AUFLAGEN Trost aus Übersee
Die vorsichtige »FAZ« wagte eine
Enthüllung: »Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gehört zu den zehn besten Zeitungen der Welt.«
Auf einer ganzseitigen Eigenanzeige mannte des deutschen Wohl- und Anstands liebstes Blatt als Urheber der Freudenbotschaft ein Gutachten der New Yorker Syracuse-University; und als Mitanführer der Weltrangliste die neun Blätter
- »Asahi Shimbun«, Tokio;
- »Dagens Nyheter«, Stockholm;
- »La Prensa«, Buenos Aires;
- »Le Monde«, Paris;
- »Neue Zürcher Zeitung«;
- »The Christian Science Monitor«,
Boston;
- »The Guardian«, Manchester;
- »The New York Times« und
- »The Times«, London.
Zwiefacher Ärger war das Echo des Jubelrufs:
In Frankfurt hatten die Werbeleute der FAZ (Motto: »Dahinter steckt immer ein kluger Kopf,) bei der Redaktion ihrer Fest-Seite übersehen, daß für die Faksimile-Wiedergabe der zehn Zeitungsköpfe statt, der Kopfzeile »Asahi Shimbun« die Überschrift eines Lokalberichts des Tokioter Blattes klischiert und abgedruckt worden war. Wortlaut: »Lange Vorausplanung bei der Modernisierung von Tokio«. Die ganzseitige Eigenanzeige mußte ein zweites Mal erscheinen - diesmal nun mit dem Kopf »Asahi Shimbun«.
In Hamburg grämten sich Redaktion und Verlag der »Welt«, des Renommierblatts in Axel Cäsar Springers Zeitungssammlung, über die Doppelpublikation Frankfurter Weltgeltung. Der amtierende »Welt«-Chefredakteur Hans Wallenberg und die Geschäftsleitung fragten in getrennten Briefen bei der New Yorker Syracuse-Universität an, nach welchen Gesichtspunkten die Bestenliste zustande gekommen sei. Professor Clark, Dekan der Journalistischen Fakultät an der Syracuse-Universität, antwortete: Experten von internationalem Ruf, hätten diese Auswahl getroffen, weil ihnen »die internationale Spannweite des Nachrichtendienstes«, der »gute Stil«, der »redaktionelle Mut« und »Wahrhaftigkeit« eben dieser Zeitungen beispielhaft erschienen seien. Zum Trost hieß der Professor die »Welt«-Leute hoffen: Falls seine Fakultät, was freilich kaum anzunehmen sei, wieder eine Auswahl treffen sollte, »dann wird sie - dessen können Sie sicher sein - die 'Welt' mit in Betracht ziehen«.
Darauf die »Welt« In ihren hausinternen »Nachrichten für unsere Mitarbeiter": Nun sei erwiesen, »daß es sich bei diesem Gutachten keineswegs um eine repräsentative wissenschaftliche Arbeit handelt, sondern um eine Liste von Zeitungstiteln, die ... nach unzureichenden und formal anfechtbaren Kriterien zusammengestellt worden ist«.
Um zusätzlich ermunternden Zuspruch fürs Personal bemüht, stellte Joachim Freyburg, Leiter der »Welt« -Informationsabteilung, der anfechtbaren amerikanischen Schönheitskonkurrenz in seinen »Welt«-Hausnachrichten Zahlenvergleiche gegenüber, aus denen zwar nicht abzulesen war, welche Zeitung die bessere, wohl aber, welche die größere im Land sei.
Freyburg: »Die 'Welt' hat den Vorsprung ihrer verkauften Auflage vor der FAZ zusehends vergrößert.«
Tröster Freyburg hatte unter anderem errechnet, daß die »Welt« im letzten Quartal des vorigen Jahres bei einer verkauften Durchschnittsauflage von 231 375 Exemplaren täglich 1693 Exemplare mehr verkauft hat als die Frankfurter Konkurrenz.
