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Schulen Tüchtig reinstopfen

Im Chemie- und Physikunterricht wird zuwenig experimentiert und zuviel gepaukt. Lehrer sprechen von einer »tiefen Krise« der beiden Fächer.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Die Explosionsspuren sind noch frisch, der schöne neue Tisch ist zerschrammt.

Vorsichtig montiert Lehrer Uwe Kaufmann, 50, einen großen Glaskolben. Schüler seiner 8. Gymnasialklasse im niedersächsischen Großburgwedel füllen das Gerät mit diversen Essenzen. Es brodelt und blubbert. Chemielehrer Kaufmann blickt sorgenvoll in die Runde und gesteht: »Manchmal bibbere ich ein bißchen.«

Der Pädagoge ängstigt sich keineswegs um die ihm anvertrauten Kinder. Am Vortag, als seinen Schülern ein Gemisch aus Bleiasche und Magnesiumspänen »um die Ohren flog«, sei »eigentlich nicht viel« passiert. Aber »wenn es dann mal rumst und so ein Glaskolben platzt«, weiß Kaufmann, »sind gleich 400 Mark zum Teufel«.

Doch nur genau 2,70 Mark darf die Chemiestunde in Großburgwedel kosten, mehr ist im Schuletat nicht drin. Kaufmann kann damit geradezu aus dem vollen schöpfen: Bundesweit nämlich, so ergab eine Umfrage unter Chemielehrern, stehen im Schnitt nicht mehr als 1,20 Mark pro Stunde zur Verfügung - gerade genug für zwei bessere Reagenzgläser.

»Daß die Kollegen unter diesen Bedingungen das Experimentieren einstellen«, erklärt der Oberstudienrat, sei »nur zu verständlich«. Tatsächlich verstauben die teuren Apparaturen vielerorts in der Vitrine, Experimente finden nur noch im Lehrbuch statt. Ob im Gymnasium oder in der Realschule: Der naturwissenschaftliche Unterricht, klagt Kaufmann, befinde sich in einer »tiefen Krise«.

Die Folgen sind unübersehbar: »Die Grundhaltung der Schüler gegenüber dem Fach Chemie«, räumt das niedersächsische Kultusministerium ein, »verändert sich zum Negativen.« Während die Schüler anfangs »ausgeprägtes Interesse und starke Neugier« zeigten, »ist spätestens in Klasse 10 häufig Desinteresse und Langeweile zu beobachten«.

Nach Ablauf der Schulzeit ist der dröge Formelkram dann endgültig perdu. Den traurigen Beweis erhielt kürzlich die Fachhochschule Hamburg mit einem Eingangstest bei angehenden Bauingenieuren. »Die physikalischen Grundlagenkenntnisse von 95 Prozent der Studienanfänger«, so das Testergebnis, »sind für einen Ingenieurstudiengang völlig unzureichend.«

Tadel kommt auch aus der Industrie. Der Umsatz naturwissenschaftlicher Lehrmittel, errechnete der Verband der deutschen feinmechanischen und optischen Industrie, habe sich in den vergangenen fünf Jahren glatt halbiert.

Wo auf Experimente verzichtet wird, muß der Wissensstoff im Trockenkurs inhaliert werden. »Man-Tan-Guan« heiße dieses pädagogische Prinzip in chinesischen Schulen, spottet Christoph Raebiger, Professor für Didaktik an der Uni Dortmund. Das Verfahren leite sich vom Mästen der Peking-Enten ab und bedeute soviel wie »immer tüchtig reinstopfen«. Die Methode sei »zwecklos«, kritisiert der Pädagoge. Raebiger schlägt sogar vor, solchen Trockenunterricht »ersatzlos zu streichen«.

Die pädagogischen Vorzüge des Experiments im Unterricht sind unstrittig. Die niedersächsischen Rahmenrichtlinien für die Sekundarstufe I fordern zum Beispiel ausdrücklich: »Da das Experiment Grundlage des Erkenntnisprozesses in der Chemie ist, sollte der Chemieunterricht Experimentalunterricht sein.«

Doch die Wirklichkeit hat mit den Richtlinien wenig gemein. Schulaufsichtsbeamte des hannoverschen Kultusministeriums mußten vor Ort feststellen, daß naturwissenschaftliche Schulstunden von »Stoffülle und Theorielastigkeit« gekennzeichnet seien.

Damit sich das ändert, hat Lehrer Kaufmann nun - wie auch anders - einen Verein gegründet. Der »Verband der Chemielehrer«, mit Sitz in Hannover, will laut Satzung bundesweit für einen »am Experiment orientierten Chemieunterricht« kämpfen. Die Achtkläßler des Gymnasiums Großburgwedel finden das toll: »Bei Herrn Kaufmann«, sagt die 14jährige Sabine, »macht der Unterricht richtig Spaß.«

Weniger erfreut über den Pädagogen zeigen sich allerdings die Beamten der hannoverschen Schulaufsichtsbehörde. Weil Kaufmann trotzig den Gebrauch der vorgeschriebenen Chemiebücher verweigert, wurde gegen ihn ein Disziplinarverfahren in Gang gesetzt.

Zu beheben sind die Mängel des naturwissenschaftlichen Unterrichts freilich nicht durch ministeriale Ratschläge. Die schlechte Ausstattung der Schulen ist es, die den Pädagogen den Spaß am Experimentieren verdirbt. Und Unterrichtsmittel wie Phiolen und Pinzetten müssen aus den Etats der Kommunen und Landkreise bezahlt werden. Mindestens 20 Mark pro Stunde seien von den Schulträgern zu berappen, fordert nun der Verband der Chemielehrer. Doch die kommunalen Kassen sind leer, Besserung ist nicht in Sicht. Des Problems haben sich auch schon frühere Generationen erfolglos angenommen.

So notierte einst der Zürcher Pädagoge Karl Heumann: »Es ist kein Wunder, daß selbst in unserer heutigen Jugend der Sinn für die wunderbaren Geheimnisse der Natur noch so wenig geweckt ist, denn wenn den Knaben eine Wissenschaft an sich schon unwichtig erscheint, so wird sie ihnen noch durch die trockene Aufzählung einer großen Menge chemischer Thatsachen zum langweiligsten aller Unterrichtsgegenstände.«

Der Satz stammt aus dem Jahre 1876.

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