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BELGIEN Tüchtig verdient

Freunde und Nachfahren des Herzogs von Wellington wollen das britische Image auf dem Schlachtfeld von Waterloo aufbessern. Französischsprachige Belgier und Napoleon-Anhänger protestieren. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Um elf Uhr befahl Napoleon den Angriff. Eine halbe Stunde später setzten sich die ersten französischen Divisionen gegen die britischen Stellungen in Bewegung.

Die Schlacht, die an jenem Sonntagmorgen, dem 18. Juni 1815, auf den Feldern bei Waterloo südlich von Brüssel begann, dauerte neuneinhalb Stunden. Es war Napoleons Ende und eines der blutigsten Gemetzel der Geschichte.

Napoleon verlor 42 000 von seinen 72 000 Mann. Bei den Alliierten, vor allem Briten unter dem Oberbefehl des englischen Herzogs von Wellington, fielen 16 000 Soldaten, darunter 2000 Hannoveraner.

Und selbst die Preußen des Feldmarschalls Blücher, die erst abends auf dem

Schlachtfeld erschienen und den erschöpften Franzosen den entscheidenden Stoß versetzten, verloren noch 7000 Mann.

Wie sonst nur Verdun, ist Waterloo in das Gedächtnis der europäischen Völker eingegangen. Jahr für Jahr strömen 600 000 Besucher in das belgische Städtchen, klettern die 226 Stufen zum Löwendenkmal ("La Butte du Lion") hoch und betrachten aus 45 Meter Höhe die sanft gewellten Äcker und Wiesen, die Belgiens Regierung 1914 unter Denkmalschutz stellte.

Doch in diesem Sommer gibt es plötzlich wieder Kriegsgeschrei um Waterloo. Die Attacke kommt von französischsprachigen Belgiern der Provinz Brabant, die am Geschäft mit den Touristen tüchtig verdient haben.

Die militanten Wallonen, immer in Furcht vor sprachlicher Überfremdung durch die zahlreicheren und wirtschaftlich erfolgreicheren Flamen, wehren sich gegen die angebliche »Britannisierung« der historischen Stätte, die mit den Gemeinden Waterloo, Braine-l''Alleud und Genappe zu ihrem Sprachgebiet gehört.

In aller Heimlichkeit, so der Vorwurf des radikal-separatistischen »Rassemblement populaire wallon« (RPW), hätten die Briten in den letzten drei Jahren sechs neue Gedenktafeln angebracht - ausschließlich in Englisch.

Mit besonderem Argwohn verfolgt die Sprachenpartei die Aktivitäten des »Waterloo Committee«, eines belgischbritischen Vereins unter dem kombinierten Vorsitz des Barons Snoy et d''Oppuers, ehemaligem belgischen Finanzminister, und des jetzigen Chefs des Hauses Wellington, Arthur Valerian Wellesley.

Dem großenteils adlig besetzten Komitee, das erst vor zehn Jahren gegründet wurde, geht es erklärtermaßen darum, Wellingtons Andenken nachträglich aufzupolieren und den Napoleon-Kult in Waterloo zurückzudrängen.

Da gibt es in der Tat genug zu tun. Post festum steht der legendäre Franzosenkaiser in Waterloo wie der Sieger da. Auf den Bierseideln und Weingläsern, T-Shirts und Luftballons, Pfeifenköpfen, Aschenbechern und Porzellantellern der Andenken-Händler prangt immer nur Napoleon, nie das Konterfei des Briten Wellington oder gar des Preußen Blücher. »Zwei Drittel aller Besucher«, wundert sich ein Fremdenführer, »glauben, hier hätte Napoleon gesiegt.«

Gleich neben dem Löwenhügel schufen französische Militärmaler 1912 ein kolossales, 110 Meter langes Schlachtenpanorama in Öl: Es zeigt, für 2,50 Mark Eintritt, die verzweifelte Massenattacke der französischen Reiterei gegen die Engländer um 18 Uhr, kurz bevor die Preußen eintrafen, die Wellington so sehr herbeigesehnt hatte ("Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen").

Gegenüber betreibt Norbert Brassine, 76, sein »Palais de l''Empire« mit Kino, Cafe und Wachsfigurenmuseum. Der alte Mann, schon in den dreißiger Jahren wallonischer Extremist, erzählt jedem Schmähgeschichten gegen die Briten und verblüfft englische Touristen, indem er in original-napoleonischer Gardeuniform das Schlachtfeld abschreitet.

