Zylinder, der gewöhnlich die heimische Veranda für die Produktion von Wundermitteln mit giftigen Dämpfen benebelt, auf einem Wagen beim Verkauf seiner Essenzen. Ihre Wirksamkeit beweist er im Selbstversuch: Er läßt sich von einer Kreuzotter beißen und von selbstgebrauten Wundermitteln wieder beleben.

Dann galoppiert singend der böse Großvater, der »Deibel von der Domäne«, durch den Wald und lädt sich ein knuspriges Mädchen auf den Schimmel. Das Liebesspiel wird vom Ofensetzer Eugen Lawrenz entdeckt. Es setzt Schläge zwischen ihm und Gorßvater, filmwirksam im hohen Maisfeld. Zurück bleibt der zum Krüppel geschlagene Domänenpächter, den Adorf für den Rest der Rolle inbrünstig durchhinkt.

Die Protagonisten, Zygmunt, gespielt von dem stubsnasig heiteren Kind Jiri Strach, Conny, Zygmunts Freund fürs Leben, und Edith (Dana Moravkova), ein einprägsames Kinogesicht mit blonden Haarschnecken, frühreif und frech - sie erscheinen in Günthers Optik wie aus einem nostalgisch braven Photoband, »Kindergesichter von früher«, ohne masurische Verschlagenheit oder gar den kulleräugigen Überernst des David Bennent aus Volker Schlöndorffs Graß-Verfilmung »Blechtrommel«.

Der Bilderreigen setzt sich streng nach den Regeln plakativer Seriendramaturgie fort. In »Die schönen Tage in Masuren«, Titel des ersten Teils, bricht der Erste Weltkrieg herein, gerade als Lehrer Henseleit den Schülern ein selbstgebasteltes Modell der Jacht des Kaisers erklärt. Die Russen kommen. Man sieht Statistenheere hoch zu Roß an der Kamera vorbeireiten, sieht, wie sich Zygmunts Quacksalbervater mitsamt seinen Mixturen nach einem Volltreffer in buntem Dampf auflöst.

»Zygmunt und Edith« heißt die zweite Episode. Lange 111 Minuten zimmert Günther die Beziehungskiste. Da ist der zurückgebliebene Knabe, der erst, als er in die Teppichweberlehre bei einer geheimnisvollen Sonja Thurk (Lubuse Geprtova), einer Art masurischen Mutter Natur, eintritt, zum Manne wird und von nun an von Helmut Zierl gespielt wird.

Edith, wohl aus pubertärem Übermut, bezichtigt zu Unrecht einen Polen der Vergewaltigung und muß zur Strafe in die Ziegelei. Briefe wechseln, ehe Zygmunt und Edith zusammenkommen.

In diese Zweierbeziehung muß Drehbuchautor Günther noch Adam, den Gründer des Heimatmuseums, einführen, bei Lenz ein verschrobener, eigensinniger Maulwurf, der aus masurischer Erde Streitäxte und Kanonenkugeln ausgräbt und in sein Museum stellt. Bei Günther ist er erst ein nationalistischer Schreier, dann ein armes Würstchen, das, von Gedächtnisschwund befallen, fern der Heimat stirbt.

Wenig anfangen kann der Filmemacher auch mit dem bißchen real existierender Geschichte, die Lenz, der Fabulierer, im ersten Teil seines Buches schildert. Der Volksentscheid von 1920, in dem sich Masuren mit 97,8 Prozent für Deutschland entschied, bei Lenz eine Andeutung der Volkstumsgegensätze, bei Günther nur Bildzitat.

Und auch die Nazis fallen, scheint''s, vom Himmel. Als Zygmunt seine gereifte Edith, nun Dolly Dollar, nach Masurenbrauch mit schnapsberauschten Rössern zur Kirche führt, gerät er den spalierbildenden braunen Kolonnen in die Quere. Historische Analyse, ein Blick für politische Machtverschiebungen und wirtschaftliche Hintergründe gar - das ist Lenzens und Günthers Sache nicht.

Doch ganz läßt Geschichte sich nicht vermeiden. »Die Trennung« heißt der letzte Teil. Günther entscheidet sich für die Episode vom Ritterkreuzträger, der eine Frau ermordet, von Zygmunts Freund Conny beobachtet wird, dennoch seiner gerechten Strafe entkommt, weil der Kriegsheld vom parteiischen Militärgericht freigesprochen wird.

