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SOWJET-UNION Tür zu

Ein sowjetischer Professor bereitet die Werktätigen auf Massenentlassungen vor - Folge von Gorbatschows Modernisierungsplänen. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Auf dem Schreibtisch von Generaldirektor Alexander Tarassow, 57, steht seit kurzem ein Computer der heimischen Marke CM 1004. Im ehrwürdigen »W.W. Kuibyschew«-Elektrogerätewerk am Moskauer Fluß Jausa sind moderne Zeiten angebrochen.

Der Direktor will mit Hilfe der neuen Technik Material einsparen und das Management verbessern. An Personalabbau denkt er nicht. Arbeiter, deren Job durch die Datenverarbeitungsanlage überflüssig wird, sollen anderswo in der Fabrik unterkommen, sagt Tarassow: »Entlassungen gibt es weder jetzt noch in der Zukunft.«

Doch da macht sich der Chef möglicherweise etwas vor. Die Selbstbeschwichtigung ist verständlich, denn Arbeitslosigkeit darf es nach sozialistischem Verständnis gar nicht geben in der Sowjet-Union, die in ihrer Verfassung nicht nur das Recht auf Arbeit proklamiert, sondern auch die Pflicht dazu: Wer nicht arbeitet, so die altertümliche Sozialmoral, soll auch nicht essen; der Erwerbslose gilt als »Parasit«.

Doch geht es nach Parteichef Michail Gorbatschow, so soll sich die Arbeitsproduktivität in der UdSSR bis zum Jahr 2000 verdoppeln. Das bedeutet: Die Volkswirtschaft wird umgebaut, Arbeitslosigkeit zumindest zeitweilig in Kauf genommen, die Scheinarbeit abgeschafft. Es gilt die harte Arbeitgeberregel: Angst um den Job fördert den Fleiß, wer schlecht arbeitet, fliegt zuerst.

Bislang ging es in der sowjetischen Arbeitswelt gemütlicher zu, dank einer Arbeitsplatzgarantie, die für Vollbeschäftigung auch dann sorgte, wenn die Arbeit insgesamt knapper wurde.

So hatte Rußlands Arbeiterklasse sich das ungeschriebene Recht erobert, zum Zweck privater Besorgungen - unvermeidbar beim allgemeinen Schlangestehen - den Arbeitsplatz für Stunden zu verlassen. Der Leiter eines Werklabors meldete jüngst der Regierungszeitung »Iswestija«, er müsse seine Untergebenen »manchmal eine halbe Stunde und manchmal sogar einen halben Tag früher gehen lassen. Sonst wird man für einen herzlosen Bürokraten gehalten, und schon will niemand mit einem etwas zu tun haben«.

Wie das so geht: »Man bittet um Erlaubnis, früher weggehen zu dürfen - zu dem einen kommen die Handwerker, um den Boden zu reparieren, der andere muß das Kind zum Arzt bringen, der dritte fährt seinen Wagen in die Werkstatt.«

Niemand brauchte Angst zu haben, deswegen gefeuert zu werden. Denn die Direktoren haben kein Interesse, die Personalkosten zu senken, auch nicht durch Rationalisierung, weil dann ihre eigenen Gehälter sinken: Die bemessen sich oft noch nach der Zahl der Untergebenen.

Zudem beziehen Heerscharen überflüssiger Wärter, Kontrolleure, Aufpasser, Nachrechner und Behördenangestellter ihr Gehalt für schieres Nichtstun. Werktätige hüten, wie jetzt die »Iswestija« notierte, manchmal nur Bürotüren ("Tür zu!") oder geben in Schuhläden ganz unnötig Einkaufskörbe aus.

Seit das letzte Arbeitsamt (trotz damals 236000 Arbeitslosen laut Statistik) vor 56 Jahren geschlossen und die Arbeitslosenunterstützung abgeschafft wurde, herrscht in der Sowjet-Union, so empfindet es der Vize-Chefredakteur der »Iswestija«, Nikolai Jefimow, »das Gefühl der Sicherheit jedes Menschen der Zuversicht in die Zukunft für sich selbst und seine Kinder«.

Zwar sind nach sowjetischem Arbeitsrecht Entlassungen erlaubt; wenn ein Betrieb eine Abteilung schließt, kann er laut Gesetz die Betroffenen »befreien«, muß ihnen aber über das städtische Büro für Arbeitsbeschaffung eine neue Stelle besorgen. Da dies viel Schreibkram bedeutet, geben viele Chefs ihren überflüssigen Leuten lieber einen anderen Job.

