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SPIELBANKEN Tut schon weh

Die Spielleidenschaft der Berliner schwindet. Der Senat erlaubt das Automatengeschäft. *
aus DER SPIEGEL 32/1983

Unter dem dunklen Abendanzug trug der Gast einen seidenen Rollkragenpulli. Doch trotz festlicher Garderobe durfte er nicht passieren.

Der Empfangschef der West-Berliner Spielbank im Europa-Center ist ein gestrenger Herr. Wer ohne Krawatte in die Roulett-Runde will - und sei es sonst in großer Schale -, dem bleibt im »preußischsten Kasino der Republik« (Spielermeinung) der Zugang zu den filzbedeckten Tischen verwehrt.

Jetzt soll die Kleiderordnung gelockert, der Krawattenzwang zum Teil aufgehoben werden. In der Nähe des bisherigen Domizils, an der Gedächtniskirche, in einem ausgemusterten Marmor- und Onyxladen wird voraussichtlich ab Oktober auch das kleine, nicht ganz so feine Spiel mit Automaten eröffnet.

Rund hundert Münzautomaten, Limit eine, Maximum fünf Mark, wie sie inzwischen bei fast allen 28 westdeutschen Spielbanken üblich sind, sollen in der neuen Filiale, Rankestraße 33-34, aufgestellt werden. Der CDU/FDP-Senat hat die Konzession erteilt, die Erweiterung der Automatenstraße ist fest eingeplant.

Neunzehn Mitarbeiter werden Aufsicht führen, die »einarmigen Banditen« (Volksmund) warten oder Kasse machen. Zwischen 15 und 25 Millionen Mark, taxieren die Berliner Spielbankenbetreiber, wird der Maschinenpark im Jahr abwerfen.

Doch gegen den Expansionsdrang der Spielbankgesellschaft, die zehn gutsituierte Kommanditisten und das ehemalige Berliner Eishockey-Idol Gustav Jaenecke als persönlich haftender Gesellschafter und Lizenzträger betreiben, regt sich Widerstand. Eine Anlieger"Arbeitsgemeinschaft City«, die das Geschäftsviertel rund um den Kurfürstendamm attraktiver machen will, befürchtet Niveau-Ab- und Halbwelt-Befall. Das Bezirksamt Wilmersdorf fühlt sich vom Senat übergangen und bringt bau- und planungsrechtliche Bedenken vor.

Die Sozialdemokraten, 1975 bei Gründung der Gesellschaft noch Förderer der Glücksspielmonopolisten, sehen mit Einrichtung der »Spielhölle« den Ruf Berlins als kulturelles Zentrum gefährdet. Die »Lokalfürsten« der CDU, wirft das SPD-Blatt »Berliner Stimme« dem Weizsäcker-Senat vor, ließen mit ihrer Genehmigungspolitik die City zunehmend zu einer »Mischung aus Disneyland und Las Vegas« verkommen, »zu einem El Dorado für Frau Meier, die nie wieder aufs Butterschiff muß«.

Den Kasinopächtern, die seit Monaten, wie fast die gesamte Branche, beträchtliche

Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, kommt die Kritik ungelegen. Denn die Geschäfte der Spielbank, die dem Senat im vorigen Jahr noch 32 Millionen und den Konzessionären sechs Millionen Mark Gewinn eintrugen, laufen nicht mehr so gut.

Anfang vergangenen Jahres noch hielt Berlin mit fast tausend Besuchern täglich hinter Baden-Baden Rang zwei unter den Kasinos - passe. Die Spielleidenschaft der Berliner schwindet. Das Urteil des Branchenblattes »Roulette«, wonach sich die Spielbank »nahtlos« in die »ungezählten Highlights dieser nimmermüden Inselweltstadt« eingereiht habe, scheint überholt.

Hinter den Kulissen des 2500 Quadratmeter großen Spielsaals wird, mühsam kaschiert durch die branchenübliche Noblesse, gestritten wie in einer Zocker-Kneipe. Wegen Tarif-Auseinandersetzungen zwischen Croupiers und Geschäftsleitung waren oder sind vor zehn Kammern des Berliner Arbeitsgerichts 80 Klagen anhängig. Weitere 143 Individual-Beschwerden werden vorbereitet.

Die Auseinandersetzungen eskalieren, seit das Spielbankenpersonal, bis vor kurzem in Spitzenjobs noch mit fünfstelligen Monatsgehältern gesegnet, Einkommenseinbußen bis zu einem Viertel des gewohnten Salärs hinzunehmen hat.

Im Kern geht es um tatsächliche oder vermutete Eingriffe des Managements in den »Tronc« - jenen Trinkgeld-Topf für die Angestellten, aus dem traditionell die Gehälter für das Personal entnommen werden. Der Berliner Tarifvertrag beispielsweise sieht 75 Prozent des Troncs ausschließlich für die Croupiers vor, die restlichen 25 Prozent sind eingeplant für die »nichtspieltechnischen Arbeitnehmer«, für Empfangschefs wie Garderobenfrauen.

