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»Trommeln an der Basis macht etwas aus«

SPIEGEL-Interview mit Ludwig Bölkow über die Hindernisse auf dem Weg in das Sonnen-Zeitalter *
aus DER SPIEGEL 34/1987

SPIEGEL: Die Idee, mit Hilfe der Sonne und der Elektrolyse »solaren Wasserstoff« zu produzieren, ist ja schon einige Jahrzehnte alt. Warum geht es so langsam voran?

BÖLKOW: Das hat viele Gründe. Der wesentliche: Die Energie ist derzeit viel zu billig. Wir zahlen dafür nur den betriebswirtschaftlichen Preis. Volkswirtschaftlich gesehen, müßten wir alle Schäden, die unsere Art der Energienutzung hinterläßt, hinzuzählen - das Waldsterben, die Vergiftung der Natur, die Atemwegserkrankungen.

SPIEGEL: Das tut kaum einer, schon gar nicht die Bonner Politiker. Finden Ihre Vorstellungen dort zuwenig Gehör? Haben Sie zuwenig politische Freunde in Bonn?

BÖLKOW: In den 50er und 60er Jahren erschien fast allen die Kernenergie als die Rettung. Energie im Überfluß, sauber und billig. Das erwies sich bald als Irrtum. In den 70er Jahren gab es die erste Welle der Sonnennutzung, Sonnenkollektoren, Wärmetauscher und so weiter. Vieles war sehr dilettantisch, und die Bonner Behörden waren gänzlich überfordert, die Projekte sinnvoll zu koordinieren und angemessen zu fördern. Damals regierten die Sozialdemokraten. Sie haben die Kernenergie forciert.

SPIEGEL: Sind Politiker überfordert, wenn sie Entscheidungen treffen sollen, die erst zwei oder drei Generationen später segensreich wirken?

BÖLKOW: Vollkommen. Wie sollen die denn das machen? Gucken Sie sich doch mal einen Bundestagsabgeordneten von den mittleren Bänken und seinen Tageslauf an. Ein lächerlich kleines Büro im Abgeordnetenhochhaus. Immerzu neue Stöße von Papier. Ausschußsitzungen, Reisen, Wahlkämpfe.

SPIEGEL: Und die Wissenschaftler helfen ihm nicht?

BÖLKOW: Die Politiker stehen dauernd vor dem Problem: Wem sollen sie glauben? Den Gutachtern und ihren Prognosen? Die orientieren sich, oft unbewußt, an den Wünschen ihrer Auftraggeber. Primitiv gesagt: Wie hätten''s die Herren denn gern? So entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt, der zur Gewißheit gerinnt.

Abgeordnete wollen außerdem wiedergewählt werden. Sie wollen ihren sozialen Status behalten. Eigentlich müßten sie den Wählern sagen: Wir müssen jetzt, zugunsten unserer Kindeskinder und um drohende Katastrophen zu vermeiden, auf viele Wohltaten verzichten. Das ist leider nicht populär.

SPIEGEL: Und wie steht es mit den Top-Managern? Denken die weit und kühn genug voraus?

BÖLKOW: Die Zwänge, denen ein Manager, das Vorstandsmitglied einer großen Gesellschaft, unterworfen ist, sind auch enorm. Sein Vertrag ist ja nicht zeitlos gültig, sondern in der Regel nur vier Jahre plus eins. Über die Verlängerung entscheidet der Aufsichtsrat, 20 Mann. Aber der Manager muß auch mit seinen Kollegen zurechtkommen und mit den Gewerkschaften, dem Betriebsrat. Die bestimmen überall mit.

SPIEGEL: Und in dieser Situation soll er die Weichen stellen zugunsten der Enkel und Urenkel.

BÖLKOW: Ja. Das ist aber, wegen seiner eigenen Karriere und sozialen Situation, wirklich viel verlangt.

SPIEGEL: Und wie steht es mit den 100 Leuten, die ganz oben zu entscheiden haben, in den Aufsichtsräten der deutschen Firmen mit Jahresumsätzen über zehn Milliarden Mark? Wer oder was hindert die?

BÖLKOW: Das weiß ich nicht. Das verstehe ich auch nicht. Vielleicht die Solidarität innerhalb des Klubs. Nur die älteren Herren haben keine Karrieresorgen mehr. Die denken schon mal über das Leben nach, so wie ich.

SPIEGEL: Sprechen ökonomische Interessen der Konzerne gegen den Start in ein neues Energiezeitalter?

BÖLKOW: Geldmangel ist es nicht. Vorerst geht es ja um vergleichsweise kleine Beträge.

SPIEGEL: Sind viele Entscheidungsträger ausgerechnet in der Diskussion über Energiefragen ideologisch und dogmatisch fixiert?

