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TV à Ia carte: Eine Industrie rüstet auf

Das Kassetten-Fernsehen verspricht dem TV-Publikum Unabhängigkeit von festen Sendeterminen und einer international verflochtenen Großindustrie Milliarden-Gewinne. Die Vision von der Selbstbedienung am Bildschirm, auf den sich jedermann zu jeder Zeit das Programm seiner Wahl holen kann, mobilisiert ein Heer von Spekulanten, die bislang zur Fernsehproduktion keinen Zugang hatten. Nun fürchten die Funkanstalten um ihr Monopol. Ende nächsten Monats, auf der Funkausstellung in Berlin, soll erstmals die farbige Bildplatte vorgeführt werden.
aus DER SPIEGEL 30/1971

Herbert von Karajan hat es prophezeit: »Das wird die größte Revolution, die man sich denken kann.«

Karajan dachte dabei keineswegs an einen gewaltsamen politischen Umsturz. Von einem kleinen Ding sprach er, das nach Meinung des amerikanischen Medien-Philosophen Marshall McLuhan »jeden Teil unseres Lebens beeinflussen, neue Ziele setzen, neue Bedürfnisse wecken und schließlich das ganze politische, pädagogische und kommerzielle Establishment stürzen wird« -- Karajan sprach vom Kassetten-Fernsehen.

94 Jahre nach der Erfindung des Phonographen, 74 Jahre nach der Entwicklung der Braunschen Rohre, 44 Jahre nach dem ersten Tonfilm, 18 Jahre nach dem Start des Deutschen Fernsehens soll dieses neue Wunderding den Weltmarkt erobern und seinen internationalen Produzenten zu einem Multi-Milliarden-Geschäft verhelfen.

In dieser Woche treffen sich in Wien 1000 Teilnehmer aus 33 Ländern zu einem dreitägigen Kongreß mit Demonstration der neuesten Kassetten-Produktionen. Ende August, auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin, werden Kassetten-Hersteller aus Europa, Amerika und Japan dann endlich auch den deutschen Fernseh-Konsumenten zeigen, was auf sie zukommt -- eine neue Großmacht.

Sie tappt noch völlig im dunkeln. Denn bislang weiß noch niemand, wie viele Fernseher nun auch noch nach der teuren Kassette greifen, für welches der vielen Kassetten-Systeme sie sich entscheiden und welchen Programmen sie den Vorzug geben werden. Folge: Viele kleine Produzenten werden aufgeben müssen, und finanzstarke Unternehmer können erst nach einer langen Durststrecke mit Rendite rechnen.

Doch irgendwann zahlen sich ihre Investitionen aus. Bis spätestens 1980, so haben sie errechnet, werden die meisten der dann wohl 320 Millionen Televisionäre in 126 Ländern der Erde jederzeit jedes vorfabrizierte oder selbstgemachte, farbige oder schwarzweiße, monaural oder stereophon untermalte Programm aus einer Plastikdose von Taschenbuchgröße oder von einer papierdünnen Kunststoff-Scheibe im Format einer Schallplatte auf ihren Bildschirm funken können.

Es geht ganz einfach: Die Kassette wird in einen Recorder oder die Platte auf einen Spieler gelegt. Ein Knopfdruck -- und schon flimmert auf der Mattscheibe, was immer der Benutzer sehen (und hören) mag: »Faust« oder »Rififi«, Porno-Filme aus Dänemark oder selbstgekurbelte Ferienbilder aus Rimini, programmierte Sprachkurse oder ein filmisch aufbereiteter Verschnitt aus »Schöner Wohnen«, dem »Großen Dr. Oetker Kochbuch« und der Heiligen Schrift.

Das Kassetten-Fernsehen, meint Hans Rindfleisch, technischer Direktor des NDR, »ist die perfekte Realisierung des Traumes vom Heimkino«. Und in einer Flut von neuen Branchendiensten, Medien-Zeitschriften, Marktanalysen und mehrbändigen Spezial-Monographien wirkt das internationale Fachwort »Audiovision« -- kurz: »AV« -- längst wie eine magische Formel aus »Tausendundeiner Nacht«.

