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PROZESSE Trübe Tassen

Karl-Heinz Hoffmann, angeklagt wegen Doppelmordes, enthüllt vor dem Nürnberger Schwurgericht, was seine paramilitärische Wehrsportgruppe im Libanon getrieben hat. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Auch ohne Uniform und ohne Truppe achtet der ehemalige Wehrsportgruppen-Führer Karl-Heinz Hoffmann, 46, streng auf Ordnung. Angeklagt wegen Doppelmordes, Geldfälschung, diverser Waffendelikte, Freiheitsberaubung und Körperverletzung, rückt er im Saal 600 des Nürnberger Landgerichts erst einmal die Fronten zurecht.

Die beiden Staatsanwälte mit ihren vielen »Verleumdungen« und »völlig abwegigen

Theorien«, bedauert Hoffmann, genössen ja leider »Narrenfreiheit«, und er müsse sich »noch sehr überlegen, ob ich denen irgendwelche Fragen beantworte«. Auch die fünf Richter des Schwurgerichts seien »weder Götter noch Halbgötter«, sondern nichts weiter als »Versammlungsleiter«.

Seine eigene Rolle aber sieht er distanziert, beinahe entrückt. »Der Angeklagte ist der einzige, der weiß, wie es wirklich war.«

Nicht nur das: Er erweckt den Eindruck, als habe er auch als einziger im Saal das Sagen. Schon die gestalterische Pose, mit der Hoffmann als Angeklagter den Verfahrensablauf bestimmt, ist ungewöhnlich. Allein den Rahmen zu umreißen, innerhalb dessen er sich in vielen Punkten und Unterpunkten zu äußern gedenkt, kostet Hoffmann über Stunden aus. Er kündigt schon im voraus an, wann er erregt und wann er sachlich zu sprechen gedenke. Zwischenfragen beantwortet er mit langwierigen Erörterungen darüber, ob es unter solchen Umständen überhaupt noch Sinn mache, weiterzureden.

Das tut er dann aber doch immer wieder - und es dürfte wohl noch Wochen dauern, bis ein anderer Verfahrensbeteiligter ausführlich zu Wort kommen wird. Den Terminkalender des Vorsitzenden hat Hoffmann schon im ersten Anlauf über den Haufen geworfen. Das Gericht läßt ihn reden und reden, offenbar in der durchaus zutreffenden Einschätzung, daß so oder so genügend Erkenntnisse dabei abfallen werden, und seien es auch nur Einblicke in die bizarre Persönlichkeit des Angeklagten.

Auffälliges Gewicht legt Hoffmann darauf, seine Ex-Getreuen aus der Wehrsportgruppe - die ihn im Ermittlungsverfahren stark belastet haben und ihm im Oktober in Nürnberg als Zeugen gegenüberstehen werden - schon im Vorfeld als trübes Gelichter darzustellen, dem man keine Silbe abnehmen dürfe. Zuerst stellt Hoffmann klar, was er wirklich »niemals« war - nämlich ein Nationalsozialist, ebensowenig ein Rechtsextremist, ein Neonazi oder ein »Nazi ohne Neo«. Völkische und rassistische Gedanken habe er nie vertreten, und deshalb sei er auch kein »Judenfresser«.

Ein offenkundiger Mißgriff des Gerichts lieferte dem Angeklagten am ersten Prozeßtag noch eine weitere Gelegenheit, sich ideologisch abzugrenzen. Wegen der voraussichtlich monatelangen Dauer des Verfahrens mußten vorsorglich nicht nur Ergänzungsrichter, sondern auch noch ein weiterer Pflichtverteidiger bestellt werden.

Die Wahl des Schwurgerichts fiel auf den Nürnberger Rechtsanwalt Herbert Schußmann, der das Pflichtmandat offensichtlich gern übernommen hätte. Jedenfalls schrieb er dem Häftling Hoffmann, er habe schon früher »einmal Angehörige der SS und der Polizei verteidigt, denen Judenerschießungen vorgeworfen worden waren«.

