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Kroatien Tudjmans historische Vision

aus DER SPIEGEL 18/1996

Kroatiens Präsident Franjo Tudjman schwelgt im nationalen Größenwahn: Nachdem es ihm vergangenen Herbst nicht gelungen war, zum Staatsoberhaupt auf Lebenszeit gewählt zu werden, versucht er in einem neuen Anlauf, als »Held aller Helden« in die kroatischen Geschichtsbücher einzugehen. Ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac will Tudjman »aus historischen und aktuell politischen Gründen« eine Kultstätte für alle errichten, die für die Freiheit Kroatiens in diesem Jahrhundert ihr Leben ließen. Dazu zählt er den kommunistischen Staatsgründer Jugoslawiens, Josip Broz Tito, aber auch Hitlers Statthalter Ante Pavelic, der von 1941 an allein im Vernichtungslager Jasenovac 60 000 bis 80 000 Juden, Serben und Roma umbringen ließ. Der Historiker Tudjman bestritt in der vergangenen Woche diese Zahl und erklärte: »Mehr als 28 000 Menschen sind bei der Einlieferung nach Jasenovac nicht registriert worden - und eine beachtliche Zahl kam wieder frei.« Zwar habe Pavelic »schreckliche Fehler« begangen, dennoch sei er als Vorkämpfer der kroatischen Unabhängigkeit zu würdigen. Mit der Heimholung der Gebeine des 1959 im spanischen Exil gestorbenen Faschistenführers und der Umbettung Titos von Serbien nach Kroatien will Tudjman die verschiedenen Strömungen innerhalb seiner Regierungspartei (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) miteinander versöhnen. Denn so könnte er zugleich ehemalige Partisanen und Kommunisten, aber auch antikommunistische und rechtsgerichtete Emigrantengruppen zufriedenstellen. Tudjman hofft, dann doch noch Präsident auf Lebenszeit zu werden.

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