Und weiter: »Der Vorsprung der 'Welt' konnte bei den Ausgaben von Montag bis Freitag seit 1961 stetig ausgebaut werden. Der noch bestehende Vorsprung der FAZ bei der Samstags -Ausgabe, der 1962 noch 4931 Exemplare betrug, ist 1963 auf 2962 Exemplare zurückgegangen.«
Freyburgs Abrechnung sollte den Punktvorteil wettmachen, den die FAZ durch ihre Renommier-Anzeige im Konkurrenzkampf zwischen Frankfurt und Hamburg buchen konnte: Der Zahlenvergleich machte deutlich, daß es bei dem »Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden großen überregionalen Blätter« der Bundesrepublik in erster Linie nicht um Prestige, sondern um wirtschaftliche Aspekte geht; denn nach der Höhe der Auflage und dem Grad der Verbreitung einer Zeitung richten sich Anzeigen -Aufkommen und Anzeigen-Preise.
1954 hatte der Wettlauf zwischen FAZ und »Welt« begonnen. Ein Jahr zuvor, am 17. September 1953, war die »Welt« mit einer Auflage von 171 767 Exemplaren aus den Händen ihrer britischen Gründer in den Meinungs-Konzern Axel Springers übergegangen. Die FAZ
- 1949 mit 37 050 Exemplaren und dem
Anspruch gegründet, das publizistische Erbe der berühmten »Frankfurter Zeitung« (1856 bis 1943) anzutreten - übersprang zur Jahreswende 1953/54 die 100 000-Grenze und reduzierte den Auflagenvorsprung der »Welt« auf 58 000 Exemplare.
Sechs Jahre später hatten das Frankfurter und das Hamburger Blatt etwa gleich viel Abonnenten, und seit 1961 hält die »Frankfurter Allgemeine« im Abonnements-Geschäft einen zunehmenden Vorsprung vor der »Welt": Von Jahresbeginn. 1961 bis Jahresende 1963 stieg die Zahl der FAZ-Abonnenten von 196 866 auf 205 429, die der »Welt« -Bezieher aber sank im selben Zeitraum um ein paar hundert - von 191 717 auf 191 465.
Auch in der verkauften Gesamtauflage (also einschließlich des Straßenverkaufs) hatte die, FAZ 1961 die »Welt« um rund 500 Exemplare täglich übertroffen. Bis zum Jahresende 1963 jedoch konnten die Hamburger den Verlust ausgleichen und mit 236 447 Exemplaren gegenüber 232 633 Exemplaren der FAZ einen Vorsprung erzielen.
Den Erfolg ihrer Abonnenten-Werbung unterstützte die Frankfurter Redaktion mit umfänglicher Eigenwerbung. Zum eher altjüngferlichen Stil der Aufmachung kontrastierten selbstsichere Lobsprüche, die regelmäßig in der Reklamespalte »Die Kunst des Zeitungslesens« erschienen.
Über die tägliche Nachrichtenauswahl hieß es dort zum Beispiel: Das ist ein aufregendes, die Leidenschaften erhitzendes und die Köpfe auslaugendes Geschäft. Mancherlei Mühen und vielerlei Fertigkeiten sind vonnöten, vor allem: Urteilsvermögen, Jägerinstinkt, Fingerspitzengefühl für Gewicht und Wirkung einer Neuigkeit.«
Obschon der Dichter Hans Magnus Enzensberger in einer oft zitierten FAZ -Analyse diese »atemberaubende Schilderung der Treibjagd als ein Zeugnis unfreiwilligen Humors« bezeichnete und die FAZ-Redaktion »Frankfurter Schützengilde« nannte, blieb den ambitionierten Frankfurtern der Erfolg treu. Auflage und Ansehen wuchsen weiter.
Im Frühjahr 1963 befragte der amerikanische »Time«-Verlag 1176 führende Manager in den sechs EWG-Ländern nach ihrer bevorzugten Tageszeitung. Ergebnis: Die FAZ lag mit 29 Prozent an der Spitze. Die »Welt« rangierte mit 16 Prozent auf Platz fünf.