Die Politiker hat AV eher aufgeschreckt: Sie drängen auf Kanalisation und denken über Kontrollmöglichkeiten nach. AV wurde bereits von dänischen Parlamentariern diskutiert. Die Spanier befahlen sofort eine Kassetten-Zensur. Die CDU/CSU gründete eine »Arbeitsgruppe Kassetten-Fernsehen«, der Deutsche Bauernverband eine »Arbeitsgruppe Audiovision /Landwirtschaft«. Der DGB-Vorsitzende Heinz-Oskar Vetter will »zu gegebener Zeit« die AV-Pläne der Gewerkschaften offenlegen, die Jusos planen, in ihrer »Medien-Fibel« für eine »spezifische Mitbestimmung« über den Inhalt von Kassetten zu kämpfen.

Sogleich bangen die Kassetten-Macher um den Bestand des Staates. Der Gedanke an Zensur, so »Ullstein AV«-Geschäftsführer Wolfgang Bruhn auf den Buchhändlertagen in Darmstadt, könne nur »einigen Ultralinken« kommen, »die noch nicht das richtige Verhältnis zu den Grundrechten gewonnen haben«. Denn: »Nur wer diese antasten will, kann mit dem Gedanken an zensorische Gesetze spielen.«

Kurz, die Revolution ist schon da. Sie beginnt, wie alle Revolutionen, mit einem gewaltigen Wirrwarr: Im April dieses Jahres baten 500 Firmen aus 24 Nationen zur ersten internationalen Kassetten-Messe nach Cannes. Sie baten zu einem chaotischen Jahrmarkt. Sie zeigten unvollkommen entwickelte Geräte und eine Vielzahl verschiedenartiger AV-Systeme. Sie berieten hinter verschlossenen Türen über die technischen, juristischen, finanziellen und inhaltlichen Probleme ihrer Dosen und wußten doch keines zu lösen.

Aber die allgemeine Konfusion vermag den AV-Clan nicht zu schrecken, Angeregt von euphorischen Prognosen, rüsten sich Elektrokonzerne, Rundfunkgesellschaften, Schallplattenfirmen, Chemie-Giganten, Bankhäuser und Film-Trusts fürs große Abenteuer, das so fabelhaften Gewinn verspricht.

Nie zuvor, weder in den fetten Jahren des Kinos noch im ersten Fernseh-Boom' ist eine ähnlich mächtige (und zugleich unsichere) Großindustrie zu Felde gezogen. Vom Publikum nahezu unbeachtet, etablierte sich in großer Eile ein kolossaler Supermarkt, auf dem uralte Konkurrenten sich verbrüdern und um Lizenzen und Patente feilschen:

Siemens und Philips sind an der »Polyphon«- und »Polytel«-Gesellschaft maßgeblich beteiligt, Bertelsmann-Inhaber Reinhard Mohn gründete mit Gruner + Jahr die »Videophon«. Der Stuttgarter Elektro-Konzern Bosch koalierte mit der Frankfurter AG für Industrie und Verkehr zur Wiesbadener »Videothek« und kooperiert mit dem Schulbuch-Macher Ernst Klett und der

* »Die Lady aus dem Weltraum« mit Dietmar Schönherr. Vivi Bach, Dieter Pusch.

Firma Leybold-Heraeus in einer Systemgemeinschaft.

Die mehrheitlich dem Werbefernsehen des NDR gehörende Atelierbetriebsgesellschaft »Studio Hamburg«, der Schweizer Verlag Ringier & Co. AG und 15 bundesrepublikanische Zeitungsverleger etablierten Anfang Juni die »Allmedia Fernseh-Allianz Produktions GmbH & Co.«.

Axel Springers Kassetten-Filiale »Ullstein AV« produziert ihre Programme exklusiv für den Fürther »Quelle«-Chef Gustav Schickedanz, »Quelle« -Konkurrent Josef Neckermann bezieht Exklusiv-Geräte von Philips. Mit Philips kooperiert der Georg-Westermann-Verlag, der seinerseits mit der Produktionsfirma »Windrose-Dumont-Time« zusammenarbeitet.

»Diese Konzentrationsvorgänge«, meint der bayrische Publizistikforscher Peter Glotz (SPD-MdL), sind jedoch »lächerlich im Vergleich zur Kapazität internationaler, vor allem amerikanischer Kassettenkonzerne«.

Die amerikanische Herausforderung.

Auf dem US-Markt kämpfen das Columbia Broadcasting System (CBS), die General Electrics, die RCA (Radio Corporation of America) der Time-Life-Konzern, die »New York Times« und nahezu alle Filmgesellschaften Hollywoods um günstige Startpositionen und weltweiten Einfluß.