Überdies, so Schußmann an Hoffmann, habe er »den Krieg von der ersten bis zur letzten Stunde mitgemacht«. Deshalb sei er »weder ängstlich noch zimperlich« und schon gar nicht »ein sozialistischer Patentwichser heutiger Prägung«. Und »im Soldatenjargon« fügte der Anwalt hinzu: »Wir sind beide zur gleichen Zeit in der Scheiße gelegen. Sie in den Windeln in Nürnberg und ich auf dem Exerzierplatz der 2. Schiffsstammabteilung der Nordsee in Glückstadt/ Elbe.«

Die Anbiederungen des alten Kameraden wurden von Hoffmann als »Instinktlosigkeit« und »Zumutung« zurückgewiesen: »Das ist nicht der Ton, den ich von meinem Verteidiger erwarte.« Der Exwehrsportler lehnte den seltsamen Rechts-Anwalt ab: »Meine politischen Ideen kann ich selber vortragen.«

Nach dem Verbot der paramilitärischen Organisation vor vier Jahren war Hoffmann mit einem letzten Aufgebot von 14 Mann in den Bürgerkrieg nach dem Libanon gezogen. Zum Trupp gehörten nur noch die treuesten Gefolgsleute, der Rest seiner einst über vierhundert Anhänger.

Doch nach Hoffmanns Erzählungen von heute hatte der Wehrsportgruppen-Chef einen höchst merkwürdigen Haufen um sich geschart - lauter »Dickköpfe«, »Simpel«, »abartige Schwächlinge«, »Blödel«, »harmlose Orgelpfeifen«, »Sauermacher«, »einen Dreckbär«, aber auch »brutalste Schläger«, »lupenreine Nationalsozialisten« und sogar einen »wotansüchtigen Knülch«.

Einer war von Haus aus »geistig äußerst einfach strukturiert«, ein anderer »manchmal geistig etwas ausgerastet«. Jedenfalls verärgerten diese »Dussel« und »trüben Tassen« den Chef ununterbrochen mit »Pleiten und Bocks«.

Dies aber wollte der Boß nicht dulden. Zumal er doch einen schwunghaften Handel mit alten Autos, vornehmlich ausgedienten Bundeswehr-Lkws, aufgezogen hatte, die er auf dem Land- und auf dem Seeweg ins Morgenland verfrachtete. Um die begriffsstutzigen und unbotmäßigen Kameraden zu disziplinieren, griff Hoffmann zu »harten Beugemaßnahmen, aber nichts, was die Gesundheit beeinträchtigte«.

Obschon er stets auf die Kommandogewalt über seine »militärische Einheit«

pochte und durchaus Neigung für harten Drill zeigte ("Das war ja kein Mädchenpensionat"), war er laut eigener Darstellung bei den schlimmsten Übergriffen immer abwesend.

Zu einer Serie von Mißhandlungen kam es offenbar nach einem vereitelten Fluchtversuch von vier Wehrsport-Männern Ende 1980. Zwei von ihnen bekamen nach Hoffmanns Darstellung »die klassische Bastonade« verabreicht, schmerzhafte Stockschläge auf die Fußsohle. Der Chef heute: »Man kann darüber streiten, ob das die richtige Methode ist - strafrechtlich geht es mich überhaupt nichts an.« Denn: »Eines steht fest: Ich war's nicht.«

Einen seiner Männer, einen »dummen Jungen« von 17 Jahren, nennt Hoffmann vor Gericht ein Ferkel, weil er gegenüber den Ermittlern eingeräumt hatte, einen Kameraden nach einem Fluchtversuch geschlagen zu haben; auch dies, so Hoffmann, »wiederum während meiner Abwesenheit«.

Einer der Fliehenden, so schilderte der Angeklagte letzte Woche eindrucksvoll, habe sogar in eine Hundehütte kriechen, aus der Schüssel fressen und bellen müssen. Hoffmann: »Wiederum war ich nicht dabei.«

Zuweilen langte der Boß nach eigenem Eingeständnis auch selber hin, mit schlimmen Folgen für das Opfer. Kay-Uwe Bergmann, nach dem ersten Fluchtversuch schon schwer drangsaliert, sollte auf Geheiß des Chefs das Rauchen aufgeben, »nicht zu seinem Nachteil, sondern zu seinem Nutzen« (Hoffmann). Bei der ersten Übertretung des Rauchverbots ging es noch mit 20 Liegestützen ab, danach mußte er mit einem Rucksack voll Steinen hüpfen. Hoffmann: »Ist ja auch noch keine Folter.«

Als Bergmann dann nachts beim Wacheschieben eine Zigarette schnorrte, wurde er mit einer Handschelle ans Bett gefesselt. »Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn selber dahin gehängt habe«, so Hoffmann lässig, »aber daß ein Deutscher bei Arabern bettelt, geht zu weit.« Die Nacht endete für Bergmann damit, daß er mit einem ausgekugelten Arm ins Krankenhaus gebracht werden mußte.

