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Vertriebene »Tu Oma den Gefallen«

Das »Recht auf Heimat« ist den meisten Sudetendeutschen ganz egal. Entgegen den Parolen ihrer Wortführer auf dem bevorstehenden Pfingsttreffen in Nürnberg wollen die Vertriebenen Frieden mit der Vergangenheit machen. Nur eine Minderheit, das ergeben Umfragen, verlangt von Tschechien Entschädigung.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Es muß ja nicht gleich jeder wissen, daß H. Corinna Meraldi, 57, eine geborene Männel ist. Und daß sich hinter dem H. der einfache deutsche Vorname Helga verbirgt - wen geht das schon was an?

Meraldi klingt so schön italienisch, gerade hier im Böhmischen, wo die Ortschaften Ceska LIpa, Litomerice oder Ustek heißen. Gegen Italiener hat hier niemand etwas, gegen Deutsche schon eher. Vor allem in der Pfingstzeit.

Immer wenn, wie am kommenden Wochenende in Nürnberg, die sudetendeutschen Trachtengruppen unter marschmusikalischem Getöse in die Frankenhalle ziehen und Vertriebenenfunktionäre wortgewaltig ihr Recht auf Heimat beschwören, sorgt sich die deutsche Hotelfrau Meraldi um die Stimmung im kleinen tschechischen 440-Seelen-Dorf TrebusIn, wo sie das »Schloßhotel Hubertus« betreibt.

Jahr für Jahr werden deutschsprachige Hinweisschilder demoliert, Hauswände und Bauzäune mit antideutschen Parolen beschmiert. Hotelbesitzerin Meraldi wundert das kaum: »Das ehemalige KZ Theresienstadt ist nur wenige Kilometer weit entfernt, viele Tschechen haben immer noch Angst vor den Deutschen.«

Sie selbst erlebte als kleines Mädchen, wie die deutsche Bevölkerung von TrebusIn - damals Triebsch - nach dem Anschluß des Sudetenlandes 1938 an Hitlers Reich den Nazi-Horden zujubelte. Ihre Eltern waren voller Stolz dabei: »Vor unserem kleinen Familienschloß wehten die größten Hakenkreuzfahnen.«

1945 war das vorbei. Der tschechoslowakische Staat begann wieder zu existieren, und die Familie Männel mußte nun ganz unfreiwillig »heim ins Reich«. Sie wurde vertrieben wie rund drei Millionen andere Sudetendeutsche auch.

Jetzt ist H. Corinna Meraldi, geborene Männel, wieder da. Was die Sudetendeutsche Landsmannschaft und bayerische Politiker nicht müde werden, von Tschechien einzuklagen, hat sie sich kurzerhand genommen: ihr Recht auf Heimat. Das versteht sie allerdings ganz anders, als die Vertriebenenfunktionäre: jedenfalls nicht als Pioniertat für Hardcore-Revanchisten, die gleich auch noch die Herausgabe früherer Besitztümer verlangen.

Meraldi lernte Tschechisch, gründete eine GmbH, kaufte das alte Familienschloß zurück und gab sich selbst einen Arbeitsvertrag. Sie baute das marode, zwischenzeitlich als Schule genutzte Gebäude für ein paar Millionen Kronen zu einem properen kleinen Restaurant und Hotel mit 14 Zimmern um.

Mittlerweile ist Meraldi die größte Arbeitgeberin im Dorf. Sie ärgert sich mit allerlei bürokratischen Widrigkeiten herum und zahlt ihren Angestellten monatlich freiwillig Beiträge für deren Bausparverträge. Egal, was war - nun ist sie hier zu Hause: »Wir müssen den alten Ballast abwerfen und einfach neu anfangen.«

Den neuen Anfang in der alten Heimat wagen nur wenige. Doch daß ein neuer Anfang sein muß, glauben ähnlich wie Corinna Meraldi mittlerweile die meisten sudetendeutschen Vertriebenen und deren Nachkommen.

Für viele ist die Vergangenheit bewältigt: Anders als es die politischen Blährituale der Sudetendeutschen Landsmannschaft pfingstjährlich vermuten lassen, haben sich die meisten Vertriebenen mit dem Verlust der alten Heimat abgefunden. Sie sind weder auf Revanche noch auf Wiedergutmachung aus.

