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TV-Rückblick

aus DER SPIEGEL 36/2007

Lindenstraße

Immer wieder sonntags, ARD

Oft gehörter Partysatz: »Lindenstraße? Hab ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.« Wie schade, denn die Geißendörfer-Soap ist mit der Ewigkeit im Bunde (über zwanzig Jahre) und wird vermutlich noch sein, wenn wir nicht mehr sind. Autoren glauben, die Dauersendung zu schreiben, aber der Zeitgeist führt die Griffel. Die Weekly funktioniert durchaus als Spiegel unserer Gesellschaft, und so besteht Anlass zu besorgtem Innehalten: Was ist mit dem Sex in unserm Land? In der Serie bewegt sich der Zuschauer zurzeit durch eine erotische Ruinenlandschaft. Klausi hat der Moldawierin außerehelich ein Kind gemacht, die empörte Ehefrau und konsequente Polizistin ist ausgezogen. Nach kurzer Reuephase hat der angehende Journalist Klausi nichts mehr dagegen, dass die schwangere Kebse samt Baby-Meublement bei ihm einzieht. Ikea heilt Liebeswunden. Wie wahr, wie unromantisch. Lisa, das in der Kindheit verwahrloste Biest, steuert in einen islamischen Ehehafen, früher liebte sie es schärfer. Die Schwul-Lesben-Fraktion im linksliberalen Serail sucht erotisch Sicherheit, in der Therapie (Flöter) oder in der Lesbenverheiratung (Tanja). In der älteren Generation der Beimers und Zenkers herrscht die Schlacke erstarrter Liebesgluten vor. Dass ein Hansemann einst Mutter Beimer wegen der Nachbarin verließ, Kinder, ist das lange her. Leidenschaft bringt nichts, heißt heute die Botschaft, Pragmatismus ist auf dem Vormarsch. Die »Lindenstraße« ist mit der Ewigkeit im Bunde, aber hoffentlich dauert diese Ewigkeit nicht ewig.

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