Gleichwohl glaubt die »Welt« noch immer an ihre Führungsposition vor der FAZ. Zum Beweis führt sie Interessenten gegenüber ihre bis zum Jahresende 1963 im Durchschnitt höhere Gesamtauflage und die jüngste hausgemachte Rechnung an, wonach die »Welt« im Jahre 1963 genau 1166,20 Seiten Politik, die FAZ in derselben Zeit aber nur 1063,55 Seiten Politik publizierte. Selbst beim Vergleich der Wirtschaftsteile buchten sich die »Welt«-Leute ein Plus: 1963 seien in der »Welt« 1,15 Seiten Wirtschaft mehr erschienen als in der »Frankfurter Allgemeinen«.
Einer der beiden FAZ-Geschäftsführer, Dr. Viktor Muckel, über dieses Einmaleins: »Was soll eigentlich die Spiegelfechterei mit Zahlen, da man beide Zeitungen einfach nicht vergleichen kann? Wir sehen in der 'Welt keineswegs eine Konkurrenz, weil wir eine vollkommen andere Zeitung in Aufmachung, Zielsetzung, Inhalt und Verbreitung sind. Übrigens haben wir 1963 hundert Seiten Text mehr als die 'Welt' gebracht.«
Tatsächlich stützt zumindest die unterschiedliche Struktur der Leserschaft von FAZ und »Welt« Dr. Muckeis gesammelte Thesen. Nach einer vom Institut für Demoskopie Allensbach angefertigten Analyse der FAZ-Leser ("Die Gebildeten und die Nachdenklichen aller Stände") sind
- 36 Prozent der FAZ-Leser lediglich Absolventen der Volksschule ("Welt": 13 Prozent);
- 27 Prozent der FAZ-Leser Abiturienten ("Welt": 43 Prozent);
- 23 Prozent der FAZ-Leser Arbeiter ("Welt": vier Prozent).
Während die FAZ nicht müde wird, ihr nach Verlags-Chef Muckeis Meinung unvergleichliches Produkt in Eigenanzeigen zu loben, weist die Hamburger »Welt« dieses Werbemittel mit betont norddeutscher Distanz von sich. »Welt« -Verlagsleiter Dr. Ernst-Dietrich Adler: »Wir lassen unsere Leistungen lieber aus dem Blatt für sich selber sprechen, als sie im Blatt durch Anzeigen zu preisen.«
Daß auch mit diesem Rezept bei den Zeitungslesern Erfolge zu erzielen sind, bewies die »Welt' im März dieses Jahres. Ohne weitschweifige Vorschuß -Publizität erschien am 19. März zum ersten Male - und seither jeden zweiten Donnerstag - die »Welt der Literatur« als Zeitschriften-Beilage zur »Welt«. Die Zugabe fand großes Interesse: Der Straßenverkauf der Hamburger Zeitung schnellte an jenem Donnerstag von rund 33 000 Exemplaren, dem üblichen Werktagsdurchschnitt, auf 66 000 Exemplare, und bei der zweiten Ausgabe, am 2. April, um weitere 4000 auf 70 000 Exemplare.
Informator Freyburg in der April -Nummer seiner »Welt«-Hauspostille: »Eine fast hundertprozentige Steigerung« im Einzelhandelsverkauf schon am ersten Donnerstag.
Das Donnerstagsvergnügen aber reichte nicht hin, den Sieg im Auflagenkrieg mit der FAZ wie im letzten Quartal 1963 auch im ersten Vierteljahr 1964 wieder nach Hamburg zu holen.
Trotz der Auflagensteigerung durch die »Welt der Literatur« lagen die Frankfurter zum zweiten Male seit Beginn des Wettlaufs vor zehn Jahren klar vor der »Welt": Nach Verlagsangaben an die »Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.« (IVW) verkaufte die FAZ im ersten Quartal dieses Jahres im Tagesdurchschnitt 238 062 Exemplare - 4414 mehr als die »Welt«.
FAZ-Eigenanzeige*
»Eine vollkommen andere Zeitung«
* Mit falschem »Asahi Shimbun«-Signet (oben links).