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AFFÄREN Tsampa in Tibet

In dubiosen Anzeigengeschäften sicherte sich die Union auch Wahlkampfgeld von der SPD-Landesregierung Rau. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Die Damen im Zeitungsladen des Wiesbadener Hauptbahnhofs haben von der Zeitschrift »noch nie was gehört«. Genauso geht es den Mitarbeitern der Bahnhofsbuchhandlung in Köln: »Kennt jemand hier das 'Deutsche Monats-Magazin'?« ruft lautstark eine Kollegin, und alle schütteln den Kopf. Im Zeitschriftenshop im »Bonn-Center«, gegenüber vom Bundeskanzleramt, fragt die Verkäuferin erst einmal vorsichtig zurück: »An welche Art von Magazin denken Sie denn?«

Die schick aufgemachte Postille mit dem Kürzel »DMM«, die im Handel so schwer erhältlich ist, hat offenbar wenig Leser - dafür aber kapitalkräftige Inserenten. Von Asbach bis Audi, von Bahlsen über Bayer bis hin zu Doornkaat und der Deutschen Bank reicht die Liste der Anzeigenkunden, die im »Deutschen Monats-Magazin« werben. Auch die Bundesregierung, mit Texten von Bundesbahn und Bundespost, macht in jedem Heft für sich Reklame.

Das Geld aus dem Staatshaushalt kommt der CDU zugute, die mit dem Erlös aus den Anzeigen ein besonders raffiniertes Modell der indirekten Parteienfinanzierung unterhält. Der Titel »Deutsches Monats-Magazin« gehört dem CDU-eigenen Unternehmen »Union Betriebs-Gesellschaft mbH« (UBG) in Bonn. Ausgerüstet mit zwei Millionen Mark Parteikapital, sammelt die Firma seit 27 Jahren Bargeld für die Union.

In ihrem Bonner Betrieb druckt die UBG - für die Partei überaus wohlfeil - Presse- und Wirtschaftsdienste, dazu Sitzungsprotokolle, Parteitagsbroschüren, Flugblätter und Handzettel für den Wahlkampf. Zwar reichten Gewinne aus Lohndruck-Aufträgen und aus dem Verkauf eines eigenen, zweimal wöchentlich erscheinenden Informationsblattes ("Wirtschaftsbild") noch nie hin, das Defizit auszugleichen. Doch die CDU-Unternehmer wußten sich zu helfen.

Besonders einfallsreich agierte der langjährige UBG-Geschäftsführer Peter Müllenbach, den die »seltsamen Steuergesetze in der Bundesrepublik« schon immer wurmten, weil er »Schwierigkeiten« hatte, »Gelder für politische Zwecke auf ordentlichem Wege an den richtigen Platz zu bringen«. So verfiel er Ende der sechziger Jahre auf den Gedanken, klangvoll betitelte, aber wertlose Gutachten über eine Liechtensteiner Tarnadresse zu Phantasiepreisen an bundesdeutsche Firmen zu verhökern.

Das profitträchtige Steuerspargeschäft, das Millionensummen in die CDU-Kassen brachte, wurde von Bonner Steuerfahndern enttarnt. Müllenbach und seine UBG-Mitarbeiter entschlossen sich, CDU-Geldgebern etwas Wertbeständigeres anzubieten. Sie ließen eine silberne Medaille mit dem Konterfei Konrad Adenauers prägen, die zum Stückpreis von 27,50 Mark verkauft wurde.

Das Geschäft florierte. Auch Goldmedaillen mit Ludwig Erhard und den Europa-Politikern Robert Schuman und Alcide De Gasperi fanden Absatz. Eine Adenauer-Gedenkmedaille, entworfen vom spanischen Meister Salvador Dali, krönte das glänzende Geschäft: Medaillen im Wert von insgesamt 15 Millionen Mark schlug die CDU-Firma los.

Der Verkaufserfolg ließ die wackeren Geldvermehrer nicht ruhen. Ende der siebziger Jahre gründete die Union Betriebs-GmbH die »ARD Scarabaeus Herausgebergesellschaft für Graphische Werke und Kunsthandel GmbH": Über das Zweigunternehmen (Stammkapital: 100000 Mark) vertrieben die CDU-Gesellschafter eine von dem Wiener Maler Ernst Fuchs gestaltete Taschenuhr, die »Scarabaeus Fuchs-Uhr« - das Exemplar in Gold zu 18000 Mark.

Doch das kostbare Stück wollten sich schon sehr viel weniger CDU-Förderer in die Tasche stecken. »Da sind wir am Ende noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen«, gesteht Uwe Lüthje, Generalbevollmächtigter des CDU-Bundesschatzmeisters Walther Leisler Kiep und seit 1980 ebenfalls Geschäftsführer der UBG. Schmerzvoller noch sind Lüthjes Erinnerungen an das vorerst letzte Objekt aus dem CDU-Versandhaus: einen »Schützenscheibenteller« aus Porzellan. Lüthje: »Das war ein Flop.«

Dafür war das Geschäft, das mit den Druckerzeugnissen »Deutsches Monatsblatt« und »Deutsches Monats-Magazin« zu machen war, für die UBG ohne Risiko. Das »Monatsblatt« (Auflage: 620000), im Zeitungsdruck hergestellt, wird als Mitgliederzeitung der Partei zehnmal jährlich kostenlos in jeden bundesdeutschen Haushalt mit mindestens einem CDU-Mitglied geliefert. Den Service honoriert die Partei pro Jahr mit 3,7 Millionen Mark.