Die Sudetendeutschen sind friedlich und versöhnungsbereit. Umfragen ergeben: Die übergroße Mehrheit wünscht sich endlich einen Schlußstrich unter dieses verkorkste Jahrhundert des deutsch-tschechischen Zusammenlebens unter Nazi-Greuel und Vertreibungselend.

Als Emnid im Auftrag des SPIEGEL zwischen Februar und April gut 400 repräsentativ ausgewählte Sudetendeutsche und deren Nachkommen in Bayern fragte, ob sie gern wieder in der früheren Heimat leben wollten, waren die Antworten unzweideutig. Rund 85 Prozent der Interviewten sagten: nein. Sie haben abgeschlossen mit dem Kapitel Sudetenland.

»Fordern Sie von den Tschechen Entschädigung für enteignetes Eigentum?« wollte Emnid weiter wissen. Drei Viertel der Befragten verneinten auch dies.

»Tschechiens Präsident Havel hat sich schon vor einigen Jahren für die Vertreibung entschuldigt und sie als Unrecht bezeichnet. Ist es jetzt an der Zeit einen Schlußstrich zu ziehen?« fragten die Meinungsforscher - rund 83 Prozent sagten glattweg: ja.

Doch das Bild der Vertriebenen wird noch immer weitgehend von den Veteranen der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) bestimmt. Dabei ist die SL ein völlig überbewerteter Interessenverband mit unverhältnismäßig großem Einfluß, der fast allein den Gang der Diskussion und damit auch den Stand der Beziehungen zum Nachbarn Tschechien bestimmt.

»Wir bestehen auf unserem Heimatrecht«, verlangt etwa SL-Sprecher Franz Neubauer, 66, kategorisch, »und das muß über das normale Niederlassungsrecht im Rahmen der Europäischen Union hinausgehen.« Außerdem müßten die Dekrete des tschechoslowakischen Nachkriegspräsidenten Eduard Benes aufgehoben werden, mit denen Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen legitimiert wurden: »Ohne das geht es nicht.«

3,4 Millionen Menschen zählt die Landsmannschaft bundesweit zu ihrer Volksgruppe: Vertriebene, deren Kinder und Enkel. Gerade mal sieben Prozent von ihnen sind in der SL oder untergeordneten Heimatvereinigungen organisiert. Dennoch gelingt es dem Verband immer wieder, sich als einzig wahrer Sachwalter sudetendeutscher Interessen darzustellen - allzeit tatkräftig unterstützt von der CSU.

Schließlich hat der Freistaat Bayern, wo nach dem Krieg die meisten der vertriebenen Sudetendeutschen eine neue Heimat fanden, schon 1954 ganz offiziell die Schirmherrschaft über die Volksgruppe übernommen und gelobt, sie »bei der Wahrnehmung der heimatpolitischen, kulturellen und sozialen Aufgaben ideell und finanziell zu fördern«.

Sicher kein falsches Kalkül, mit diesem Versprechen Wählerstimmen sammeln zu können. Der Preis: Auch ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, nach deutscher Vereinigung und sanfter Revolution, herrscht immer noch kalter Friede zwischen Bonn und Prag.

Die vor Jahresfrist aufgenommenen Gespräche über eine gemeinsame Erklärung beider Regierungen verheddern sich immer wieder im Gestrüpp von Geheimdiplomatie und widerstreitenden Parteiinteressen.

»Ohne den allseits akzeptierten Monopolanspruch der Landsmannschaft auf sudetendeutsche Anliegen wären wir längst schon viel weiter«, glaubt Ferdinand Seibt, 69, Mitglied der 1990 eingerichteten deutschtschechischen Historikerkommission, die sich seit Jahren redlich bemüht, die Geschichte beider Völker einvernehmlich aufzuarbeiten.

Einer von den orthodoxen SL-Veteranen ist Herbert Prochazka,73. Seine Großeltern starben auf dem Brünner Todesmarsch, der gewaltsamen Vertreibung von Deutschen aus der mährischen Stadt im Sommer 1945. Mehrfach war der in Groß-Priesen bei Aussig geborene Stalingradkämpfer inzwischen schon wieder in der alten Heimat - er habe sich sogar gut mit den Tschechen verstanden, die jetzt im Elternhaus wohnen, dem schönen Zuhause am Waldesrand, das nur noch als Farbfoto auf dem Wandschrank im Wohnzimmer steht. »Wir fordern ja keine neue Vertreibung.«

Aber Prochazka bleibt dabei: »Wir wollen unser Recht.« Die Sudetendeutschen müßten als autonome Volksgruppe in der alten Heimat leben dürfen - mit eigenen Rechten und deutschem Paß.