Allein RCA investierte in die Entwicklung seines bis heute nicht marktreifen Kassettensystems »Selecta Vision« bisher 90 Millionen Mark; fast 40 Millionen liegen für den Ankauf von Rechten parat. CBS ließ für die Entwicklung und Bearbeitung seiner Kassettenfilme in New Jersey eine drei Hektar große Fabrikhalle aufbauen, in der eine elektronische Kopiermaschine (Anschaffungspreis: elf Millionen Mark) die Vorlagen im Rekordtempo vervielfältigt. General Electrics etablierte für 150 Millionen Mark die AV-Gesellschaft »Tomorrow Productions Inc.«.

Ein Branchenzwerg wie die New Yorker »Teletronics International« will 125 000 Aktien verkaufen und mit dem Erlös (vier Millionen Mark) für die Kassetten-Produktion aufrüsten. Die »Avco« -Corporation -- ein Konglomerat von Versicherungen, Filmproduktion, Fernsehstationen. Elektronik. Flugzeugbau, Rüstungsbetrieben und Landerschließung -- hat für die Entwicklung ihres »Cartrivision« -Verfahrens 20 Millionen Mark ausgegeben und gedenkt noch einmal die dreifache Summe zu investieren, um beim Konsumenten Fuß zu fassen.

Schon haben die Amerikaner auch den großen Sprung über den Atlantik getan: Um ihrem AV-System »Electronic Video Recording« (EVR) zu schönster Breitenwirkung zu verhelfen, lockte die amerikanische CBS die mächtigen britischen »Imperial Chemical Industries« und den Schweizer Pharma-Riesen Ciba-Geigy in einen Verbund, der allein die Lizenzen zum Bau der EVR-Abspielgeräte vergeben kann (in der Bundesrepublik an Bosch).

Wer immer aber in Europa seine Filme nach dem EVR-Verfahren kassettieren will, muß das Rohmaterial in die englische Zentrale nach Basildon schicken. wo die Vorlagen für die »EVR-Partnerschaft« systemgerecht aufbereitet werden. Monatsausstoß bei vollen Touren: 80000 Kassetten.

Gleichzeitig hat sich der EVR-Trust auch Einblick in die Produktionspläne vieler großer europäischer Programm-Lieferanten verschafft. Denn EVR-Partner Ciba-Geigy ist über eine Tochter mit der Lausanner Buchfabrik »Editions Rencontre« verbunden, die wiederum mit fünf Großverlegern (darunter Bertelsmann) zur Züricher »international Publishers' Audiovisual Association« (IPA) gehört. Sicher, »die Branche steckt noch in den Kinderschuhen« (so das »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel"), aber eilig hat sie es doch. »Der Zug fährt 1972 ab«, deutet der Bertelsmann-Manager Manfred Fischer die Branchen-Kumpanei, »1974 wäre es bereits zu spät, um noch aufzuspringen.«

Planziel: Zehn Milliarden Mark Jahresumsatz.

Zwar ist in den nächsten fünf Jahren nach Schätzungen der Industrie noch wenigstens eine halbe Milliarde Mark erforderlich, um den Fernsehzuschauer von den Vorzügen einer TV à la carte zu überzeugen -- aber der Aufwand soll sich lohnen: Die japanische Sony-Gesellschaft will 1973 bereits über eine Million AV-Geräte absetzen; 1974 rechnet die amerikanische Industrie mit 600 Millionen, 1975 mit über einer Milliarde Mark Kassetten-Umsatz; am Ende des Jahrzehnts schließlich soll sich nach brancheninternen Hochrechnungen der Kassettenmarkt dem Umsatz der Großindustrie annähern und zehn Milliarden Mark erreichen.

Fürs erste freilich geht es noch langsam voran. So stecken in den meisten Kassetten, die Photoläden und Versandhäuser derzeit feilbieten, bloß altbekannte Schmalfilme, die -- auf Rollen gespult-schon seit Jahren im Handel sind und daheim mit jedem gängigen Projektor vorgeführt werden können. Erst eine Minderheit genießt die Vorzüge der neuen Technik:

Gegen Einwurf einer 100-Yen-Münze flimmern auf den Buntschirmen japanischer Absteige-Hotels Pornostreifen von Fujicolor-Kassetten zur Einstimmung der Klientel. Bei der letztjährigen Weltmeisterschaft der Friseure in Stuttgart stellte die Berliner »Figaro TV« die Null-Nummern ihrer Unterhaltungskassetten vor, die mit Kurz-Krimis, Mini-Spielchen, Modetips und Kosmetik-Reklame vom kommenden Herbst an in 500 Salons den Damen unter der Haube die Zeit vertreiben sollten.