Die Erfolge des »Waterloo Committee« nehmen sich gegen so viel Napoleon-Faszination bescheiden aus. Immerhin kommen ins Wellington-Museum heute dreimal so viele Besucher (20 000) wie in Napoleons abseits gelegenes Hauptquartier »Le Caillou«, wo der Kaiser, von Magenkrämpfen geplagt, vor der Schlacht eine schlaflose Nacht verbrachte.

Und demnächst wollen die Briten-Freunde den Grabstein renovieren, der die Stelle anzeigt, wo das abgeschossene Bein des Earl of Uxbridge, des Kommandeurs der britischen Kavallerie, beerdigt wurde. Der Earl überlebte, seine Holzprothese ist im Wellington-Museum zu besichtigen.

Doch mit ihrem Bemühen, die »historische Objektivität wiederherzustellen« (Komitee-Mitglied Jean Bloch), rühren die Engländer und ihre belgischen Freunde, meist alte Widerstandskämpfer, die 1940 in London Zuflucht gefunden hatten, an eine offensichtlich noch nicht verheilte Wunde belgischer Geschichte. Belgien, so RPW-Senator Jean Humblet, schulde dem Herzog von Wellington keinen Dank, denn vier Fünftel der Wallonen, die bei Waterloo mitkämpften, fochten für Napoleon.

Vor dem letzten Weltkrieg versammelten sich nationalistische Wallonen zum Jahrestag der Schlacht gern am Franzosen-Denkmal, einem sterbenden Adler mit gebrochenen Flügeln. Und _(Schlachtengemälde aus dem 19. ) _(Jahrhundert. )

daß der nassauische Löwe von Waterloo seine Zähne nach Süden gen Frankreich fletscht, galt frankophilen Belgiern schon nach seiner Aufstellung 1826 als Beleidigung des großen Nachbarlandes. Man könne den Löwen gerne umdrehen, höhnten damals die Niederländer, dann kehre er Paris eben den Hintern zu.

Radikale Wallonen verstimmt auch, daß die Nachfahren des Napoleon-Besiegers Wellington noch heute in Belgien Privilegien genießen, die der RPW als »grotesken Feudalismus« bekämpft. Dem Briten-Feldherrn hatte Hollands König Wilhelm I. 1815 aus Dankbarkeit über 1000 Hektar Staatswälder südlich des Schlachtfeldes bei Nivelles geschenkt. Das Nutzungsrecht sollte erlöschen, sobald die Familie Wellington keinen männlichen Nachkommen mehr hervorbringe.

Doch mittlerweile gibt es bereits den achten Herzog von Wellington und so kommt es, daß Arthur Valerian Wellesley nach wie vor die Zinsen für das Geschenk an seinen Urahn kassiert. Die Briten-Familie ließ die Wälder ab 1817 abholzen. Aus dem Erlös - damals 2,4 Millionen Goldfranc - kaufte sie nach 1830, als Belgien sich von Holland löste und selbständig wurde, Staatsobligationen. Den Zins dafür, 80 106 Franc und 14 Centimes (etwa 4000 Mark), überweist die belgische Regierung jedes Jahr unter dem Titel »Rente Wellington« aus dem Staatshaushalt.

Das neue Ackerland wurde an belgische Bauern verpachtet. Die zahlen pro Hektar heute etwa 150 Mark im Jahr.

»Eine auf der Welt einmalige Situation«, empört sich der RPW und fragt: »Bezahlt Ägypten die Erben Montgomerys für den Sieg bei El Alamein?«

Die hundert Wellington-Pächter, selbst alle Wallonen, sträuben sich freilich gegen jede Veränderung des Status quo. »Für uns«, sagt Bauer Georges Bodart, »ist Wellington der ideale Grundherr: Er kann das Land nicht verkaufen, er will es nicht selbst bestellen, und er verlangt weniger Pachtzins als ein Einheimischer.«

Wellingtons belgischer Verwalter, Graf Emmanuel de Meeus, glaubt denn auch nicht, daß es der Wallonenpartei gelingt, die Rechte des Herzogs ernstlich zu bedrohen. »Seine Schuld besteht allein darin, daß sein Urahn ein Geschenk angenommen hat. Wie könnte man ihm das wieder entreißen?«

Eine saftige Entschädigung wäre allemal fällig. Schon 1974 war Senator du Monceau bei einem ähnlichen Versuch wie jetzt sein Kollege Humblet gescheitert. Die betroffenen Bauern organisierten sich zum Protest in einer »grünen Front«. Die Kampagne des Senators löste sich auf, als sich herausstellte, daß der Graf Monceau in direkter Linie von einem napoleonischen Marschall abstammt.

Schlachtengemälde aus dem 19. Jahrhundert.

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