Neulich habe sich Präsident Vaclav Havel doch so stark für die Autonomie der Tibeter gemacht: »Warum kann er zu den Sudetendeutschen nicht auch so tolerant sein?« fragt Prochazka empört. Im Bundesvorstand der Landsmannschaft, wo auch Prochazka sitzt, denken viele wie er.

Immerhin kann sich der Vertriebenenverein damit brüsten, Jahr für Jahr rund 100 000 Menschen zu Pfingsten unter den Heimatfahnen zu versammeln. Doch die da kommen, haben oft mit der Politik gar nichts im Sinn.

Etliche sind einfach da, weil sie Spaß an einem lustigen Trachtenfest haben oder um alte Freunde zu treffen. Viele mögen das: bei Bier und Heimatmusik, bei Olmützer Quargeln, Znaimer Gurken und Egerer Stadtwurst so richtig in Nostalgie zu versacken.

Wenn jetzt - wie vergangenes Jahr in München - Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zum wiederholten Male die Tschechen auffordert, »das verletzte Rechts- und Ehrgefühl« der Sudetendeutschen »zu heilen«, dann erfreut das zwar immer noch viele Besucher. Andere hören da gar nicht zu.

Elisabeth Weiss, 35, die jedesmal stundenlang in ihrer farbenfrohen Wischauer Tracht durch die Menschenmenge drängelt, hat meist nur eins im Kopf: ihre Füße.

Die schmerzen, weil sie sich nicht setzen kann. Sitzen verbietet die 60 Jahre alte Originaltracht, die sich anfühlt wie feine Kartonage und üppig komponiert ist aus vier gestärkten Röcken, Leinen-Spitzenhosen, buntem Mieder, Schürze, Halskrause, Kopfschmuck und vielerlei Accessoires mehr.

Ganz unkämpferisch quält sich Elisabeth Weiss zwölf Stunden durch den langen Sudetendeutschen Tag. Und warum? »Die ersten Male habe ich es meiner Mutter zuliebe getan, jetzt macht es mir einfach Spaß«, erklärt es die Besucherin. Außerdem seien so viele Verwandte und Freunde vom Aalener Brauchtumsklub »Wischauer Sprachinsel« mit dabei. Und die Ansprachen und flammenden Reden im Saal? »Das interessiert mich nun gar nicht.«

1972 hat sie mit ihrer Mutter deren Heimat bei Brünn besucht. Eine ihr völlig fremde Gegend zwar, aber: »Das hat mich schon erschüttert, daß sie da so einfach weg mußte, ohne alles.«

Doch eine Tracht konnte die Mutter nach Aalen retten, wo sich viele Vertriebene aus der Region um Brünn neu ansiedelten und im Verein »Wischauer Sprachinsel« bis heute versuchen, die eigene Kultur am Leben zu halten.

Als Mitte der siebziger Jahre die noch vorhandenen prachtvollen Trachten für einen Fotoband dokumentiert werden sollten - da mußte auch die hübsche 16jährige Elisabeth ran, um den Kleidern noch mehr Glanz zu verleihen. Seitdem ist sie dabei. Schade nur, daß Ehemann Norbert das ganze folkloristische Trachtentreiben eher suspekt ist: »Der hat da gar keinen Zugang.«

Und auch die eigenen drei Kinder glaubt Elisabeth Weiss kaum später für Kleidung, Tänze und Sprache der Ahnen begeistern zu können. Schon jetzt müssen vor Veranstaltungen bisweilen Jugendliche mit kleinen Belohnungen geködert werden, damit sie in die spröden Gewänder steigen - »tu Oma doch den Gefallen«.

Die meiste Zeit liegen die kostbaren Kleider jedoch sicher verwahrt, zusammengerollt und umhüllt von säurefreiem Seidenpapier in einer großen Truhe im Keller. Denn die Sachen sind höchst empfindlich.

Und selbst wenn die Begeisterung der Brauchtumsfreunde noch lange dauert - ewig schaffen die Trachten das nicht. Zeit und Getier nagen an der Substanz und werden die Raritäten letztlich zerstören: »Die Motten sind eine rechte Plage«, klagt die Vereinskameradin Ute Soutschek, 38, »die sind ganz scharf auf Rot und Pink.«

Wenn dann erst die Trachten zu bröseln beginnen, »dann ist es mit dem Verein auch bald vorbei«.

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