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MILITARIA Trophäen des Sieges

Ein amerikanischer Waffenhändler bietet derzeit für mehrere Millionen Dollar zwei alte deutsche Pistolen an - mit einer von beiden soll sich angeblich Adolf Hitler erschossen haben. Die Spur der Schießgeräte führt zu einem australischen Privatdetektiv.
Von Mathias Müller von Blumencron
aus DER SPIEGEL 5/1999

Fünfzehn Zentimeter ist die Pistole lang, ein gutes Pfund schwer, und sie war, als sie vor sieben Jahrzehnten produziert wurde, eine technische Sensation. Das handliche Stück kostete damals, ohne Ersatzmagazin und Ledertasche, etwa 30 Reichsmark.

Heute sind von diesen halbautomatischen Schießgeräten des Kalibers 7,65 von der Firma Walther immer noch Tausende im Umlauf. Geld bringt ein solches altdeutsches Relikt mit dem Kürzel PPK auf dem Gebrauchtmarkt kaum - ausgenommen vielleicht jene Waffe, die zwischen Abzug und Firmenemblem die Produktionsziffer 803 157 trägt.

Diese Pistole wird derzeit international zum Rekordpreis von 3,15 Millionen US-Dollar angeboten, zusammen mit einer anderen Walther vom Kaliber 6,35. Es gebe »eine Menge Sammler«, sagt ein britischer Experte, denen Millionen »wenig bedeuteten«, »historische Artefakte« hätten nun mal einen hohen Wert.

Schließlich soll sich mit der PPK der prominenteste Selbstmörder dieses Jahrhunderts in den Kopf geschossen haben: Adolf Hitler. Bis jetzt gab es von der geheimnisumwitterten Waffe nur eine ganz kurze Spur. Aber nun ist sie, begleitet von einer phantastischen Geschichte, angeblich wieder aufgetaucht.

Vorerst kursieren von beiden Waffen nur Farbfotografien. Die Originalstücke, so ihr Anbieter, der angesehene US-amerikanische Waffenhändler Kevin Cherry aus Greensboro/North Carolina, befänden sich »im Besitz einer reichen Familie«. Cherry sagt, er habe bereits »ernsthafte Interessenten« an der Hand, doch wo die Waffen seien, wisse er auch nicht. Er verhandele über einen Mittelsmann, und der tue »sehr geheimnisvoll« und lege »keinerlei Wert auf Öffentlichkeit«.

Der Mann weiß warum. Hinter der Wahnsinnsofferte steckt offenkundig eine Betrugsaffäre von außergewöhnlicher Dimension: Die Dokumente, mit denen der ahnungslose Cherry die Echtheit der Pistolen zu beweisen gedenkt, sind gefälscht und wurden schon vor Jahren deutschen Archiven untergeschoben. Betroffen ist auch das Koblenzer Bundesarchiv, eines der renommiertesten Archive der Welt.

Alle Fäden des intelligenten Schwindels laufen bei einem australischen Privatdetektiv zusammen, der einst Fußballprofi in Großbritannien gewesen sein will. Sein Name: Michael O''Hara, 47, geboren im englischen Thornaby.

Der erste Akt dieses Krimis begann zu einem der wirrsten Zeitpunkte der deutschen Geschichte, im Frühjahr 1945: Unaufhaltsam rollten von Westen her alliier-

* Kurz vor seinem Selbstmord im Kreis der letzten Getreuen, Hitler-Jugend-Chef Artur Axmann (2. v. l.).

te Truppen durchs zerbombte Deutschland, die Russen hatten die Reichshauptstadt Berlin längst im Griff. Im düsteren Bunker auf dem Gelände der Reichskanzlei, 12 Meter unter der Erde, waren die letzten Getreuen um Adolf Hitler versammelt. Bei der Lagebesprechung am 22. April 1945 hagelte es finstere Nachrichten.

Hitlers »Rücken wirkte noch krummer«, berichteten Augenzeugen, »er atmete schwer, das Blut stieg ihm ins Gesicht, die Augen waren weit aufgerissen«. Dann habe er »mit sich überstürzender Stimme« geschrien: »Der Krieg ist verloren!« Niemals aber werde er Berlin verlassen - »eher jage ich mir eine Kugel in den Kopf«.

