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VERLAGE / WIRTINNEN-VERSE Trübe Quelle

aus DER SPIEGEL 21/1967

Bei Korn und Karte krakeelen und erzählen deutsche Männer gern die Verse von »Bonifatius Kiesewetter« und vom »Sanitätsgefreiten Neumann«. Am beliebtesten sind die »Wirtinnen-Verse«.

Doch ist diese »folkloristisch geadelte Schweinerei« (so Schriftsteller Robert Neumann) nach Ansicht der Bad Godesberger Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften »geeignet, Abscheu und Widerwillen hervorzurufen«.

Deshalb setzten die Jugendschützer die vom Hanauer Verleger Karl Schustek, 73, herausgegebenen Verssammlungen über Neumann, Kiesewetter und Wirtin auf den Index*. Das heißt: Für die Bände (für junge Menschen ... eine trübe Informationsquelle") darf nicht mehr geworben werden; sie dürfen in Buchhandlungen nicht offen ausliegen. Erhältlich sind sie nur auf Anfrage oder über den Versandhandel.

* Das Wirtshaus an der Lahn« und »Bonifatius Kiesewetter«. 122 beziehungsweise 104 Seiten; Verlag Karl Schustek, Hanau; je Band 38 Mark.

Verleger und Bundesprüfer beurteilen den Wert der Werke unterschiedlich. Darüber, was Schustek als »Materialsammlung zur mitteleuropäischen Folklore« und als »Kulturdokument ersten Ranges« ansieht, urteilen dV Bundesprüfer in ihrer Beschluß-Begründung vom 20. April 1967: »Was in dieser Sammlung an häßlichen und ekelerregenden Eindrücken über geschlechtliche Dinge vermittelt wird. verdunkelt mit seinen Schatten die Zukunft eines Menschen.«

Zweifelsohne reicht die Boni- und Wirtinnen -Dichtung von grob Zotigem und extra Ordinärem (Schustek: »Starker Tobak") bis zu primitiv Vulgärem. Zurückhaltende Strophe über die Frau Wirtin, die der Legende nach im »Wirtshaus an der Lahn« bedient hat:

Frau Wirtin hatt' ein Kanapee

Drauf schläft sie mit der SPD

Und nur mit jungen Bengels;

Die Alten sitzen nebenan

Und lesen Marx und Engels.

Geschmack daran finden vor allem deutsche Akademiker. Wenn es stimmen sollte, daß -- wie die Godesberger meinen -- die Reime »in einem vielfach nur-kranken und kraß gestörten Verhältnis zur Sexualität den Bereich sexueller Verirrungen ... umkreisen wären zumal die Korporierten -- sie sind es, die mit Vorliebe die Verse an Biertischen schmettern -- reif für den Psychiater.

Die Mehrheit der rund 600 Wirtinnen-Verse sammelte Verleger Schustek bei »der heutigen Studentenschaft und bei Alten Herren eines halben Dutzends deutscher Hochschulen«.

Ein Amtsrichter -- der aus Breslau stammende und Ende des 19. Jahrhunderts in Bunzlau amtierende Waldemar Dyrenfurth -- ist es auch, der als Verfasser eines Großteils der Wirtinnen-Verse gefeiert wird. Ebenfalls ein Amtsrichter, aus dem Rheinischen, gilt als Autor von Baron »Bonifatius Kiesewetter«, seit der Jahrhundertwende auf Studenten-Kneipen als Erzferkel bestaunt. Gemäßigter Beitrag im Schustek-Brevier:

Schützenfest war dieser Tage

Unser Freund wirkt heftig mit,

Es bedarf wohl keiner Frage,

Daß die Gräfin drunter litt,

Endlich, 's war schon gegen Morgen,

Kam er heim mit schwerem Tritt,

Um für Abwechslung zu sorgen,

Bracht' er eine Dame mit.

Selten kamen böse Worte

Über der Frau Gräfin Mund,

Diesmal aber rief sie schluchzend: »Das tut nur ein Schweinehund.«

Moral:

Bei Zieglers wird's nicht gern gesehn,

Wenn Damen mit nach Hause gehn.

Verleger Schustek beschwor im Vorwort, die »Derbheit des Ausdrucks sollte niemand befremden«, und legte zu seiner verlegerischen Rechtfertigung Kurzgutachten prominenter Freunde vor (Schriftsteller Ludwig Marcuse: Frau »Wirtin und Bonifatius Kiesewetter ... kenne, ich viel länger als Aeschylus und Goethe").

Aber das half nichts in Godesberg. Ergrimmt darüber, daß die Jugendschützer seine »amüsante und kuriose Urkunde einer mehr kuriosen als amüsanten Epoche« nicht anerkannten, sprach er ganz im Stile der Frau Wirtin: »Es ist eine ganz gewaltige Schweinerei.«

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