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HARRIMAN-BESUCH Trost im Brief

aus DER SPIEGEL 31/1965

Auf seinem Schreibtisch in New York liegt ein silberner Nußknacker mit der Aufschrift »Für die ganz harten«. Letzten Donnerstag kam er nach Bonn: Multimillionär William Averell Harriman, 73, Sonderbotschafter des US -Präsidenten Johnson, kam aus dem Osten - von einer Moskau-Visite und zwei mehrstündigen Gesprächen mit Sowjet-Ministerpräsident Kossygin.

Der Empfang in Bonn für Nußknacker Harriman war eher konventionell als herzlich. Ein Ministerialdirigent - Rüte mit Namen - begrüßte den Präsidenten-Botschafter in Wahn.

Bundesaußenminister Schröder war Stunden zuvor auf Urlaub gefahren. Sein Ferienbeginn - immerhin seit einiger Zeit für letzte Woche vorgesehen - hatte sich nicht verschieben lassen. Gleichwohl: Einige Kabinettskollegen Schröders fanden dessen Abreise kurz vor Harrimans Eintreffen befremdlich.

Nach seiner Ankunft in Wahn philosophierte Harriman vor Journalisten über die Sowjet-Union. Er pries - für deutsche Ohren betont pädagogisch - die Friedensliebe des Sowjetvolkes. Zwischen Amerika und Rußland werde es auf die Dauer zu friedlichem Ausgleich kommen. Harriman, Gesprächspartner Trotzkis, Stalins und Chruschtschows: »Ob dieses Jahr ein gutes Jahr dafür ist, weiß ich allerdings noch nicht.«

Harriman, dessen Wort als Unterhändler im Kreml mehr gilt als das jedes anderen Amerikaners, wird von seinen Freunden der »harte Ave« genannt. Als hart gilt er auch seit vielen Jahren in Bonn, hart gegen die Deutschen.

Im Sommer 1959 regte er an, daß »irgend etwas über Berlin (über die Sicherheit West-Berlins) ausgearbeitet werden könnte, falls wir das sowjetzonale Regime in irgendeiner Form anerkennen«.

Vier Jahre später brachte Harriman Bonn ein weiteres Mal in Verlegenheit Verhandlungen, die er im Frühjahr 1963 wegen der damaligen Laos-Krise mit Chruschtschow führte, mündeten in Gespräche über ein internationales Teststopp-Abkommen für nukleare Waffen

das Präsident Kennedy als größten Erfolg seiner Regierungszeit ansah.

Das Abkommen widersprach jedoch dem von der Bundesregierung seit der Genfer Konferenz von 1955 verteidigten Grundsatz, wonach Schritte zur internationalen Entspannung mit gleichzeitigen Vorkehrungen für die Wiederherstellung der deutschen Einheit gekoppelt werden sollten.

Schließlich unterzeichnete Bonn doch: in Washington, Moskau und London - Ost-Berlin kam lediglich in Moskau an den Vertragstisch.

Das Problem-Dreieck »Abrüstung, Südostasien, Deutschland« blieb - und dessen Zentralfigur Harriman.

Seit Monaten schmort in den diplomatischen Kanälen zwischen Moskau und Washington die Frage, ob die Situation in Vietnam, an dessen Horizont ein Zusammenstoß sowjetischer und amerikanischer Waffen droht, durch einen weiteren Schritt auf dem Wege der atomaren Weltabrüstung entschärft werden könnte - ähnlich dem Vorgehen 1963 anläßlich der Laos-Krise.

Mitte Juli kündigte die Sowjet-Union ihre Rückkehr an den Tisch der Genfer Abrüstungskonferenz für den 27. Juli an. Harriman machte daraufhin seine Privatreise nach Moskau.

- Ergebnis: Moskau wünscht genau

wie Washington - in Fortsetzung des Teststopp-Abkommens von 1963 - einen Vertrag, durch den die Weiterverbreitung atomarer Waffen oder von Kenntnissen, die zum Bau einer Nuklear-Waffe benötigt werden, verboten werden soll.

- Russische Stoßrichtung: Durch das

Weiterverbreitungs-Verbot sollen die USA bestätigen, daß sie auf die MLF also auf die Beteiligung der Bundesrepublik an der amerikanischen Nuklear-Rüstung, verzichten.

Die russische Initiative kommt alten amerikanischen Wünschen entgegen und läuft ebenso alten Bonns zuwider.

Eine von Präsident Johnson im Herbst vorigen Jahres eingesetzte Gutachterkommission unter Leitung des früheren stellvertretenden Verteidigungsministers Gilpatric befand in einem Geheimbericht: Das Weiterverbreitungs-Verbot habe »einen zentralen Vorrang in der amerikanischen Politik«. Einer der Vorschläge der Kommission: Verzicht der USA auf die MLF.

Für einen solchen Verzicht plädieren auch der amerikanische Abrüstungsbeauftragte Foster und die Brüder des ermordeten Präsidenten Kennedy: Bob und Edward.

An dieser Stelle der Entwicklung schaltete sich Bonns Außenminister Schröder ein - durch ein Interview mit den »Düsseldorfer Nachrichten«.

Schröder: Die Bundesrepublik könne nur dann »auf den Erwerb eigener Atomwaffen verzichten«, wenn zuvor die MLF oder eine vergleichbare Lösung zustande komme. Die englische Presse schloß daraus deutsche Atomwaffen-Gelüste.

Doch Schröders Gedankengang war feiner gesponnen. Er lief letzten Endes darauf hinaus, das verstaubte MLF -Projekt bei den Russen gegen Zugeständnisse in der deutschen Wiedervereinigungsfrage einzutauschen. Schröder: »Sollte die Sowjet-Union bereit sein, wie wir dies wünschen und hoffen, wesentlichen und unwiderruflichen Schritten zur Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit zuzustimmen, so würde sich die Sicherheitsfrage anders stellen. Der Beitritt Gesamtdeutschlands zu einem weltweiten Abkommen würde möglich sein.«

So theoretisierend Schröders Interview gehalten war, es zwang die Amerikaner doch zu Erklärungen. Als Anfang Juli Bonns Washington-Botschafter Knappstein bei Dean Rusk nachfragte, ob die USA das MLF-Projekt für Sowjet -Zugeständnisse in Südvietnam preiszugeben gedächten, beruhigte der US -Außenminister - ebenso theoretisch wie Schröder -, seine Regierung erwäge noch immer eine atomare Organisation der Nato. Ähnlichen Trost konnte Bundeskanzler Erhard einem persönlichen Brief Präsident Johnsons entnehmen.

Am Freitag letzter Woche bei seinen Visiten in Bonn gab sich Johnsons Unterhändler Harriman betont gelockert. Tendenz: den Deutschen jegliche Unruhe zu nehmen, sie könnten im Interessenspiel der beiden Großen verkauft werden.

Dem Bundespräsidenten Lübke, der sich vorgenommen hatte, alle deutschen Befürchtungen rundheraus anzusprechen, hielt Harriman mit freundlichen Beteuerungen stand.

Abends beim Diner im Hause des US -Gesandten Hillenbrand bereitete sich der vom Bonner Mißtrauen gewarnte Harriman sorgfältig auf das Treffen mit Bundeskanzler Erhard anderntags im Münchner Hotel »Vier Jahreszeiten« vor.

Bonn-Besucher Harriman (r.), Gastgebers Aus dem Kreml ein Nußknacker

* Mit (von links): Minister Westrick und Ministerialrat Sehrbrock.

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