Seit diesem 22. April habe Hitler, daran erinnert sich sein letzter Adjutant Otto Günsche, 81, seine Walther PPK stets »durchgeladen und gesichert bei sich« getragen. Eine zweite Waffe, Kaliber 6,35, steckte - wie immer - in einem Halfter am linken Oberschenkel.

Beides waren Schießgeräte aus der normalen Serienproduktion von Walther. Eine vergoldete Extra-Anfertigung zu seinem 50. Geburtstag habe der Führer, weiß der Walther-Chronist Manfred Kersten, dem Flieger-As Werner Mölders nach dessen 101. Abschuß geschenkt; die Walthers wollten eine 7,65er aus purem Gold später nachreichen - »zum Endsieg«, erzählt grienend der heutige Firmeninhaber Wulf Pflaumer.

Am 29. April machte Hitler sein Testament. Er sterbe »mit freudigem Herzen«, diktierte er und verfügte, zusammen mit der ihm gerade angetrauten Eva Braun »sofort ... verbrannt zu werden«. Er wolle nicht, »daß meine Leiche nach Moskau befördert und in einem Panoptikum ausgestellt wird«.

In der Kantine der Reichskanzlei fand am Nachmittag des 30. April ein Tanzvergnügen statt. »Die wochenlange Anspannung der Nerven« schien sich »gewaltsam zu lösen«, schreibt Hitler-Biograph Joachim Fest. Kurz vor halb vier fiel der Schuß, »auf den wir«, so der heute 80jährige frühere Reichskanzlei-Telefonist Rochus Misch, »seit dem 22. April gewartet hatten«. Der kleine Helmuth, ein Sohn des Propagandaministers Joseph Goebbels, dachte an eine Bombenexplosion und rief laut: »Volltreffer!«

Über Jahrzehnte hinweg war nicht absolut klar, ob Hitler sich wirklich erschossen hatte. Gerade sowjetische Politiker und Militärs streuten die sich lange haltende Version, Hitler habe sich wie Eva Braun mit Zyankali vergiftet.

Dies sei »aus Gründen der Propaganda« geschehen, sagt der Moskauer Zeitgeschichtler Lew Besymenski: »Der Selbstmord durch Gift erschien verächtlicher. Einen Soldatentod sozusagen wollte man Hitler nicht gönnen.« Moskau zog eine Desinformationskampagne auf - die »Operation Mythos« (SPIEGEL 15/1995).

Ein detailliertes Gutachten russischer Gerichtsmediziner aus dem Jahre 1946, das den Kopfschuß anhand der Blutspurenbilder im Bunker rekonstruiert, veröffentlichte im März vergangenen Jahres der Hamburger Zeitgeschichtler Ulrich Völklein*. Das Papier lag bisher im Moskauer »Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation« unter Verschluß. Im Juni 1998 druckte die Londoner »Times« auf der ersten Seite einen Mehrspalter über den Selbstmord, die angeblich wiedergefundenen Pistolen und das angestrebte Millionengeschäft - Informant war der Waffenhändler Cherry.

Dem US-Geschäftsmann hatte sein Mittelsmann eine Story über die Geschichte der Pistolen erzählt, die sich nahtlos an die »Operation Mythos« anschließen könnte. Nach Hitlers Tod habe sein Kammerdiener, SS-Sturmbannführer Heinz Linge, die Waffen an sich genommen. Er sei in russische Gefangenschaft geraten, die Pistolen habe ein Sowjetoffizier sofort per

* »Hitlers Tod«. Steidl-Verlag, Göttingen; 196 Seiten; 38 Mark.

Kurier nach Moskau bringen lassen. Diktator Josef Stalin, so der Bericht des Unbekannten weiter, habe die 7,65er - als Trophäe des Sieges über das NS-Regime - in einer verschlossenen Schublade seines Schreibtischs aufbewahrt. Die 6,35er mit der Produktionsnummer 457 044 sei eine Zeitlang von »sowjetischen Prominenten« als Übungswaffe benutzt worden und alsbald in einem Archiv gelandet, ganz profan eingewickelt in braunem Fettpapier.

Mit der kleineren Waffe soll sich 14 Jahre vor Hitlers Ende, kolportiert ihr angeblicher Besitzer, dessen Nichte Angela ("Geli") Raubal erschossen haben. Immer wieder wird wider besseres Wissen behauptet, die damals 23jährige Gesangsschülerin habe zum abgöttisch geliebten Onkel eine intime Beziehung gepflegt.