Das »Deutsche Monats-Magazin« hingegen, das viermal im Jahr auf Glanzpapier erscheint, firmiert nicht als offizielles Organ der CDU. Von Anbeginn an sollte es nur dazu dienen, über das Inseratengeschäft die Bilanzen der UBG zu verbessern. Die Anzeigenakquisition für beide Blätter übertrug die UBG einer eigens gegründeten Werbeagentur, doch die Tochtergesellschaft krebste lange vor sich hin. Die »DMM«-Auflage stagnierte bei 1800 Exemplaren und das jährliche Anzeigenaufkommen aus beiden Druckwerken bei 600000 Mark.

Die Union fand einen passenden Helfer: In Büderich bei Düsseldorf, in der ehemaligen Familien-Villa von Otto-Ernst Flick, dem ältesten Sohn des Düsseldorfer Konzerngründers, residierte der Verlagskaufmann Axel Dirk Walter, der dort eine Werbe- und Public-Relations-Firma namens »Walter Verlags- und Werbe-GmbH« betrieb.

Walter, 45, ist als PR-Mann im Umgang mit Geld geübt. Seit Herbst letzten Jahres einer Prinzessin Johanna zu Sayn-Wittgenstein angetraut, die schon einmal mit dem Flick-Enkel Gert-Rudolf ("Muck") verehelicht war, besitzt er in Düsseldorf die Diskothek »Checker-s« und das Schickimicki-Cafe »Schröder« im Kö-Center.

Die Union Betriebs-GmbH übertrug dem Büdericher das Anzeigengeschäft für das »Deutsche Monatsblatt« und die Rechte am Titel »Deutsches Monats-Magazin«. Die UBG sicherte sich, aus Anzeigenerlösen und Lizenzgebühren, jährlich eine Garantiesumme von 992000 Mark.

Als neuer »Monats-Magazin«-Verleger ließ Walter statt der bisherigen 1800 Exemplare plötzlich 100000 und mehr »DMM«-Hefte drucken. Gleichzeitig verkaufte er die »DMM«-Anzeigen zu entsprechend höheren Tarifen.

Uwe Lüthje sorgte für Umsatz. Mit der Begründung, die Partei wolle ihre »bisherige erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, die eine erfreuliche Mobilisierung unserer Anhängerschaft bewirkte, intensivieren«, bat der Kiep-Vertraute per Rundschreiben westdeutsche Großfirmen, »zum Gelingen unseres publizistischen Vorhabens beizutragen« und in den beiden Blättern zu inserieren. »Das 'Deutsche Monats-Magazin'«, erläuterte er, »erscheint in einer Auflage von 102000 Exemplaren als frei verkäufliches Magazin an allen Kiosken.«

Auch Kurt Biedenkopf, Vorsitzender der westfälischen CDU, forderte 1985 Union-Sympathisanten aus der Wirtschaft in Briefen auf, »mit einer Anzeige zu werben oder durch die Übernahme von Patenschaftsabonnements diese CDU-Publikationen zu fördern«. Biedenkopf: »Eine hohe Auflage ist garantiert.«

Und viele der Firmen, die vor Jahren zum Wohle der CDU Scheingutachten bestellt hatten, gaben nun teure Inserate auf: Daimler-Benz, Kugelfischer, Boehringer Mannheim, Interlübke, Melitta oder der Heinrich Bauer Verlag.

Die Wahlfreiheit zwischen beiden Blättern erwies sich als genialer Einfall. Wer es zu plump fand, seine Werbung in der Mitgliederzeitung zu placieren, konnte die Inserate im unverfänglicher aufgemachten »DMM« unterbringen.

Und für Firmen, die auch das noch für zu auffällig halten, hat Axel Walter ein Sonderverfahren entwickelt. Er empfiehlt ihnen, eine Anzeige zugunsten der Aktion »Brot für die Welt« zu bestellen und darin etwa auf »die Not der benachteiligten und entrechteten Bevölkerungsgruppen in den Ländern der Dritten Welt« hinzuweisen, ohne dabei den Firmennamen zu nennen. »Sie erhalten daraufhin«, so Walters schriftliche Gebrauchsanweisung, »neben unserer Anzeigenrechnung eine Spendenbescheinigung in gleicher Höhe, deren Absetzbarkeit steuerrechtlich einwandfrei ist.«

So wird in jeder »DMM«-Nummer um Brot für die Welt« gebettelt, und vom Hilferuf profitiert in Wahrheit der Schatzmeister der CDU. Dabei ist von Lüthjes »frei verkäuflichem Magazin an allen Kiosken« und Biedenkopfs »garantiert hoher Auflage« an den Zeitungsständen nichts zu sehen. Laut »IVW«, der freiwilligen Auflagenkontrolle der deutschen Presse, hat das »Deutsche Monats-Magazin« exakt 179 Einzelabonnenten.