Die US-Firma »Texas Instruments« protokollierte ihre Jahrestagung auf Video-Band und verschickte die in fünf Sprachen übersetzten Kopien an ihre Außenstellen nach Übersee. Die Amsterdamer Agentur »International Touist Information« vermittelt Reisebüros »Teletrip«-Kassetten mit Ratschlägen für Reisen nach St. Moritz, Hammamet und Yucatan. Der amerikanische Verlag »Billboard« hat die gesamte Kassetten-Messe in Cannes, Fachdiskussionen eingeschlossen, für die Kassette aufgenommen.

Seit Anfang dieses Monats kann sich Deutschlands Ärzteschaft für 228 Mark im Vierteljahr auf die »erste audiovisuelle Fachzeitschrift« namens »medicolloc« abonnieren: Auf jährlich 48 einstündigen Kassettenfilmen vermittelt Produzent Springer-Ullstein den Medizinern illustrierte Behandlungs- und Diagnose-Tips für Ischias, Prostata und Haarausfall.

Hunderte von Kassettenkursen über Krankenpflege, Körperpflege, Möbelpflege, Rasenpflege, Babypflege, Autopflege, über Ski, Skat, Schach, Tennis, Golf und Polo' Body-Building, Luftverpestung und Heiße Höschen sind mittlerweile abgedreht. Von der Kassette werden Polizisten über das »Recht der Festnahme« (Titel) und Heimwerker über das Gipsen von Treppenstufen aufgeklärt. Kassetten-Conf6renciers lehren das Abc und warnen vor LSD, demonstrieren das Grillen einer Peking-Ente, erklären die Funktion der Eierstöcke. Und natürlich ist auch schon das ganz große Geschäft unter der Ladentheke anvisiert: die Porno-Kassette.

»Alles, was man sehen, lesen oder hören kann«, verkündet Peter Guber, einer der amerikanischen Produktionschefs der »Columbia Pictures«, »wird den Weg in die Kassette finden.« Unterwegs sind bereits: Charlie Chaplin und Cassius Clay, Sir Laurence Olivier und Toni Sailer, Adolf Hitler und Heinz Haber, Mao, Castro, der Flipper und der Papst.

Für Kino-Fans hat die New Yorker »Optronics Library« längst massenhaft Kassettenrechte angekauft und bietet nun an: 250 abendfüllende Klassiker von Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« bis »Bitterer Reis«, 350 Western. über 1000 Zeichentrick- und über 1000 populärmedizinische Aufklärungsfilme.

Die »New York Times« annonciert eine rein politisch orientierte Kassetten-Serie (Titel: »Keeping Up With The Times"), in der prominente Autoren des Blattes wie James Reston oder Harrison Salisbury aktuelles Bildmaterial aus Nahost und Vietnam kommentieren werden. Eine Serie von Dokumentarfilmen in Kassetten kündigt die Nachrichtenagentur »Associated Press« an.

Der CBS-Produzent Robert E. Brockway will in Zukunft alle Broadway-Premieren mitschneiden, die Avco das »gesamte Unterhaltungsgebiet« abgrasen. Rock-Musik und Straßentheater verheißt die »Videorecord Corporation of America"' »ein ewiges Woodstock« verspricht die »Raindance Corporation«.

Für die Kassette posiert auch Herbert von Karajan, damit nun endlich »die ganze Welt dabeisein« kann, wenn er den schönen Götterfunken schlägt. Selbst photogene Pfarrer sollen ins Studio wandeln, denn die Kirche, predigt Sepp Schelz vom Evangelischen Publizistischen Zentrum Berlin, »darf es nicht verschmähen, alle technischen Mittel einzusetzen, die gute Botschaft zu verbreiten« --

Die Geräte-Hersteller verunsichern den Markt.

Ungeheure Möglichkeiten. Doch was dabei herauskommt, scheint schon jetzt klar zu sein: »Anstatt originale, hochqualifizierte Programme zu machen und neue Ideen auszuprobieren«, klagt »Publishers' Weekly«, »zielen die meisten Gesellschaften kaum höher als das kommerzielle Fernsehen.« Mit anderen Worten: Vor allem soll der unkritische Dauerseher, der anspruchslose Unterhaltungskonsument, der televisionäre Nimmersatt zum Schauen bestellt werden.