Beide Waffen seien weggeschlossen geblieben, bis schließlich Anfang der neunziger Jahre das sowjetische Imperium zusammenbrach und die staatliche Ordnung ins Wanken geriet. In den Wirren habe es ein deutschsprachiger Europäer geschafft, beide Waffen für 250 000 Mark in Rußland zu kaufen und sie dann unter Aufwendung einer weiteren Million an Schmiergeldern außer Landes zu schaffen.

Diese Pistolen tauchten um 1994 wieder auf - in Australien. Ein Privatmann bat die Polizei des Distrikts Victoria, die Waffen im Labor auf Funktionsfähigkeit hin zu testen. »Er sagte«, so Polizist Jim Pattison, »daß die Waffen Hitler gehört hätten.« Sein Name: Michael O''Hara.

Der einst erfolglose Kandidat für ein Lokalparlament in Melbourne und Mitglied eines Waffenclubs kontaktierte auch den Druckereibesitzer Colin Hampton - in sonderbarer Mission. Er fragte den Drucker, ob es möglich sei, einen angeblich aus den dreißiger Jahren stammenden Brief mit Hakenkreuz originalgetreu zu reproduzieren. Einige Monate später habe ihm O''Hara ein verschlossenes Fäßchen gebracht. »Es war«, so Hampton, »deutsche Tinte aus der Zeit des Hitler-Reiches.« O''Hara habe wissen wollen, ob die Tinte zu gebrauchen sei. Sie war in Ordnung.

Kurz zuvor hatte O''Hara das deutsche Generalkonsulat in Melbourne gebeten, ihm bei »historischen Recherchen nach Adressen von Archiven und Standesämtern in Deutschland« zu helfen. Sein Forschungsthema habe er »nicht näher spezifiziert«, so eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Bonn. Dennoch sei ihm vom Konsulat »ein in solchen Fällen übliches Einführungsschreiben« ausgestellt worden.

Anfang 1996 ging O''Hara auf große Deutschlandreise und schuf die Legende der Waffen: Dem »Institut für Zeitgeschichte« (IfZ) in München schenkte er, weil »ich in Australien dafür keine Verwendung habe«, großzügig eine »Eidesstattliche Erklärung« vom Januar 1955; darin bestätigte der Uhrmachermeister Emil Maurice aus München, Schumannstraße 5, Hitler sei »Eigentümer einer Walther Modell 8, Seriennummer 457 044, 6,35 mm« gewesen, die er 1925 nach seiner Entlassung aus Landsberger Festungshaft »für seinen persönlichen Schutz gekauft« habe.

Maurice war Mitte der zwanziger Jahre ein enger Vertrauter Hitlers, sein Chauffeur und Leibwächter. Und Maurice war auch jener Mann, den Geli Raubal heiraten wollte, was bei Hitler größten Zorn hervorrief.

Das Institut nahm das Dokument dankend an. Abgesehen davon, daß auf dem Maurice-Papier Unterschrift und Dienstsiegel des beglaubigenden Notars fehlten, mußte es auch rein äußerlich bei Experten Verdacht erregen - weil der Briefkopf ganz offensichtlich über den Schreibmaschinentext montiert und beides dann kopiert worden war. Deshalb, so IfZ-Chef Horst Möller, sei es »bei uns schnell als zweckgerichtetes Falsifikat erkannt« worden.

Auch im Stadtarchiv des thüringischen Zella-Mehlis, wo die Firma Walther vor dem Krieg produzierte, tauchte O''Hara auf. Die Werksunterlagen waren fast komplett vernichtet oder von den amerikanischen Besatzern an unbekannte Orte verschleppt worden, sehr zum Leidwesen von seriösen Forschern.

Bei der Stadtverwaltung, so Archivarin Heike Neumann, seien »nur Bauakten der Firma Waffen-Walther vorhanden«, O''Hara sei »mehrfach darauf hingewiesen« worden. Dennoch machte er eine erstaunliche Entdeckung: Aus einer ihm vorgelegten Akte will er ein hochinteressantes Schreiben gezogen haben, das vorher seltsamerweise noch niemandem aufgefallen war.

