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Ehrung Turm und Springer

aus DER SPIEGEL 42/1994

Der israelische Publizist Uri Avnery, 71, kennt die Friedensnobelpreisträger seit vielen Jahren. In den siebziger Jahren versuchte er vergebens, zwischen Rabin und Arafat zu vermitteln.

Er trifft alle wichtigen Entscheidungen selbst. Seine Minister behandelt er mit Geringschätzung. Er vertraut keinem ohne Vorbehalt. Er hält seine Karten dicht vor der Brust.

Seit seiner Jugend war er ein Mann der Gewalt, aber dann rang er sich zu der Einsicht durch, daß die einzig mögliche Lösung ein historischer Ausgleich zwischen den beiden Völkern im Lande ist. In der Einsamkeit der Verantwortung hat er den Beschluß gefaßt, ein Abkommen abzuschließen, das allem widerspricht, was er sein Leben lang vertreten hat.

Auf wen trifft diese Beschreibung zu? Auf Jizchak Rabin? Jassir Arafat? Auf beide.

Der israelische Premier und der Palästinenserführer sind sich ähnlicher als Rabin und sein Landsmann Schimon Peres, der dritte Friedensnobelpreisträger.

Und doch sind sich die beiden so unähnlich, wie zwei Menschen es überhaupt sein können. Sie gehören nicht nur zwei verschiedenen Kulturen an, sondern sind auch ihrem persönlichen Charakter nach zwei entgegengesetzte Pole.

Peres ist kein Mann der Gewalt, war nie Soldat oder Untergrundkämpfer, war immer Politiker und Diplomat. Er hat in dem Prozeß, der zum Osloer Abkommen führte, eine wichtige Rolle gespielt. Aber die historische Entscheidung mußte doch Rabin treffen, der viele Jahre lang sein Gegenspieler war, und es war auch Rabin, der sie in der israelischen Öffentlichkeit durchsetzen mußte. Obwohl Peres viel mehr als Rabin den Friedensgedanken und den Friedensstil verinnerlicht hat, ist es Rabin, der mit Arafat den Prozeß zu Ende führen muß.

Rabin hatte eine sichere, aber lieblose Kindheit. Seine beiden Eltern gehörten zur zionistischen Gründergeneration. Sie waren harte Pioniere, die für ihre Kinder weder Zeit noch Energie übrig hatten. Die dominante Mutter war ebenso politisch aktiv wie der Vater. Rabin und seine Schwester mußten für sich selbst sorgen, oft bei Nachbarn essen. Seit seiner Kindheit ist Rabin ausgesprochen kontaktarm, humorlos und einsam, obwohl er ein hübscher Bursche war. Er war mehr respektiert denn beliebt. Richtige Freunde hatte er nie.

Arafat verlor mit vier Jahren seine Mutter. Er ist bei Verwandten in Jerusalem und mit der Stiefmutter in Kairo aufgewachsen - ein kleiner, sich ausgestoßen fühlender Junge, der bald Lust zum Kommandieren und ein ausgesprochenes Führungstalent entwickelte.

Rabin ist introvertiert, nüchtern, sachlich, vorsichtig, behutsam. Sein »analytisches Gehirn« gilt in Israel seit vielen Jahren als sein prägnantestes Merkmal. Er hat weder Intuition noch Phantasiekraft, ist eher logisch als schöpferisch. Gefühle und Sensibilitäten sind ihm fremd, stoßen ihn ab. Er wirkt kühl, beinah kalt.

Arafat ist ganz Intuition. Er hat ein natürliches Kommunikationstalent und eine rege Phantasie. Seinen Gesprächspartnern begegnet er mit herzlicher Wärme. Seine Weisheit stammt nicht aus Büchern - und darin ist er Rabin ähnlich. Menschen, die ihn persönlich kennenlernen, nachdem sie ihn so oft im Fernsehen erlebt haben, sind nicht nur über seine gepflegte Erscheinung, sondern auch über seine unkonventionelle, warmherzige Art erstaunt.

Rabins Schachzüge sind berechenbar, er ist der Turm auf dem Schachbrett. Arafat ist der Springer, überraschend, _(* Bei der Unterzeichnung des ) _(Gaza-Jericho-Abkommens am 13. September ) _(1993 in Washington; rechts: US-Präsident ) _(Clinton. ) unberechenbar. In seinem schwersten Augenblick, am Vorabend des Sechstagekrieges, erlitt Rabin, damals Generalstabschef, einen Nervenzusammenbruch. So etwas könnte Arafat nicht passieren.