»Herr Jedermann wird Programmdirektor«, so sieht der »Rheinische Merkur« die Bilderflut der Zukunft, und die Münchner »Abendzeitung« animiert zur Selbstbedienung am Bildschirm mit dem Slogan: »Nimm den Kuli aus dem Schrank.«

Doch wer zum Kassetten-Kuli greift, kann nicht sicher sein, daß er auch paßt: Chemiker, Ingenieure, Konstrukteure und eine weltweite Industrie haben in den letzten Jahren mehrere Audiovision-Verfahren ausgetüftelt, die technisch völlig verschieden funktionieren: > CBS beispielsweise läßt für das EVR-System 8,75 Millimeter breite Feinstkorn-Filmbahnen elektronisch beschriften und abtasten:

* Nordmende, Eumig, Technicolor und Bell & Howell benutzen den auch von Schmalfilm-Amateuren verwendeten »Super-8-Film"' den sie bloß in Spezial-Kassetten aufwickeln;

* Philips, Sony, Avco und Ampex packen Magnetband ab, wie es heute, etwas breiter, bei professionellen Produktionen verwendet wird. Dabei bietet, so scheint es, das Magnetband die besseren Möglichkeiten: Zwar erlauben die auf Film basierenden Verfahren eine -- vor allem für Lernprogramme wichtige -- hochqualifizierte Projektion von Einzelbildern (Standaufnahmen) aber sie sind höchst staubempfindlich und nur kostspielig zu kopieren. Auf Magnetband hingegen können daheim alle TV-Sendungen vom Fernsehgerät mitgeschnitten und, mit einer zusätzlichen Kamera, Familienszenen selbst aufgenommen werden. Außerdem ist das Video-Material genau wie das Tonband jederzeit lösch- und wieder verwendbar.

Statt sich nun möglichst rasch auf das praktikabelste, billigste und vielseitigste Verfahren zu einigen, gingen die Gerätefabrikanten den umgekehrten Weg: Sie splitterten zwei der drei bestehenden Grundsysteme in mehr als 20 Varianten auf und verunsichern den Markt jetzt mit einem Durcheinander konstruktiver Spezialausführungen: Beil & Howell-Kassetten laufen beispielsweise nicht auf Geräten, die Kodak-Kassetten abspulen; die Magnetband-Kassetten von Sony passen nicht auf den Philips-Recorder -- und umgekehrt.

Teuer sind fürs erste alle Verfahren: Abspielgeräte für Farbprogramme kosten selten unter und meist über 2000 Mark. der Preis für eine vorproduzierte Programmstunde wird zwischen 170 und 400 Mark kalkuliert.

Für den »ersten deutschen Video-Film« mit dem Titel »Die Lady aus dem Weltraum«. in dem das Ehepaar Vivi Bach und Dietmar Schönherr ("Wünsch dir was") auf 253 Meter Magnetband 23 Minuten durch den Kosmos kurvt, berechnet der Großversender Neckermann trotz Einstandsrabatt noch 98 Mark -- für vier Mark mehr darf jeder Bundesdeutsche ein Jahr lang das öffentlich-rechtliche Fernseh-Programm konsumieren.

Zum billigen Vergnügen, soviel ist si. eher, kann die Kassetten-TV erst durch Massenproduktion werden, die beim herrschenden Chaos nur schwerlich in Gang kommt. Ein Ende des Dilemmas ist nicht abzusehen: Die Gerätefabrikanten hoffen auf zugkräftige Programme, die auch den letzten Heim-Seher vom Segen der Kassette überzeugen, die Programm-Macher warten ab, welches System sich durchsetzen wird.

Vielleicht keines der bestehenden. Denn zwei Weltunternehmen wollen in den nächsten Jahren mit zwei technisch revolutionären Verfahren alle Konkurrenten ausstechen. Ihr Trumpf: der Preis.

Das Elektro-Doppel AEG-Telefunken und die deutsch-britische Schallplattenmarke »Teldec« perfektionieren derzeit eine knapp ein Gramm schwere PVC-Scheibe, deren 0,008 Millimeter enge Rillen von einem Feinstschliff-Diamanten mit 1500 Umdrehungen pro Minute nach Bild und Ton abgetastet werden.

Auf der Berliner Funkausstellung Ende nächsten Monats wollen die Konstrukteure erstmals eine farbtüchtige Version ihrer »heißen Scheibe« und später dann auch einen Plattenwechsler vorführen, der den Nachteil des Systems -- nur rund zwölf Minuten Spielzeit auf einer 30-Zentimeter-Platte -- im Rekordtempo überbrückt. Der Bildplattenspieler (Serienstart: 1972 wird etwa 1000, das Material für eine Programmstunde rund zehn Mark kosten.

