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Tür im Glashaus

Wenig Erfolg haben ARD und ZDF bislang mit ihrem »Videotext«-Versuch. Und doch: Die Zeitung aus der Steckdose kommt in Sicht.
aus DER SPIEGEL 39/1981

Das vierte Programm bringt leuchtend bunte Lesetexte auf den Fernsehschirm -- die Nachrichten und das Wetter, blinkende Hinweise auf die »letzte Meldung«, Verkehrshindernisse und die laufende Uhrzeit.

Das Neueste aus aller Welt kommt, unabhängig von der »Tagesschau« oder den Sendezeiten des Hörfunks, frisch vom Fernschreiber über den Schirm. Dazu: Devisenkurse, TV-Programme, Schachaufgaben.

Der elektronische Buchstabenkanal, »Videotext« genannt, läuft seit Sommer letzten Jahres testweise über die Sendefrequenzen der ARD-Programme mit und ist nur mittels Zusatzgeräts, eines sogenannten Decoders, zu empfangen. Nächstes Jahr im Juni endet die vorgesehene Versuchszeit -- und niemand weiß derzeit genau, was dann daraus werden soll.

Das Textprogramm hat seine Bewährungsprobe bislang nicht gerade glänzend bestanden. Die Geräteindustrie machte sich nur zögernd an den Einbau des Schaltteils. Immerhin wohl an die 60 000mal wurde es mittlerweile, zu Mehrpreisen um die 600 Mark, in TV-Empfängern verkauft.

Doch das Zuschauerinteresse am Zusatzservice, so ergab jüngst eine Umfrage des Süddeutschen Rundfunks, ist gering; demnach interessieren sich nur fünf Prozent »sehr« und 13 Prozent wenigstens »etwas« dafür. Es sieht so aus, als würden ARD und ZDF, statt »Videotext« endgültig einzuführen, den gemeinsam betriebenen Test erst mal nur um ein weiteres Jahr verlängern.

So attraktiv auf den ersten Blick das Angebot erscheint, über das Weltgeschehen jeweils minutenschnell informiert zu werden, so wenig reicht der Nutzungsanreiz vorerst über Presse, Funk und TV-Programme hinaus. Wenn Berufstätige oder Hausfrauen nach der Tagesarbeit in den Sessel sinken, laufen um vier, fünf, sechs, sieben, acht Uhr auch schon »Tagesschau« und »Heute«.

Eine bessere Chance hätten die TV-Texte dagegen bei Zielgruppen, denen sie wirklich Neues bieten könnten, etwa S.111 den über vier Millionen Schwerhörigen und Gehörlosen im Lande. Begeistert reagierten »Videotext«-Seher unter ihnen auf die ersten Sendungen mit Untertiteln zum laufenden Programm, etwa zu einem »Tatort«-Krimi.

Doch halbherzig, wie so oft, hielten die Debattier- und Beschlußgremien des Fernsehens die »Videotext«-Redaktion so knapp mit Personal, fünf Redakteure und fünf Assistenten, daß der Untertitel-Service nur wenige Male im Monat geboten werden kann.

Anders als die deutschen TV-Herren hat der Österreichische Rundfunk in sein Schriftprogramm, das dort »Teletext« heißt, sogleich eine Reihe konkurrenzloser Angebote aufgenommen. Redaktionschef Peter Zurek in Wien kann mit 22 ständigen Mitarbeitern, davon acht angestellten Redakteuren, in drei Schichten ein Programm von sechs Uhr morgens bis in die Nacht senden, sein »Videotext«-Kollege Alexander Kulpok beim Sender Freies Berlin hingegen nur von 16 Uhr bis Sendeschluß. Die gleichen Leute, die das Medium kurzhielten, werfen nun Kulpoks Redakteuren vor, die Österreicher seien besser.

Der Wiener »Teletext«-Kanal bringt viel häufiger als »Videotext« Programm-Untertitel für Gehörgeschädigte, auch allgemeine Begriffserklärungen ("Was heißt Investition?") und Texte zu Informationssendungen wie, vom kommenden Sonntag an, zur TV-»Wochenschau«. Eine gehörlose Zuschauerin: »Es ist, als öffne sich plötzlich eine Tür aus dem Glashaus.«

Für Fluggäste und das Frachtgewerbe läuft über Direktleitung vom Wiener Flughafen Schwechat die Anzeigentafel für den Luftverkehr. Touristen finden das Flugwetter, Seen-Temperaturen und Schneeberichte.

Englischsprechende Österreich-Gäste können die »BBC News« aus London vom dortigen Textprogramm »Ceefax« einschalten, im Austausch übermittelt für den internationalen Wetterdienst, der deutschsprachig aus Wien in England läuft.

Für Händler, Broker, Spekulanten gibt's Waren-, Börsen-, Gold- und Silberkurse, für Hausfrauen den Kochtip des Tages. Verbraucher und Kranke, Theaterbesucher oder Schüler (für die ein Lateinkurs gesendet wird) -- alles sorgsam angepeilte Zielgruppen, die den Wiener »Teletext« zügiger vorankommen ließen als das gleiche System in der Bundesrepublik oder in England, wo es einst erfunden wurde.

Bis zu 300 000 Österreicher sind laut Umfragen schon Nutzer. Redaktionsleiter Zurek tippt vorsichtig auf etwas weniger Nachfrage: allenfalls 80 000 verkaufte Geräte mit Decoder binnen zwanzig Monaten nach dem Start; die BBC und das englische Privatfernsehen schafften in sieben Jahren 200 000.

Bei den deutschen Nachbarn lief indessen, wie auch SFB-Kulpok findet, alles »etwas seltsam«. Da wirkte sich selbst der Moskauer Olympia-Boykott von ARD und ZDF lange Zeit nachteilig auf die »Videotext«-Verbreitung aus, weil die vorproduzierten Halden von TV-Geräten -- noch ohne Decoder -- erst einmal den Markt verstopften. Mittlerweile dient süddeutschen TV-Händlern ausgerechnet der Wiener »Teletext« dazu, ihren Kunden tagsüber das dann noch nicht sendende »Videotext«-Programm anzupreisen.

Bis Jahresende soll es schrittweise Verbesserungen geben, mehr Untertitel, mehr Kultur, einige Texttafeln schon vormittags. Weiter mitgeschleppt wird freilich der medienpolitische Ballast eines Werbeprogramms für überregionale Zeitungen, die aus Konkurrenzsorgen auch dabeisein wollten. Mehr als tägliche, oft klägliche Hinweise auf die Zeitungslektüre sind ihnen dazu bisher nicht eingefallen.

Daß die Konkurrenzangst vor den Ferntext-Medien letztlich nicht unbegründet war, wird in der Wiener »Teletext«-Redaktion deutlich. Dort haben Techniker, unbekümmerter als ihre deutschen Kollegen im Reizklima zwischen Fernsehen und Verlegern, ein Druckgerät für »Teletext« konstruiert und an ein TV-Gerät angeschlossen -noch reichlich teuer, für 4700 Mark, und ziemlich unpraktisch mit silbrigem Spezialpapier. Doch das Ergebnis ist etwas Neues: gedrucktes Fernsehen, Faksimile-Blätter vom »Teletext«-Kanal.

Hier wird die fernere Zukunft der Presse sichtbar: die Zeitung aus der Steckdose. Im Kabelzeitalter, so zeichnet es sich ab, kann jeder Leser seine eigene Rotationsmaschine aufstellen, den Heimdrucker.

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