Das Resultat solch bequemer Verhältnisse: Die Arbeitsproduktivität in der UdSSR erreicht nur ein Drittel derjenigen in den USA; legt man den offiziellen Wechselkurs zugrunde, liegen die Löhne fast alle unter der amerikanischen Armutsgrenze.

Das soll sich nun wenden. Reformer Gorbatschow möchte die lahme Sowjet-Wirtschaft in Schwung bringen - durch rationelleres Wirtschaften, durch höhere Arbeitsintensität und durch verstärkte Nutzung einer Novität, die bereits die Arbeitswelt im Westen umwälzte: Computer und Automation.

Die wahrscheinliche Folge, wie sie jetzt erstmals ein Experte offiziell ankündigte: Der Sowjet-Union könnte zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Phase der Massenarbeitslosigkeit drohen - so der Ökonomie-Professor Wladimir Kostakow. Der stellvertretende Chef des Forschungsinstituts der obersten Planbehörde »Gosplan« hatte vor zwei Jahren schon bemerkt, daß »bei normaler Disziplin die Arbeit nicht für alle reicht« - als Antwort auf eine Leserfrage, ob die Betriebe nicht »die Hälfte ihrer Leute entlassen müßten, wenn wir mit Disziplin und höherer Arbeitsproduktivität Ernst machen wollten«.

»Neu und ungewöhnlich«, erklärte Kostakow jetzt, »mag für uns die Notwendigkeit werden, Arbeit zu suchen.« Neue Technologien führten in der Sowjet-Union ebenso wie in westlichen Ländern zu Engpässen auf dem Arbeitsmarkt. Nicht alle wegrationalisierten Werktätigen, so die Botschaft seines Artikels in der »Sowjetskaja kultura«, könnten in ihren Betrieben an anderer Stelle untergebracht werden: »Ein intensiver Prozeß hat begonnen, in dem traditionelle Berufe aussterben und neue geboren werden, über die wir noch keine klare Vorstellung haben.«

Zwar wurden schon in den letzten fünf Jahren durch neue Techniken knapp zwei Millionen Werktätige zeitweilig »befreit«. Dieser Prozeß aber würde

nach der Gorbatschow-Vision von einer leistungsfähigen, modernen Sowjet-Wirtschaft dramatisch beschleunigt, die Beschäftigtenzahl um 13 bis 70 Prozent sinken: 13 bis 19 Millionen Arbeiter wären nach Kostakows Berechnung betroffen, eine unbekannte Zahl von ihnen müßte »für eine bestimmte Zeit« auf Stellensuche gehen.

Gefährdet wären zunächst die Ungelernten. Der Anteil der Handarbeit ist in der Sowjet-Union so hoch wie in einem Entwicklungsland. Millionen Werktätige, offenbarte zum Beispiel das Massenblatt »Sowjetskaja Rossija«, sind allein mit dem Auf- und Abladen von Waggons und Lkw beschäftigt.

Falls das Ministerium für elektrotechnische Industrie seinen Plan erfüllen und das Land endlich mit den längst bestellten 27000 Gabelstaplern und Hebekränen ausrüsten würde, könnten eine Million Arbeitsplätze eingespart werden.

Aber auch Facharbeiter sind ihrer Lebensstellung nicht mehr sicher: In Zukunft werde ein Werktätiger die Aufgaben von sieben bewältigen, sagt Kostakow voraus. Wer im Arbeitsleben bleiben wolle, müsse künftig bereit sein, sich noch als 50jähriger umschulen zu lassen oder den Wohnsitz zu wechseln.

Die »Schärfe dieses Prozesses« mildert in Kostakows Sicht der in der UdSSR übliche Vorruhestand: In den nächsten Jahren erreichen viele Schaffende die gesetzliche Altersgrenze (von 60 Jahren für Männer, 55 für Frauen). Zusätzlich empfiehlt der Plan-Forscher Arbeitszeitverkürzung (derzeit 41 Wochenstunden) und Verlängerung des Urlaubs (derzeit mindestens 15 Tage).

