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Türken vorn in Wolgograd?

aus DER SPIEGEL 26/1992

In der russischen Heldenstadt Wolgograd, dem früheren Stalingrad, soll nun entschieden werden, wer 1300 Wohnungen für die aus Deutschland zurückkehrenden Soldaten bauen darf. Deutsche Baufirmen fürchten, leer auszugehen: Türkische Konkurrenten haben ihre Angebote um mehrere Millionen Mark unterboten. Wenn die Aufträge für Wolgograd auch an die Türken fallen, hätten die Deutschen nur für vier von elf bisher vergebenen Bauvorhaben den Zuschlag erhalten, obwohl das Gesamtprojekt - 33 Bauplätze mit 36 000 Wohnungen - ausschließlich vom deutschen Steuerzahler (Gesamtkosten: 7,8 Milliarden Mark) finanziert wird. Zwar sieht der sogenannte Überleitungsvertrag zwischen Bonn und der ehemaligen Sowjetunion ein internationales Ausschreibungsverfahren vor. Dennoch hatte die Bundesregierung erwartet, daß Moskau etwa die Hälfte der Gesamtsumme nach Deutschland, vor allem in die neuen Bundesländer, zurückfließen läßt. In Wolgograd hatte der Frankfurter Konzern Philipp Holzmann AG eng mit örtlichen Städteplanern kooperiert, die eine architektonische »Visitenkarte« für die im Krieg völlig zerstörte Stadt erbaten. Doch die Entscheidung, wer den Zuschlag erhält, liegt fast ausschließlich bei hohen Militärs - und die, klagt ein Moskauer Bauexperte, »interessieren sich kaum für soziale und städtebauliche Gesichtspunkte«. Die Jelzin-Regierung wiederum traut sich nicht, der Generalität die Bonner Milliardenpfründen einfach wegzunehmen. Deutsche Bauunternehmen fordern deshalb, Bonn müsse über das Milliardenprogramm neu verhandeln.

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