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Trostpflaster für Rumänien

aus DER SPIEGEL 4/1947

Fast auf den Tag zwei Jahre und fünf Monate, nachdem Rumänien am 12. September 1944 den Vertrag mit Sowjetrußland, den USA und England abschloß und damit in den Krieg gegen Deutschland eintrat, wird dem Lande von den gleichen Mächten der Friedensvertrag präsentiert.

Daß Rumänien am 24. August 1944 aus dem Krieg gegen Rußland ausschied und anschließend den Vertrag mit den großen Alliierten abschloß, bringt ihm heute gleichsam als Trostpflaster einen Nebensatz im Friedensvertrag ein. Es wird dem Lande bestätigt, »daß es somit aktiv am Krieg gegen Deutschland teilnahm.«

Dabei scheint es auf den ersten Blick, als ob sehr glimpflich mit Rumänien verfahren werde. Die Grenze mit Ungarn wird nach dem Stande vom 1. Januar 1938 verlaufen. Das bedeutet die Rückkehr Siebenbürgens, auf das Rumänien durch den Wiener Schiedsspruch Deutschlands und Italiens vom 30. August 1940 zugunsten Ungarns hatte verzichten müssen.

Im Osten und Nordosten hingegen muß Rumänien nun endgültig Bessarabien und die Nord-Bukowina abschreiben. 1918 hatte Rumänien Bessarabien, das seit 1812 bei Rußland war, gewinnen können. Am 28. Juni 1940 hatte sich Moskau von der Bukarester Regierung Bessarabien und die Nord-Bukowina abtreten lassen. Dieser Grenzvertrag tritt jetzt erneut in Kraft.

Bulgarien behält die Süddobrudscha. Bis 1914 gehörte das Gebiet zu Bulgarien, 1918 kam es zu Rumänien. Durch Vertrag vom 7. September 1940 hatte Rumänien die Süddobrudscha wieder an Bulgarien zurückgegeben. Bei dieser Regelung bleibt es. Die militärischen Bestimmungen sehen vor, daß das rumänische Heer eine Stärke von 120 000 Mann einschließlich des Grenzschutzes haben wird. Die Luftstreitkräfte werden 150 Flugzeuge, davon 100 Kampfflugzeuge jedoch -keine Bomber, mit insgesamt 8000 Mann umfassen. Der Marine werden 15 000 t Schiffsraum mit 5000 Mann Personal zugestanden.

Magnetminen, Ein-Mann-Torpedos, U-Boote, Schnellboote und Atomgeschosse sind für Rumänien verbotene Waffen. Personen, die nicht zu den Streitkräften gehören, dürfen nicht militärisch ausgebildet werden.

Reparationen im Werte von 300 Millionen Dollar in Sachwerten hat Rumänien im Verlauf von acht Jahren an die Sowjetunion zu liefern. (In einem Vertrag mit Moskau vom 16. Januar 1945 war der Termin auf sechs Jahre befristet gewesen.)

Rumänien verpflichtet sich, alles aus den Gebieten der Vereinten Nationen stammende Gut zurückzugeben. Ebenso werden alle Rechte und gesetzlichen Interessen der Alliierten Nationen in Rumänien so wiederhergestellt, wie sie vor dem Juni 1941 bestanden.

Das Recht auf allen deutschen Besitz in Rumänien; soweit er der Sowjetunion durch den Kontrollrat für Deutschland übertragen wurde, wird von der rumänischen Regierung Rußland zugestanden. Dagegen verzichtet Rumänien auf alle Forderungen an Deutschland.

Rumänien hat allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im Handel, in der Industrie und in der Schiffahrt Meistbegünstigung und Gleichberechtigung zu gewähren. Freie Donauschiffahrt für alle Staaten auf der Grundlage der Gleichberechtigung wird ausdrücklich festgelegt.

In den politischen Bestimmungen wird Rumänien verpflichtet, allen Landesbewöhnern ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache und des Bekenntnisses die menschlichen Grundrechte und Freiheiten zu gewähren. Für die Grundrechte der Juden werden besondere Garantien aufgestellt. Faschistische Organisationen sind verboten, Kriegsverbrecher müssen ausgeliefert werden.

Die Alliierten sagen zu, 90 Tage nach Inkrafttreten des Vertrages ihre Truppen aus Rumänien zurückzuziehen. Nur die Sowjetunion behält das Recht, in Rumänien die notwendigen Streitkräfte zur Aufrechterhaltung der Verbindungslinien zur sowjetischen Besatzungszone in Oesterreich zu belassen.

Soweit die wichtigsten Vertragsbestimmungen, für deren strikte Erfüllung sich im Namen des rumänischen Volkes der stellvertretende Ministerpräsident und Außenminister George Tatarescu durch Unterschrift am 10. Februar in Paris verbürgen wird.

Der Vertrag trifft ein Land, das nach einer Meldung des New York Herald Tribune-Korrespondenten Seymour Freidin »noch völlig unter dem Zeichen der Nachkriegs-Desorganisation« steht. Die ständig zunehmende Inflation zwang die Regierung erst am 2. Dezember 1946 den Staatshaushalt von vier auf neun Billionen Lei heraufzusetzen.

In Bukarest herrscht, wie könnte es anders sein, der Schwarzmarkt. Freidin hat ausgerechnet, daß ein Mittagessen in einem Restaurant der Hauptstadt so viel kostet, wie das Monatseinkommen eines »mittleren, einen weißen Kragen tragenden Angestellten« ausmacht.

Auch auf dem politischen Felde regiert der schwarze Handel. Als vor einigen Wochen dem Blatt des Führers der rumänischen Bauernpartei, Julius Maniu, das Papier ausging, wurde auf dem schwarzen Wege das Druckpapier von der kommunistischen Parteizeitung »Scanteia« besorgt.

Dabei stehen die Bauernpartei Manius und die Liberalen George Bratianus, beide Regierungsmitglieder nach dem Umschwung vom 24. August 1944, im scharfen Gegensatz zu dem von den Kommunisten geführten Demokratischen Einheitsblock.

Die Wahlen vom 19. November 1946 erbrachten nach amtlicher Mitteilung 348 von insgesamt 414 Sitzen für den Einheitsblock. Wie Maniu jedoch behauptete, hätten nur 16,5 v.H. aller abgegebenen Stimmen für den Wahlblock der Regierung gelautet. Maniu forderte Neuwahlen. Der wiedergewählte Ministerpräsident Dr. Petru Groza kümmerte sich nicht darum..

Man hat auch nicht gehört, daß Groza auf den Einspruch Englands und der Vereinigten Staaten, die ebenfalls die Wahlen nicht anerkannten, sichtbar reagierte. Er war sicherlich darauf gefaßt gewesen, da die beiden Westmächte schon vor den Wahlen gegen die Benachteiligung der Opposition protestiert hatten.

König Michael jedoch, bei der Eröffnung des Parlaments am 1. Dezember 1946, sprach nicht nur von der »engen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion«, sondern auch von dem Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen zu den Westmächten.

Der Friedensvertrag soll den Weg dazu bahnen: »Auf diese Weise werden die Alliierten und Vereinten Nationen in die Lage versetzt, Rumäniens Wunsch zu unterstützen, ein Mitglied der Vereinten Nationen zu werden.«

Michael ist im Bilde über Ministerpräsident Petru Groza

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