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Protestanten Tunten und Technik

Der evangelische Kirchentag in Hamburg wird ein Treffen der Superlative: Niemals gab es so viele Feiern, Seminare und Bibelarbeiten.
aus DER SPIEGEL 24/1995

Anfang dieser Woche reisen, wie vor jeder Massenveranstaltung, die ersten Taschendiebe an. Sie werden reiche Ernte halten.

Gemäß polizeilicher Erfahrung kommen, von Großtreffen ebenso angezogen, zur selben Zeit auch jene, die der gewerblichen Unzucht obliegen. Doch für sie gilt diesmal das Wort des Propheten Joel (1,11), der da spricht: »Aus dieser Ernte kann nichts werden.«

Denn oft naiv, aber meist auch rein sind die Herzen der vielen jungen und im Geiste junggebliebenen Menschen, die sich vom Mittwoch dieser Woche an in Hamburg zum 26. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) versammeln.

Kommen werden Sonderzüge, Flugzeuge und Busse ohne Zahl, zwei mittelalterliche Koggen und ein Faltboot, beladen mit über 120 000 Christen und Christinnen - unter ihnen so berühmte wie Dr. Richard Freiherr von Weizsäcker (Vortragsthema: »Der Staat sind wir"), so sympathische wie die Chansonnette Greta Gallus ("Tunten und Technik") und so pragmatische wie Werner Brall aus Issum, der sich mit der Frage auseinandersetzt: »Wie überlebe ich den Kirchentag?«

Dazu gesellen sich 6700 Posaunenbläser, 200 Organisten und 9000 Sänger, die das mit 22 Millionen Mark teuerste Protestanten-Treffen aller Zeiten zu beschallen haben. Sie alle vereinen sich unter der Losung des Kirchentags, der als eingetragener Verein firmiert: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist« - eine Sentenz des Klein-Propheten Micha (6,8), der um 700 vor Christus lebte und das Volk Israel mit seinen grausigen Visionen traktierte.

Niemals zuvor gab es bei einem Kirchentag der Evangelischen so viele gottesdienstliche Feiern, so viele Meditationen, Bibelarbeiten, Seminare, Diskussionen, Podien und Arbeitsgruppen - schließlich soll der DEKT, so wünscht es seine Generalsekretärin Margot Käßmann, zum »Forum für einen neuen Gesellschaftsvertrag mit den Schwerpunkten Arbeit und Ökologie« werden. Zu Wort melden wollen sich auch ostdeutsche Christenmenschen, die mit der Art, wie die Amtskirche einstige Stasi-Mitarbeiter aus den eigenen Reihen schützt, nicht einverstanden sind (siehe Seite 70).

Niemals zuvor auch war die Betroffenheit, mit der Protestanten ohnehin zu ringen pflegen wie Jakob mit dem Engel, bei einem Kirchentag derart groß und allbeherrschend - ganz im Sinne des DEKT-Losungspropheten, der da spricht: »Ich muß klagen wie die Schakale und jammern wie die Strauße« (Micha 1,8).

Immer wieder, wenn auch, gottlob, nicht durchgängig, geht es bei den 2000 Veranstaltungen um Angst, Verzweiflung, Verderben, Tod und Teufel - wobei letzterer vorzugsweise von jenen Fraktionen der evangelischen Kirche bemüht wird, die diesen Kirchentag zu einem Novum machen.

Zum erstenmal sind die »Pietcongs«, wie die Fundamental-Evangelikalen von ihren liberalen Brüdern und Schwestern im Herrn gescholten werden, auf einem _(* Zusammenlegen eines Puzzles, das ) _(dem offiziellen Kirchentagsplakat ) _(nachgebildet ist. )

DEKT programmgestaltend tätig - Teil des Machtkampfes, der seit Jahren unter dem Dach der protestantischen Kirche schwelt.

So vermögen nun etwa die Seelengeschäftsmänner von der Willow Creek Community Church erstmals in Deutschland den Halleluja-Glauben amerikanischen Zuschnitts zu verkünden; die Charismatiker treffen sich, Neuschafe werbend, und sprechen zu Erleuchtungszwecken »glossolalisch« in fremden Zungen; die Anhänger der Evangelischen Allianz wie die der Geistlichen Grunderneuerung verdammen den »ungesegneten« Geschlechtsverkehr, sei er nun vorehelich oder schwul - das mag Probleme geben mit den Teilnehmern von DEKT-Veranstaltungen wie der »Talkshow zur Frage der Segnung homosexueller Partnerschaften«.

Dissonant geführt wurde auch die Diskussion um das Micha-Motto des Kirchentags: Vergebens hatten die Vertreter der gastgebenden nordelbischen Kirche, geführt von ihrer Bischöfin Maria Jepsen, für die maritime Losung »Liebe ist ein fester Anker« plädiert. Immerhin darf nun Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau eine Rede zum Thema »Freie und fröhliche Hansestadt« halten.

Das wird auch notwendig sein, denn im touristischen Begleitbüchlein für die Kirchentägler werden die Hamburger als »kalt« und, schlimmer noch, als verstockte Atheisten vorgestellt: »Es wird ideenreicher Offensiven bedürfen, um die emotional zurückhaltende Bevölkerung erleben zu lassen, daß sich christlicher Glaube wirklich lohnt.«

Über ein Jahr lang mußten sich die aus ganz Deutschland angereisten Organisatoren des Kirchentags in diesem »säkularen Ballungsraum« aufhalten. Am Dienstag dieser Woche waren die 60 Männer und Frauen, die in der entwidmeten Scharnhorst-Kaserne residierten, dann endlich fertig: Erstellt waren der »Fahnenplan«, der »Begrünungsplan« und das »Regiebuch Schlußgottesdienst«, auch die »Kollektenbeutel-Koordinierung« stand.

Herbeigeschafft waren die 10 000 tönernen Abendmahlskrüge und der Kühlcontainer für die »liturgische Flüssigkeit« (diesmal Traubensaft statt Wein), um die 80 000 zu laben, die am Sonntag der großen Schlußmesse im Hamburger Volksparkstadion beiwohnen werden. Dort dient die Spielerkabine als Sakristei, für Bischöfin Jepsen ist der Schiedsrichterraum reserviert.

Dann, am Sonntag abend, werden die Taschendiebe Hamburg wieder verlassen, im Gegensatz zu den Damen vom Gunstgewerbe mit reichem Lohn: »Ich frage mich«, sinniert ein Polizei-Insider, »wann die Mädels es endlich lernen, daß bei einem Kirchentag für sie wenig zu holen ist.« Y

* Zusammenlegen eines Puzzles, das dem offiziellen Kirchentagsplakatnachgebildet ist.

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