Rabins besonderes Talent ist es, Tatsachen zu analysieren, die verschiedenen Optionen zu erwägen und die beste praktische Lösung zu wählen. Er hat keine andere Realität vor Augen, kann sie sich auch gar nicht vorstellen. Arafats besonderes Talent ist es, die gegebene Situation zu nutzen, um eine neue zu schaffen, und diese Vision auch anderen zu vermitteln.

Rabin hat keine Geduld für unlogische und unsachliche Menschen. Unablässig beleidigt er Kollegen und Gegner. Seine abschätzigen, schneidigen Bemerkungen sind in Israel geflügelte Worte geworden. (Eines der Opfer seiner Zunge ist Schimon Peres, dem er den Spitznamen »der unermüdliche Intrigant« angehängt hat.)

Arafat hat ein Gefühl für die Sensibilitäten anderer, beleidigt Menschen selten. Er weiß, daß der Gegner von heute der Bundesgenosse von morgen sein kann. Seine Vermittlertätigkeit zwischen verfehdeten palästinensischen Splittergruppen und arabischen Führern gleicht einem Drahtseilakt. Rabin spricht über Arafat beinahe immer verächtlich. Arafat spricht über Rabin stets mit betonter Höflichkeit.

Beide repräsentieren das Schicksal ihrer Völker. Rabin, ein in Palästina geborener »Sabre«, hat in seiner Kindheit den blutigen Kampf der Palästinenser gegen die zionistischen Einwanderer an der Naht zwischen dem jüdischen Tel Aviv und dem arabischen Jaffa miterlebt. Er war Anfang 20, als ihn die schrecklichen Nachrichten über den Holocaust in Palästina erreichten.

Als Offizier war er an drei Kriegen beteiligt. Später war er Botschafter, Ministerpräsident, Verteidigungsminister, immer im Kampf gegen die Araber.

Arafat war 19 Jahre alt, als die Hälfte seines Volkes aus der Heimat vertrieben wurde. Als Student schuf er in Kairo den Kern der neuen palästinensischen Nationalbewegung. Er hat sie über 40 Jahre lang durch unzählige Kämpfe, Krisen und Rückschläge geführt.

In scheinbar hoffnungslosen Situationen, so in Beirut (1982) und in Tripoli (1983), bewies er einen persönlichen Mut, der den Massen seines Volkes sehr imponiert. Rabin wurde von den Engländern verhaftet, Arafat von den Syrern.

Rabin ist ein Kettenraucher - er hat oft versucht, sich das abzugewöhnen - und trinkt gern Whisky. Arafat raucht und trinkt nicht. Rabin heiratete früh die in Königsberg geborene Lea Schloßberg und hat Kinder und Enkel. Arafat ehelichte erst vor kurzem die junge palästinensische Aktivistin Suha Tawil, nachdem er jahrzehntelang »mit der Revolution verheiratet« war.

Historisch gesehen, gehören die beiden zwei verschiedenen Generationen an. Obwohl Rabin, 1922 geboren, sieben Jahre älter ist als Arafat, ist er ein Sohn der zionistischen Gründergeneration. Ideologien interessieren ihn nicht, denn wie die meisten seiner Altersgenossen hat er die zionistischen Ideen, Mythen und Stereotypen vorbehaltlos übernommen und verinnerlicht. Seine Generation, zu der auch der ein Jahr jüngere Peres gehört, ist die der Vollstrecker, der Praktiker, auf hebräisch etwas ironisch »Bizu'' istim« (etwa »Praktizisten") genannt.

Arafat ist der Führer der Gründergeneration seines Volkes, der Vater der neuen palästinensischen Nation, der palästinensische Ben-Gurion. Wie der Gründer des Staates Israel wird er »der Alte« genannt, hat sehr persönliche Allüren, ist eigenwillig, manchmal kapriziös und autokratisch.

Rabin und Arafat werden beinahe automatisch mit ihren Nobelpreis-Vorgängern, de Klerk und Mandela, verglichen. Dieser Vergleich trifft nur oberflächlich zu. De Klerk ist weniger verschlossen als Rabin, und nachdem er seinen historischen Entschluß gefaßt hat, hat er ihn mit großem Elan vorangetrieben.