BÖLKOW: Sind sie das? In den oberen Etagen wird die Sonnenenergie zumindest erwogen. Man beginnt, das CO2-Problem zu begreifen. Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse nehmen zu. Man sieht den Schmutz, die steigenden Kosten, es wird erkannt, daß die Vorräte zu Ende gehen. Hier in Bayern hat ein Aufsichtsratsmitglied des Stromkonzerns Bayernwerk, Franz Josef Strauß, die »Solar-Wasserstoff-Bayern-GmbH« auf den Weg gebracht.

SPIEGEL: Das Projekt »solarer Wasserstoff« in Bayern ist also kein Alibiprojekt wie »Growian«, die größte Windmühle aller Zeiten, die nur gebaut wurde, um zu beweisen, daß es nicht geht?

BÖLKOW: Nein. Wir bauen mit vollem Einsatz des Vorstandes vom Bayernwerk in Neunburg vorm Wald ein Versuchsfeld. Das hat keine Alibifunktion. Es wird Bölkow und Strauß überdauern.

SPIEGEL: Ginge es auf dem »Wasserstoffpfad« schneller voran, wenn der nächste Super-Gau bald käme?

BÖLKOW: Sicherlich.

SPIEGEL: Haben Sie persönlich Angst vor der Atomenergie?

BÖLKOW: Wenn ich daran denke, daß über Deutschland nach dem Tschernobyl-Unglück nur 400 Gramm radioaktive Partikel niedergingen... Beim nächsten Mal könnten es viel, viel mehr sein.

Eigentlich müßte man also intensiv gegen die Kernenergie auftreten. Andererseits: Die deutschen Atomanlagen sind, auch dank der vielen Einsprüche und Prozesse der Bürger, auf ein hohes Sicherheitsniveau gebracht worden, bis _(Bei der Luftfahrtschau in Hannover, ) _(1978. )

auf den Schnellen Brüter in Kalkar. Es ist sinnvoller, jetzt in die Sonnenenergie zu investieren als die Kernkraftwerke sofort stillzulegen und 200 Milliarden in neue Kohlekraftwerke zu stecken, die das Problem auf längere Sicht nicht lösen, sondern verschlimmern.

SPIEGEL: Wie lange kann man die Option Sonnenenergie aufrechterhalten ohne irreversiblen Schaden? Muß es jetzt losgehen, oder haben wir noch Zeit?

BÖLKOW: Es ist sehr spät, weil die Anlaufzeiten sehr lange dauern, Jahrzehnte. Die Siliziumproduktion für Solarzellen muß gesteigert werden, das geht nicht über Nacht. Man muß Erfahrungen sammeln, technisches Knowhow, und die Kosten Schritt für Schritt senken.

SPIEGEL: Geht es in unseren Nachbarländern besser voran? Sind die problembewußter?

BÖLKOW: Die Regierenden in Frankreich sind durch ihre Energiesituation wie verblendet. Die assoziieren High-Tech mit Grande Nation.

Die Kernenergie erledigt sich im übrigen meiner Ansicht nach bis Mitte des nächsten Jahrhunderts langsam von selbst. Aber das dauert. Deshalb müssen wir das positive Bild eines zweiten Weges hinstellen.

SPIEGEL: Was müßte Bonn jetzt vorantreiben?

BÖLKOW: Die Regierung muß die kontinuierliche Förderung der alternativen Energien sicherstellen, ohne Schaukelei.

SPIEGEL: Und die Industrie?

BÖLKOW: Etwas mehr Wagemut zeigen. Aufgewacht ist sie ja schon. Mal zehn Jahre lang pro Firma und Jahr je 50 Millionen investieren, auch wenn das in dieser Frist keinen Ertrag bringt. Unsere großen Unternehmen ...

SPIEGEL: Daimler-Benz, Siemens, Bosch ...

BÖLKOW: ... können sich das wirklich leisten.

SPIEGEL: Sind die Ansichten des Volkes bei der Einführung der neuen Energie überhaupt von Belang?

BÖLKOW: Doch, doch. Das Trommeln an der Basis macht schon was aus. Wenn es die Grünen nicht gäbe, müßte man sie geradezu erfinden. Das Volk muß solarbewußt, sonnenfreundlich werden. Dann kann man ihm auch etwas zumuten.

SPIEGEL: Wenn Sie Ihren guten Ruf und Ihr ganzes Vermögen in einer Einlaufwette setzen müßten: Kommt das solare Wasserstoffzeitalter? Ja oder nein?

BÖLKOW: Ja. Im Laufe des nächsten Jahrhunderts. Nur: Ob das noch rechtzeitig ist, um die ganz großen Klima- und Menschheitskatastrophen abzuwenden - darauf möchte ich lieber nicht wetten.

Bei der Luftfahrtschau in Hannover, 1978.

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