Im Kiosk-Geschäft ist »DMM« im Jahresschnitt bundesweit über 2000 verkaufte Exemplare nicht hinausgekommen, und vergangenes Jahr schrumpfte der Freiverkauf (Einzelpreis: 7,50 Mark) unter Null: Bis zum dritten Quartal, dem letzten, über das die IVW Zahlen veröffentlicht hat, mußte der Verlag von den Einzelhändlern 1500 alte Hefte mehr zurücknehmen, als er neue auslieferte.

Den Verdacht, die 100000 »DMM«-Exemplare (Anzeigenpreis für eine Vierfarbseite: 20575 Mark) würden überhaupt nicht gedruckt, sondern lediglich einige tausend Beleg- und Alibi-Stücke, können die IVW-Kontrolleure nicht bestätigen: »Wir haben die Druckerrechnungen samt Zahlungsbelegen geprüft.« Gleichwohl finden es die IVW-Zähler ungewöhnlich, was alles der Walter-Verlag über den Verbleib von jeweils mehr als 90 Prozent der Druckauflage - das sind die 100000 Stück - vermeldet hat: Erst wurden die 100000 Exemplare vier volle Jahre hindurch als im »Sammelbezug« verkauft registriert, dann firmierten sie sechs Quartale lang als »Freistücke«. Danach war wiederum fünf Quartale hindurch von »Sammelbezug«, dann wieder ebenso lang von »Freistücken« die Rede. Seit 1986 gibt es wieder einen Sammelbesteller.

Der Wirrwarr läßt sich ganz simpel erklären. Damit die 100000 Exemplare ebenso wie die im Abo- und Kiosk-Handel abgesetzten Hefte in den IVW-Listen als »verkaufte Auflage« ausgewiesen werden konnten (Walter: »Interessant

sind allein die Anzeigen"), kaufte die Union Betriebs-GmbH in Bonn dem Walter-Verlag die 100000 Hefte jahrelang en bloc für 10 Pfennig pro Exemplar ab. »Die Auslieferung erfolgt per Lkw durch die Druckerei«, hieß es jeweils in den Walter-Rechnungen für die UBG. Doch angekommen sind die Hefte bei der Bonner CDU-Filiale nie.

Axel Walter will sie selber irgendwohin expediert haben, in Geschäftsstellen und Wahlkampfbüros der Partei, in Altenheime und Krankenhäuser - »per Post, per Pkw oder mit Laster«. Und wenn die UBG mal nichts gegen Rechnung abnahm, gingen die Exemplare einfach als »Freistücke« raus. »Das Kind«, so Waiter, »hatte nur einen anderen Namen.«

In das »mittelprächtige Chaos« (ein Kölner Spediteur) wollten die CDU-Handelsleute letztes Jahr wenigstens halbwegs Ordnung bringen. Der Firma »WDU Presse- und Öffentlichkeitsarbeit GmbH« in Bonn- Gesellschafter sind zwei frühere UBG-Prokuristen und Axel Walter - wurde der »Generalvertrieb für das »DMM« übertragen.

»Wir kaufen dem Walter-Verlag, bis auf einen kleinen Rest, die komplette Auflage ab«, berichtet Mehrheitsgesellschafter Siegfried Auffermann, der sich derzeit bei der Wirtschaft eifrig um Patenschaftsabonnements für das »DMM« bemüht. »Mittels Lkw bringen wir die Hefte dann zu den Kreisverbänden der CDU und manchmal auch der CSU«, so Auffermann, »die verteilen sie dann an Krankenhäuser und Altenheime oder verwenden sie bei ihren Kampagnen.«

Wieviel Exemplare am Ende ihr Ziel erreichen, weiß niemand. Es scheint auch nicht so wichtig, denn viel zu lesen gibt es im »DMM« außer Anzeigen nicht. Werner Brüssau, Leiter des Ost-Berliner ZDF-Büros, der trotz seines Fernseh-Jobs genug Zeit findet, einmal im Vierteljahr als »Chefredakteur« ein Heft zusammenzubasteln, begnügt sich mit Interviews oder Namensartikeln von Kohl, Späth, Strauß und Biedenkopf oder Berichten über »Tsampa, Tschang und Buttertee« in Tibet.

»Das Heft«, meint Vertriebschef Auffermann, »motiviert die Menschen, die Union gern zu haben.« Und der Kassen-Bevollmächtigte und UBG-Geschäftsführer Lüthje freut sich mit: »1986 werden wir erstmals wieder einen respektablen Gewinn haben.«

Dazu hat auch die SPD-Landesregierung von Johannes Rau beigetragen. Im letzten Jahr kauften NRW-Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen. Umweltminister Klaus Matthiesen und die Staatskanzlei Anzeigenraum im »DMM": »Wenn Sie in Ihrem Unternehmen neue technologische Lösungen erarbeiten«, erfuhren die Altenheim-Bewohner, »und diese erstmalig in neue Produkte oder Verfahren umsetzen, beteiligt sich der Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie an Ihrem Risiko.«

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