Rabin ist viel vorsichtiger, will nur mit kleinen Schritten vorwärts. Im Gegensatz zu de Klerk, hat er kein gutes Verhältnis zu seinem Gegenspieler entwickelt. Ganz im Gegenteil: Wenn Rabin die Hand Arafats drückt, sieht er aus wie jemand, der eine lebenswichtige, aber übelschmeckende Medizin schlucken muß.

Auch Arafat ist kein Mandela. Der afrikanische Führer hat über 27 Jahre lang im Gefängnis gelitten, wurde dadurch von den Krisen der Bewegung verschont. Er bejahte die Gewalttaten seiner Anhänger, aber war nicht selbst an ihnen beteiligt und entging daher dem Stigma des »Terroristen«. Er ist eine unbeschadete, lebendige Legende. Seine physische Erscheinung und seine englischen Sprachkenntnisse kommen bei Weißen gut an. Er sieht einem Europäer ähnlicher als einem afrikanischen Stammeshelden.

Während all der Jahre, in denen Mandela im Gefängnis saß, stand Arafat im täglichen Kampf, machte sich Feinde, war für gute und schlechte Entscheidungen verantwortlich, wurde von israelischen und europäischen Medien verteufelt. Doch hätte er nicht den Weg der Gewalt beschritten, der die Welt an die vergessenen Palästinenser erinnert hat, _(* Am Montag vergangener Woche. ) stünde er heute niemals an der Schwelle zum Frieden und im Rampenlicht.

Der Vergleich mit zwei weiteren Preisträgern, Menachem Begin und Anwar el-Sadat, ist treffender. Der phantasievolle Sadat, wie Arafat ein typischer Repräsentant der arabischen Kultur, hat damals die historische Initiative ergriffen, so wie Arafat der eigentliche Urheber der israelisch-palästinensischen Friedensinitiative ist. Der 1981 ermordete ägyptische Präsident war, wie Arafat, ein Meister der großen Geste und glaubte an ihre Macht, psychologische Hindernisse, Traumata und Vorurteile zu überwinden. Das ist sehr arabisch.

Gerade das macht den Unterschied zwischen Rabin und seinem Vorgänger aus. Begin, vielleicht unter dem Einfluß seiner polnischen Erziehung, hatte einen Sinn für das Dramatische und ging mit großem Schwung auf die Initiative Sadats ein. Rabin, der typische Sabre, verachtet Gesten und mißtraut ihnen.

Trotz dieser Charakterunterschiede sind diese beiden ungewöhnlichen Partner, Rabin und Arafat, miteinander verbunden wie siamesische Zwillinge. Ihre Ziele sind verschieden, sie haben verschiedene Vorstellungen über die Zukunft, sie können sich kaum leiden, sie streiten beinah täglich.

Aber der Erfolg des einen ist auch der Erfolg des anderen. Wenn der historische Versuch mißlingt, den 112jährigen Krieg zwischen Zionisten und Palästinensern zu beendigen, wird das ein Unglück für beide sein - und eine Katastrophe für ihre Völker und die Welt.

Wer Arafat und Rabin zusammen sieht, wird an den Hegelschen Ausspruch über die »List der Vernunft« erinnert. Natürlich ist jede Preisverteilung ungerecht. Die Führer unterschreiben ja nur, was viele Vorkämpfer auf beiden Seiten durch ihr Engagement, manchmal unter Einsatz ihres Lebens, vorbereitet haben. Mahmud Abbas ("Abu Masin"), von dem Nobelkomitee ausgelassen, hat sich lange vor Peres und Rabin für den israelisch-palästinensischen Frieden eingesetzt.

Ebenso wie Sadat und Begin, Mandela und de Klerk, haben Arafat, Peres und Rabin den Friedensnobelpreis schon erhalten, bevor das Ziel erreicht ist. Der israelisch-palästinensische Friede ist noch lange nicht verwirklicht. Rabin und Arafat werfen sich gegenseitig - und nicht immer zu Unrecht - Vertragsbruch vor. Gerade die Ereignisse der letzten Tage - ein Anschlag im Zentrum Jerusalems und die Tötung eines israelischen Soldaten - haben die Beziehung wieder schwer belastet.

Doch der Preis wird seine Empfänger zwingen, die begonnene Tat trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge zu vollenden. Er schreibt ihnen einfach vor: Jetzt gibt es keinen Weg zurück. Y

* Bei der Unterzeichnung des Gaza-Jericho-Abkommens am 13. September1993 in Washington; rechts: US-Präsident Clinton.* Am Montag vergangener Woche.

Uri Avnery
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