Mit den Preisen für das deutsch-britische Ko-Produkt glaubt die amerikanische RCA mithalten zu können. Bei ihrer »Selecta Vision«, der technologisch interessantesten AV-Methode, soll ein sogenanntes Laser-Hologramm alle Bildsignale in billiges Kunststoffband kerben, das wiederum von einem schwachen Laserstrahl abgetastet wird.

Der für 1972 angekündigte »Selecta-Vision«-Start mußte einstweilen verschoben werden, weil die RCA-Wissenschaftler aus ihrer preiswerten, schmirgelfesten Folie keine ausreichende Tonwiedergabe gewinnen konnten. Doch RCA experimentiert weiter am billigen Band, das spätestens dann ausgereift sein soll, wenn die Konkurrenz die schwierigen Vorarbeiten auf dem noch unbekannten Markt geleistet hat.

»Jede Woche kommt der Kassettenmann.«

Diese Konkurrenz sinnt derweil auf andere Möglichkeiten, den hohen Preis ihrer Kassetten herabzudrücken: Sie erwägt, ihre Bilder-Rollen durch Reklamezugaben zu ermäßigen. Kassetten-Manager Herbert Winter beispielsweise versprach den Männern vom Werbefach öffentlich ein neues Akquisitions-Terrain, da bis auf die Bildungsprogramme alle Kassetten mit Werbespots oder durch Sponsors finanziert werden müßten. Vor allem die Zigarettenwerber würden -- laut Winter -- auf die Kassette ausweichen, falls im nächsten Jahr auch von deutschen Bildschirmen alle Rauchwolken verschwinden.

Ob allerdings das deutsche TV-Publikum an solch werbeträchtigen Potpourris, an blauem Dunst und weißem Riesen, in seriösen Programmen Gefallen finden würde, müßte erst noch getestet werden.

Springer tut's: Bis zu einem Achtel seiner »medicolloc« Programme ist mit Pharma-Werbung (Minutenpreis: 3000 Mark) belegt, so daß die »FAZ« argwöhnt, »ob nicht die Ärzte unter dem Deckmantel einer an sich begrüßenswerten Fortbildungsinitiative zum Versuchskaninchen für· weiterreichende Kassettenpläne werden«.

Am selben Publikum erprobt Springer gleichzeitig eine zweite Möglichkeit wohlfeilen Kassetten-Konsums: Er verkauft gar nicht erst, er vermietet bloß -- ein System, das die ganze Branche längst ins Auge gefaßt hat, um gegen AEG und RCA bestehen zu können.

»Jede Woche kommt der Kassettenmann«, illustriert die »Süddeutsche Zeitung« diese Vertriebsmethode. Und er soll dann im Lieferwagen alle Programme ins Haus bringen, die sich der Kunde aus dem Katalog oder per Abonnement ausgewählt hat.

Schon im vergangenen Sommer beschloß der Verband Deutscher Lesezirkel, seine Abonnenten (mehr als eine Million) in Zukunft auch mit Kassetten, vor allem mit »alten beliebten Filmen«, zu versorgen. Mietfixum für eine Programmstunde: rund sieben Mark.

Amerikanische Kassetten-Verleger wollen außer dem Mietsystem die Einrichtung öffentlicher Videotheken und die Gründung von Kassetten-Klubs forcieren, die nach dem Vorbild von Buchgemeinschaften und Schallplattenzirkeln durch einen festen Kundenkreis mit strenger Kaufverpflichtung günstig kalkulieren können.

Keine Zunft indes drängt derzeit massiver nach vorn als die der Kinobesitzer. In Amerika wollen sie ihren Verkäuferinnen neben Eiscreme und Kaugummi (jährlicher Nebenverdienst: 800 Millionen Dollar) auch Kassetten in den Bauchladen packen. In England sollen in den Foyers der Lichtspielhäuser eigene Kassetten-Kioske errichtet werden. »Am besten ist«, urteilt Hugh Orr, Präsident der »Unabhängigen Filmtheater« Englands, »wenn wir beim Vertrieb der revolutionären schwarzen Dosen gleich mitmischen.«

Der Gewinn aus dem Kassettenhandel soll die Kino-Herren für den Verlust entschädigen, der ihnen droht. »Die Zeitbombe tickt!«, warnte der Branchendienst »Film-Telegramm« -- wenn sie zündet, steht dem Kino, das schon unter dem konventionellen Fernsehen gehörig zu leiden hat, der zweite, diesmal womöglich tödliche Aderlaß bevor.