Darin beschwert sich im Januar 1935 der Reichszeugmeister der NSDAP bei der Waltherschen »Rechnungsstelle«, daß sie plötzlich die Bezahlung einer Waffe verlange, die doch dem Führer »kostenfrei und als Geschenk geliefert« worden sei. Die Nummer der Pistole: 803 157.

O''Hara ließ Kopien seines angeblichen Fundes anfertigen; im Sommer 1997 bat er den Bürgermeister von Zella-Mehlis, ihm die Echtheit des Dokuments zu bestätigen - was der natürlich nicht konnte. O''Hara sei, so Archivarin Neumann, lediglich versichert worden, daß »die Kopie mit dem Dokument des Stadtarchivs übereinstimmt« - was für potentielle Käufer schon sehr amtlich klingen kann.

Der dritte Besuch des Australiers galt dem Koblenzer Bundesarchiv. Hans Lenz, dem zuständigen Archivar, ist dieser »äußerst mysteriöse und ungewöhnliche Vorgang« noch gut in Erinnerung. Aber O''Hara sei schon wegen des konsularischen Empfehlungsschreibens wie jeder andere auch bei seiner vermeintlichen Recherche unterstützt worden. Lenz hatte den Eindruck, der Mann habe gar nicht genau gewußt, wonach er eigentlich suche. Schließlich habe er sich den Ordner »R 43 II/1100« ("Reichskanzlei«, »Sicherheitsdienst") geben lassen.

Der gesamte Bestand des Bundesarchivs ist vor über drei Jahrzehnten aus Sicherungsgründen mikroverfilmt worden. Deshalb kann auch leicht festgestellt werden, daß die Seite 213 im Original dieses Ordners ein belangloses Schreiben ist.

Nach O''Haras Visite fand sich an gleicher Stelle aber plötzlich ein angeblicher Brief des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, an Hitlers Adjutanten Fritz Wiedemann. Der Unterzeichner erwähnt darin die nun zum Verkauf stehenden beiden Waffen und eine dritte mit der Nummer 201 287 K, die »gelegentlich nicht funktioniert«.

Dieses Schreiben sei aus vielerlei Gründen, so Lenz, als »plumpes Falsifikat« entlarvt, »Zweifel sind nicht möglich«. Die Originalseite war offenbar mit einer Rasierklinge herausgetrennt und ersetzt worden. Vor allem eine Winzigkeit, die nur Experten auffällt, hatte der Fälscher übersehen. Waffen mit dem Buchstaben K hinter der Seriennummer, so der deutsche Fachbuchautor Dieter Marschall, seien erst ab 1939 hergestellt worden - das vermeintliche Himmler-Dokument aber datiert von 1935.

Trotz all dieser Merkwürdigkeiten bietet Waffenhändler Cherry die Pistolen weiterhin an, sein Mittelsmann habe ihm zusätzliche Belege ihrer Echtheit versprochen - darauf kann er möglicherweise lange warten: O''Hara selbst ist vorerst untergetaucht; kürzlich hat er sein Haus bei Melbourne für knapp 400 000 australische Dollar verkauft.

Der Verbleib der echten Hitlerschen Selbstmordwaffe liegt weiterhin im Dunkel. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie damals Adjutant Günsche an sich genommen, entladen und dann einem Mitarbeiter des Hitler-Jugend-Chefs Artur Axmann übergeben, einem Leutnant. Der überlegte kurz, erzählte er später, ob er selbst die Pistole mitsamt Hitlers Hundepeitsche als »Heiligtümer für die Hitlerjugend aufbewahren« solle. Doch dann reichte er sie an Axmann weiter.

Der Reichsjugendführer floh wie alle anderen Bewohner am 2. Mai 1945 aus der Reichskanzlei. Hitlers Pistole habe er, so berichtete er einem Vertrauten, unter den Schottersteinen eines Gleises nahe dem Lehrter Bahnhof deponiert - bevor er einem Trupp Rotarmisten in die Arme lief.

Als er Jahre später nach der Waffe suchte, so der 1996 verstorbene Axmann, habe er »die Stelle nicht mehr wiederfinden« können. GEORG BÖNISCH,

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON

* Kurz vor seinem Selbstmord im Kreis der letzten Getreuen,Hitler-Jugend-Chef Artur Axmann (2. v. l.).* »Hitlers Tod«. Steidl-Verlag, Göttingen; 196 Seiten; 38 Mark.

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