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FDP Trommeln gegen Graß

Um im Wahlkampf 1973 zu bestehen, wollen FDP-Strategen die Führungsmannschaft radikal verjüngen und konservativen Partei-Senioren keine Chance mehr geben.
aus DER SPIEGEL 3/1972

In der Bar des Luxus-Hotels »Stuttgart-International« bereitete FDP-Vize Hans-Dietrich Genscher in der Nacht zum Donnerstag letzter Woche die Rückkehr eines prominenten Emigranten vor. Der Bundesinnenminister besprach mit dem aus Bonns AA zur EWG-Kommission abgewanderten Professor Ralf Dahrendorf, wie der einstige FDP-Senkrechtstarter nach seinem Brüsseler Gastspiel für die Liberalen reaktiviert werden könnte.

Denn der FDP muß daran gelegen sein, im nächsten Bundestag durch Abgeordnete vertreten zu werden, die -- anders als die derzeitigen FDP-Parlamentarier -- die erhoffte Neuauflage der Linkskoalition nicht nur tolerieren. sondern geschlossen unterstützen. Schon jetzt beginnen in der Provinz die Positionskämpfe um vordere Plätze auf den Landeslisten für die Bundestagswahl 1973.

Am letzten Freitag trug das progressive Vorstandsmitglied Martin Bangemann aus Baden-Württemberg im Bonner Hotel Tulpenfeld dem FDP-Führungsgremium ein Rezept vor, wie dem personellen Notstand der Partei abzuhelfen sei. Oberster Grundsatz: Die Liberalen haben ihr ohnehin ärmliches politisches Potential möglichst rationell einzusetzen.

Der relativ gut ausgestattete Landes verband Nordrhein-Westfalen. dem neben Chef Walter Scheel auch Vize Hans-Dietrich Genscher und der prominenteste FDP-Landeschef. Willi Weyer, angehören, soll der FDP-Diaspora personelle Entwicklungshilfe leisten.

Mißlungen ist bereits der Versuch. NRW-Genscher abzuwerben und ihn als Landesvorsitzenden und Wahllokomotive in Niedersachsen einzusetzen. Der vorsichtige Taktiker scheut das Engagement als Chef eines Landesverbandes, der im hannoverschen Parlament nicht mehr vertreten ist. Genscher ist allenfalls bereit, »meine alten Tage im Harz zu verbringen

Nach Teil 2 des Bangemann-Konzepts sollen den Wählern möglichst maßgeschneiderte Kandidaten präsentiert werden. Der Hanseat Ralf Dahrendorf, der sich noch 1969 mit einem Wahlkreis im Süden der Bundesrepublik abgemüht hatte, soll 1973 in Hamburg kandidieren. -wo einst Vater Gustav für die SPD Stimmen geworben hatte.

Der konservative Finanzfachmann der Bundestagsfraktion Victor Kirst aus Hamburg hingegen soll die bodenständigen Wähler Niedersachsens einfangen.

Geht es nach dem linksliberalen Polit-Planer. dann wird allenfalls die Hälfte der gegenwärtig 27köpfigen FDP-Bundestagsfraktion 1973 wieder ins Parlament einziehen. Bislang ist aber nur sicher, daß die konservativen Abgeordneten Knut von Kühlmann-Stumm, Carlo Graaff, Ernst Achenbach und Walter Peters nicht wieder kandidieren.

Statt der resignierenden Altliberalen werden -- neben dem Planautor Bangemann selber -- Progressive wie FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach oder »Liberal«-Chefredakteur Rolf Schroers eine Chance erhalten. Die junge Garde erwartet für 1973 einen Fraktionszuwachs auf 40 Abgeordnete.

Um ihr Ziel zu erreichen, wollen die Liberalen von einem Wähler-Reservoir profitieren. das die Sozialdemokraten 1969 angezapft hatten. Die FDP hofft darauf, daß ein Teil der vom SPD-Partei-Poeten Günter Graß über populäre Wählerinitiativen mobilisierten Stimmen bei der nächsten Bundestagswahl von der FDP kassiert werden.

FDP-Wahlmanager Flach, dem die Haltung der Sozialdemokraten seit dem Bonner SPD-Steuerparteitag »keine Ruhe mehr« läßt, weiß auch schon, wer für die FDP gegen Graß antrommeln könnte: der Kollege Rolf Hochhuth.

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