Auf den »unvermeidlichen Abbau des Stellenplans« müsse sich die Sowjet-Wirtschaft rasch einrichten und die berufliche Qualifikation der Schulabgänger energisch steigern, damit sie den höheren technischen Anforderungen gewachsen seien: Kostakow prophezeit »Änderungen revolutionären Charakters«.

Erst voriges Jahr war eine Schulreform verabschiedet worden, die junge Leute weg vom Studium, hin zur körperlichen Arbeit in der Fabrik lenken sollte - der Trend müßte wieder umgekehrt werden.

Nach Kostakow soll die Sowjet-Jugend mehr Berufe in dem von Rationalisierung kaum betroffenen Dienstleistungssektor ergreifen. Aber Friseure, Fahrer oder Kellner verdienen ein Drittel weniger im Monat als etwa Dreher oder Schweißer - kein Anreiz für die Jungen.

Kostakow verlangt deshalb, das bis zur Jahrhundertwende ausgerichtete Wirtschaftsprogramm der Partei zu ergänzen: Die Zukunft der Jugend im »nichtproduktiven Bereich« soll gesichert, die »Lohnunterschiede zwischen Dienstleistungs- und Produktionssektor« müßten beseitigt werden.

Regionale Arbeitslosigkeit hat es auch bisher im Sowjet-Reich gegeben. Industriell unterentwickelte Regionen leiden am Überschuß arbeitsfähiger und arbeitswilliger, aber unbeweglicher Sowjetbürger, für die am eigenen Wohnort kein Arbeitsplatz zu finden ist.

Noch sind in den Industriezentren Arbeitskräfte infolge Wohnungsmangels und Zuzugssperre so knapp wie Tomaten im Winter. An den Werktoren hängen lange Listen mit Stellenangeboten; Betriebe suchen mit Zeitungsannoncen Arbeitswillige. Im Autowerk Togliatti sind von rund 100000 Arbeitsplätzen derzeit über 10000 nicht besetzt.

Doch das könnte sich bald ändern. In der Hauptstadt Moskau bekommen derzeit vor allem Verwaltungsangestellte den neuen Kurs zu spüren: Der Kreml-Chef streicht Tausende von Stellen.

Mit dem Zusammenschluß von sechs Landwirtschaftsministerien zu einem Komitee werden 9000 Bürokraten umgesetzt, fast die Hälfte von ihnen muß in die Provinz ziehen, in Pension gehen oder sich eine neue Stelle suchen. Überall ist die Bürokratie gewaltig aufgebläht: Der neue Außenhandelsminister Boris Aristow, 60, fand bei seinem Dienstantritt 15 stellvertretende Minister vor, samt jeweiligen Referenten, Sachbearbeitern und Sekretärinnen.

Bei »Gosplan« und dem Staatskomitee für Wissenschaft und Technik sollen die Planstellen für jeden fünften Bediensteten, im Fischereiministerium für jeden siebten eingespart werden. Eine beabsichtigte Zusammenlegung aller Transportbehörden schafft weitere Arbeitsuchende.

Erstmals seit 1930 gibt es wieder Geld für Arbeitslose: Die Betroffenen erhalten drei Monate lang ihr volles Gehalt »wenn die Entlassung auf die Verordnung der Regierung im Zusammenhang mit der Vervollkommnung der Industrieverwaltung und anderer Zweige der Volkswirtschaft zurückgeht«.

Bedrohlich wird es, wenn der Geschaßte nach einem Vierteljahr nicht untergekommen ist, zumal dann die Lebensarbeitszeit als unterbrochen gilt und sich die Rentenansprüche drastisch mindern.

Unter der Überschrift »Belegschaftskürzung« unterrichtete die Gewerkschaftszeitung »Trud« ("Arbeit") vor drei Wochen ihre Leser schon über das Kündigungsrecht - auf der ersten Seite der Ausgabe prangte eine Karikatur über Arbeitslosigkeit im Kapitalismus.

Auf dieses Schicksal sollte der Kostakow-Artikel die bisher Unausgelasteten, die Lernunfähigen und die Drückeberger erstmals vorbereiten. Wenige Tage nach seinem Erscheinen versuchte die Führung, den Schrecken zu dämpfen, Kostakow wurde von der Nachrichtenagentur Tass interviewt.

Seine Antworten gerieten zu einem Meisterwerk der Dialektik: Arbeitslosigkeit werde es in der Sowjet-Union nie geben, sagte er, nur Bürger, die »zeitweilig ohne Arbeitsplatz« sein werden.

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