»Die Bedeutung der Kassette«, so tröstet sich einstweilen noch Ulrich Pöschke, Hauptgeschäftsführer der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio) in der Bundesrepublik, »wird nach unserer Auffassung weniger auf dem Unterhaltungssektor liegen. Der teure Kinofilm wird nach wie vor von der Filmindustrie für das Filmtheater produziert.«

Die ausländische Filmwirtschaft sieht weiter. Die Hollywood-Konzerne »Paramount« und »Columbia« richteten eigene Video-Filialen ein, die an die Kassette ihre Archivbestände verramschen und für die Kassette Neuproduktionen ankurbeln. »United Artists« vergab bereits die Rechte an 50 Abendfüllern, die »Twentieth Century-Fox« öffnete den Kassettenmachern fast ihr komplettes Archiv (1500 Spielfilme). Selbst die staatseigene Hungaro-Film Budapest bietet ihre Kinowerke feil.

Einen ganz ungewöhnlichen Boom erwartet vom zukünftigen Kassettengeschäft auch das Fußvolk der Filmproduzenten -- vom Kabelträger bis zum Ateliervermieter. »Wenn die Kassetten-Industrie erst einmal richtig rotiert"' sagt »Columbia«-Manager Guber, »dann wird Hollywoods Arbeitskraft, derzeit zu 40 Prozent unausgelastet' nicht nur vollbeschäftigt sein, sondern sich in drei Schichten rund um die Uhr mit Produktionen herumschlagen.«

»Im Zeitalter der Kassetten-Unterhaltung«, fügt die amerikanische Zeitschrift »Cinema« hinzu, »wird auch der Filmkünstler freier sein als je zuvor.«

Bislang fühlt er sich übervorteilt. Denn die Produzenten weigern sich, ihn am Gewinn aus dem Kassetten-Geschäft zu beteiligen, internationale Autoren-Organisationen, Regisseur-Gewerkschaften und Komponisten-Verbände drängen deshalb sowohl auf Vergütung bei nachträglicher Filmverwertung als auch auf prozentuale Beteiligung am Erlös zukünftiger Kassettenverkäufe.

Diese Forderungen wollen die Filmkonzerne zunächst einmal durch eine brancheninterne Absprache dämpfen: Nur Filme, die älter als fünf Jahre sind, sollen für die Kassetten-Überspielung freigegeben werden.

Aber auch diese Trost-Klausel glauben die Kassettenmacher unterlaufen zu können, sobald sie erst richtig im Geschäft sind. Der kalifornische Verleger Martin Roberts, Autor einer vielbeachteten AV-Expertise, prophezeit: »Wenn aktuelle Sachen zur selben Zeit zu Hause wie im Kino laufen können, dann hat die neue Branche genau die Attraktion, die sie braucht.«

Dann spätestens wird sie auch den etablierten TV-Stationen dazwischenfunken, die heute noch exklusiv den Bildschirm beliefern.

»Ist das Monopol zu halten?« fragte die »Frankfurter Allgemeine«, und die »Frankfurter Rundschau« antwortete mit einem Nein: »Der Fernsehzuschauer wird eines Tages das Programm von ARD und ZDF nur noch in geringerem Umfang abnehmen, denn im Heimkino wird die Unterhaltung dominieren.« Die »Sunday News« spottete: »Das Fernsehen mag zittern -- die neue Ära kommt bestimmt!«

ARD-Plan: Kollaboration mit der Kassette.

Ein leichtes Beben in den Funkhäusern hat sie bereits angekündigt. Das ZDF schickte vier seiner Top-Manager zur Kassetten-Inspektion auf Weltreise. Nahezu alle ARD-Intendanten informierten ihre Verwaltungs- und Rundfunkräte über Plastikdose und Kunststoffscheibe' der WDR-Intendant Klaus von Bismarck berief eigens ein Futurologen-Symposien ins Rheinstädtchen Unkel.

Die Funk-Chefs sind unsicher geworden. Noch können sie all die Showmaster und Quizlinge, die Regisseure, Primadonnen und Schauspieler anlocken, die dem Publikum so lieb sind.

Noch halten die Filmproduzenten ihre Archive und die Autoren die Hände auf, wenn die Anstalten ihre Agenten ausschicken.