Geschäftsführer Joachim von Schwarzkopf muß sich in den Vorwürfen der Kläger die Unterstellung gefallen lassen, er betrage sich wie ein Dienstherr »aus den frühen Zeiten des Kapitalismus«. Auch gegen unsensible Personalentscheidungen des technischen Direktors Siegfried Gumpp, einst Elektriker bei Siemens und später Betriebsrat im Baden-Badener Kasino, gehen Mitarbeiter vor Gericht an: Ihr Urteil: »Es gibt badische und symbadische.«

Croupiers beklagen, daß sie wegen angeblich undeutlicher »Annoncierung« der Spieleinsätze gerügt werden. Ein langjähriger Saalchef, der die Abgabe eines 500-Mark-Jetons vergessen hatte, wehrt sich in einem Prozeß gegen Diebstahlsvorwurf und Rausschmiß. Die Klage des 1. Saalschefs Reinhold Krantz ("der englische Lord"), dem nach 34jähriger Tätigkeit wenige Monate vor dem regulären Ausscheiden unter anderem wegen »Illoyalität« fristlos gekündigt wurde, kostete das Unternehmen per Gerichtsvergleich 60 000 Mark.

Gesellschafter Jaenecke, zugleich Chef im Kasino Bad Neuenahr, macht für die einmalige Prozeßwelle »Himmelsstürmer« im Betriebsrat verantwortlich. »Das Betriebsklima«, räumt er ein, »ist nicht besonders zärtlich, aber nicht so, daß die Leute mit dem Messer nacheinander werfen.«

Laut Betriebsratschef Klaus Schneider hingegen ist der Begriff »Betriebsklima« längst »zum Fremdwort« geworden. Die Geschäftsleitung habe den »Dialog durch Autorität ersetzt«. Einzelmitarbeiter würden, urteilt Manfred Alles, Spielbank-Betreuungssekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, »in einer Art und Weise rangenommen, die mit Recht und Billigkeit und objektiver Menschenführung im Betrieb nichts mehr gemein haben«.

Die Mitarbeiter werfen dem Kasinomanagement zudem vor, die Imagepflege der Spielbank zu vernachlässigen. Wie Geschäftsführer von Schwarzkopf Vorschläge zur Verbesserung der Service-Leistungen abtut, machte Betriebskritiker Krantz, bis zu seinem Ausscheiden dritter Mann im Kasino, beim Senat aktenkundig. »Die Spieler«, so Schwarzkopf laut Krantz, »kommen auch, wenn sie auf Margarine-Kisten sitzen.«

Die Knauserigkeit der Spielbankleitung beschäftigte inzwischen auch den Wirtschaftsausschuß des Landesparlaments. Spielbankanteile, nörgelte der FDP-Abgeordnete Jürgen Kunze, seien »gleichbedeutend mit der Gelegenheit zum Gelddrucken«. Die Einleger des Gesellschaftskapitals von rund fünf Millionen Mark, darunter Europa-Center-Hausherr Karl-Heinz Pepper, Berlins Sportbund-Direktor Manfred von Richthofen, Möbelmillionär Arno Türklitz und mit einem vergleichsweise bescheidenen 100 000-Mark-Anteil »Dalli-Dalli«-Moderator _(Bei der Eröffnung der Berliner Spielbank ) _(1975 mit der Schauspielerin Loni Heuser. )

Hans Rosenthal, hätten zwar dreimal mehr als erwartet kassiert, sich aber auch »dreimal mehr als erwartet mit Spenden zurückgehalten«.

Spielbankboß Jaenecke hält die Anwürfe ("Es ist furchtbar leicht, auf eine Spielbank zu schimpfen") für unangemessen. So sei etwa »mit mehreren hunderttausend Mark auf Anweisung des Senats« der Berliner Schlittschuh-Club unterstützt worden, bei dem Jaenecke »Ehrenmitglied Nummer eins« sei.

Auch Finanzsenator Gerhard Kunz machte ein Geschäft. Für die Automatenlizenzen und die Konzessionsverlängerung bis zum Jahr 2000 handelte er, gültig ab Juni, eine um zehn auf neunzig Prozent erhöhte Abgabe aus - mehr als jedes andere Bundesland von privaten Spielbankbtreibern kassiert. Jaenecke: »Das tut schon weh.« Wegen der Kritik an seinen Maschinen hat Jaenecke, der in den Automatensalon »fünf Millionen investieren muß, ehe das erste Markstück rechnet«, die Lust an der Neuerung verloren: »Wenn ich aus dem ganzen Automatengeschäft herauskommen könnte, würde ich es herzlich gerne tun.«

Bei der Eröffnung der Berliner Spielbank 1975 mit der SchauspielerinLoni Heuser.

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