Dann die Flucht aus Masuren. Bei Lenz eine ergreifende Schilderung des Chaos, der Angst, des Überlebenswillens. Günther behilft sich mit melodramatischen Effekten: Die Windmaschinen blasen den Darstellern den Schnee nur so um die Ohren. Edith und ihr Sohn verlieren sich entnervt in der Eiswüste und nicht wie bei Lenz beim Warten im überfüllten Ostseehafen. Zygmunts Mutter und die alte Teppichweberin versinken mit einem hinterhergezogenen Tender in der eisigen Ostsee, nachdem auf Befehl eines bösen Nazis die Leinen gekappt wurden. Das sieht bei Günther alles ein wenig nach Fliegendem Holländer aus.

Wagnerianisch schließlich auch der Schluß: Zygmunt verbrennt sich und sein Heimatmuseum, das er nach Schleswig-Holstein gerettet hat. Götterdämmerung bei Günther - in Brünhilds Feuer verbrennt die Geschichte. Hier nun sind die Filmmetaphern sich selbst überlassen: _(Edith (Dolly Dollar) und Zygmunt (Helmut ) _(Zierl) auf der Flucht aus Masuren. )

Ein Pferd wird symbolträchtig auf einer Fähre über einen See gestakt. Zum Finale klingt nach Purcell Haydns »Schöpfung« auf - die Masurenchronik verklärt der Film zum Welttheater.

Dieser finale Feuerzauber machte vor allem die Polen bei der Premiere in Warschau mißtrauisch. Sie bemängelten die fehlende Zukunftsperspektive des Filmschlusses und kritisierten, daß der bei Lenz anders sei.

Zu Recht. Hier rächten sich sichtbar Günthers Eingriffe in den Roman. Bei Lenz ist nämlich die Fabulierlust gebändigt durch eine philosophische Botschaft: Heimat läßt sich museal nicht bewahren. Heimat, das ist ein eigensinniges Beziehungsgeflecht zwischen Menschen, Natur, erinnerten Überlieferungen, so zart, daß es zerreißt, will sich Politik seiner bemächtigen.

Plausibel schildert Lenz den vergeblichen Kampf des Museumshüters Zygmunt gegen Vereinnahmungsbestrebungen der Nazis (sie wollen das skurrile Sammelsurium zum Grenzlandmuseum aufnorden) und der Vertriebenenfunktionäre, die einen Andachtsschuppen daraus machen möchten. Deshalb verbrennt es Zygmunt schließlich. Aus der Logik der Sache heraus, nicht im Selbstzerstörungswahn. Nur durch Zufall erleidet Zygmunt Brandverletzungen.

Das Heimatmuseum, die Exploration des Heimatbegriffs haben Günther nicht interessiert. Das Museum ist allenfalls optisches Zitat, die Landschaft Kulisse.

Zum Teil ging das nicht anders: Der Film ist in der Tschechoslowakei gedreht. Masurische Flecken sind in Wahrheit böhmische Dörfer. Der Grund ist nicht klar. Günther erschien nach einer Fahrt durch Masuren die Landschaft dort zu verändert. Hinzu kam, daß sich Polen nach Verhängung des Kriegsrechts nicht mehr an westdeutschen Dreharbeiten interessiert zeigte.

Schlimmer noch als ein Film aus Masuren ohne Masuren ist die mangelnde Sprachregie. Merkwürdigerweise vermag ein Star wie Adorf noch ein veritables Ostpreußisch herüberzubringen, obwohl er nicht von dort stammt. Die anderen aber wienern und berlinern herum, unfreiwillige Komik steigt auf, wenn Schauspieler Jürgen Holtz, sonst ohne echte, masurische Sprachfärbung, den Großvater als »trogschnauzigen Posauk« beschimpft.

Ein Heimatfilm ohne authentischen Ort und Dialekt, das geht nicht gut. Da wird zur dialektischen Phrase, wenn Günther den Mangel für die Tugend erklärt: »Je weiter entfernt, desto näher die Chance auf Nähe, Authentizität durch Fiktion.« Wenn die filmische Beschäftigung mit Heimat wieder in Pathos entgleitet, wie es Günther allzuoft geschieht, dann wäre Heimat wieder heimatlos. Niko v. Festenberg

Teil 2: Mittwoch, 30. März, 20.15 Uhr; Teil 3: Karfreitag, 1. April,20.15 Uhr.Edwin Noel als Obernazi Reschat (M.).Edith (Dolly Dollar) und Zygmunt (Helmut Zierl) auf der Flucht ausMasuren.

Niko v. Festenberg
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