Noch bieten bundesdeutsche Kassettenhersteller den Filmproduzenten höchstens 20 000, ARD und ZDF aber bis 100 000 Mark für eine Spielfilm-Lizenz.

Aber in Zukunft werden die Produzenten abwägen, ob sie ihre Filme mit der Aussicht auf langjährigen Profit an die Kassette oder aber zur einmaligen Ausstrahlung an die Sender abgeben. In Zukunft wird die AV-Industrie gewiß auch bemüht sein, populäre Bildschirm-Künstler mit hohen Gagen aus den Fernsehhäusern zu holen. Der Stuttgarter Intendant Hans Bausch sieht schon die Gefahr, »daß Autoren, Regisseure und bald wohl auch Stars von den privaten Produzenten mit teuren Exklusivverträgen eingekauft werden« und die Sender dann nicht mehr mithalten können. Denn: Bei dem wegen zunehmender Fernsehdichte nur noch langsam kletternden Gebührenaufkommen und bei steigenden Personal- und Produktionskosten müssen die öffentlichrechtlichen Anstalten in Zukunft ohnehin kürzer treten, wenn ihnen die Länderregierungen weiterhin höhere Gebühren abschlagen.

Intendant von Bismarck macht sich bereits Gedanken: »Wenn das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums durch das Kassettenangebot mit befriedigt wird, werden die Fernsehanstalten aktuelle Informationssendungen verstärkt anbieten müssen.« Die amerikanische Illustrierte »Vogue« sekundiert: »Die Stationen müssen sich wieder auf ihre eigentliche Domäne besinnen: auf Live-Sendungen.«

Jedoch: Allein mit »Frühschoppen«. »Drehscheibe« und »Sport-Studio«, mit »Tagesschau« und »Wetterkarte« können und wollen die deutschen Sender ihr Programm nun einmal nicht füllen. Deshalb hat sich von Bismarck folgenden Dreh ausgedacht: Kollaboration. »Wir werden die Kooperation mit den Produzenten der Kassette suchen«, sagt Bismarck. »Es wäre dumm, diese Möglichkeit der Ergänzung nicht zu akzeptieren.«

im Klartext: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten werten auf dem zukünftigen Kassettenmarkt viele der in ihren Archiven lagernden Produktionen kommerziell aus, die sie aus Gebühren finanziert haben -- angeblich »um zu verhindern, daß der letzte Ramsch aus den Kassettenfabriken über die Mattscheibe flimmert« (so der SDR in einer Pressemitteilung). Andererseits nehmen sie die Produkte privater Kassetten-Hersteller ins Programm oder teilen sich mit ihnen den Aufwand für besonders kostspielige Gala-Produktionen.

Das Vorbild einer solchen Koproduktion ist bereits vorhanden. Noch in diesem Jahr werden die italienische Rundfunkanstalt RAI und der Mailänder Verlag Mondadori für vier Millionen Mark »Die Leiden Verdis« und für sechs Millionen »Goldonis Erinnerungen« gemeinsam für AV und TV verfilmen.

Ein solcher Zusammengang jedoch birgt auch seine Tücken und führt, so jedenfalls fürchtet Bismarcks Justitiar Günter Herrmann, in juristisch »unsichere Gefilde": Als öffentlich-rechtliche Anstalten haben die Sender einen Sonderstatus, der ihre kommerziellen Interessen gehörig einengt.

Bismarcks Programmdirektor vom WDR 1, Peter Scholl-Latour. glaubt deshalb, daß angesichts der aufrüstenden Kassetten-Großmacht nur eine »Auflockerung der öffentlich-rechtlichen Extremform« diese »Existenzfrage unserer Anstalt« beantworten kann. Anders gesagt: Scholl-Latour möchte wenigstens einen Spaltbreit die Türen der Sender dem Kommerziellen öffnen.

Bismarcks Programmdirektor vom WDR III, Werner Höfer, geht noch viel weiter. Er will die »edleren Kräfte« der Anstalten »für edlere Aufgaben« reservieren und die gesamte Unterhaltung, die Shows und Hit-Paraden, die Hesselbachs und die Schölermanns, den neuesten Durbridge und den letzten »Tatort«, aus der Kassette beziehen.

Dann endlich hätten es Springer und Bertelsmann' dank ihrer schwarzen Pandora-Büchsen' doch noch geschafft, dann endlich stünden ihnen die Türen der öffentlich-rechtlichen Häuser weit offen, stünden ARD und ZDF da, wo sie nie stehen wollten: mitten im Kommerz.

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