Doch Bergmanns Martyrium war noch längst nicht vorbei. Als er nach dem Krankenhausaufenthalt, den linken Arm in der Schlinge, ins Lager zurückkehrte, und zwar laut Hoffmann »quietschvergnügt«, da hatte der Boß von Zuträgern bereits erfahren, daß Bergmann unterwegs einen Abstecher in ein Unesco-Gebäude gemacht hatte. Hoffmann: »Da ist bei mir kurzfristig die Sicherung durchgebrannt. Patsch, hat er schon ein paar über die Löffel gehabt und noch eine und noch eine.«

Bergmann mußte »wegen Desertionsverdacht« die Waffe abgeben. Er bekam eine Glatze geschnitten, wurde »wie ein Hund mit einem Stecken gereizt« (Hoffmann), mit heißem Fett und Kaffeewasser übergossen, mußte dosenweise Ölsardinen essen und dazu Olivenöl trinken. Hoffmann damals: »Von mir aus gebt ihm Rizinusöl, bis er in die Hosen scheißt.« Bis heute zeigt Hoffmann Verständnis für seine Folterknechte: »Wann hat es denn ein Verräter schon je schön gehabt?«

Mit den Verhören von Bergmann, der als vermißt gilt und dessen Fall von der Polizei als »Mord ohne Leiche« abgehakt wurde, war damals ein Wehrsport-Mann betraut, der als bedingungsloser Hoffmann-Anhänger galt: Uwe Behrendt. Er war als Chef-Folterer ausgewiesen, denn er hatte wenige Wochen zuvor, am 19. Dezember 1980, in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke mit einer Maschinenpistole aus dem Arsenal der Wehrsportgruppe erschossen (SPIEGEL 34/1984).

Während Behrendt im Libanon offenbar Selbstmord beging, steht Hoffmann wegen des Doppelmords und seine Lebensgefährtin Franziska Birkmann wegen Beihilfe vor Gericht.

Hoffmann hat sich schon bei Prozeßbeginn von Behrendts »Wahnsinnsklops in Erlangen« distanziert. Am Donnerstag letzter Woche ging er zum schwersten Anklagepunkt erstmals ein wenig ins Detail. Behrendt sei unmittelbar nach der Tat zu ihm gekommen und habe gesagt: »Ich hab's ja auch für Sie getan. Sie hätten ja doch nie was gemacht.«

Während er anhand zahlreicher persönlicher Erlebnisse jeglichen Antisemitismus von sich wies, äußerte er den Verdacht, daß bei »diesem entsetzlichen Attentat« womöglich auch »Ultraorthodoxe israelische Kreise« ihre Hand im Spiel gehabt haben. Wie sich diese These mit der von Hoffmann bestätigten Tatausführung durch den Wehrsportler Behrendt verträgt, konnte er allerdings selber nicht erklären: »Mein Gehirn ist nicht identisch mit dem Gehirn eines Herrn Behrendt.«

Während der Angeklagte in seinem vielstündigen Monolog Kleinigkeiten wie die »probeweise Zündung einer Handgranate« großmütig als erledigt abhakt ("Wir werden in dieser Sache zu keiner Verurteilung kommen"), machen ihm andere Punkte, wie zum Beispiel die Herstellung falscher Dollar-Noten, »offen gesagt etwas Schwierigkeiten«.

In einer Art Vorwärtsstrategie räumt Hoffmann unumwunden ein: »Ich habe amerikanische Dollars gedruckt.« Doch das Geld sollte angeblich nie in Verkehr gebracht werden, und die gesamten Bestände seien auch wieder vernichtet worden. Hoffmann: »Mich hat die Herstellung von Geld einfach mal gereizt.«

Der Angeklagte räumt ein, daß ein solches Verhalten »wirklich nicht üblich« sei und daß er deshalb die Konsequenzen werde tragen müssen: »Ich weiß, daß Sie mich dafür empfindlich bestrafen werden - plus Extremistenzuschlag.«

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