Zur Ausgabe
Artikel 57 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CHINA Tyrannen des Nordens

Erpressung, Folter, Menschenhandel: Im Reich der Mitte treiben wieder kriminelle Triaden ihr Unwesen. Nicht selten stecken hohe politische Funktionäre mit den streng hierarchischen Geheimbünden unter einer Decke.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Geschäftstüchtig war Liu Yong, 41, schon immer. Doch um an das große Geld zu kommen, um gar in den oberen Etagen der Macht ein Wörtchen mitreden zu können, dazu brauchte es, wie er schnell herausfand, besondere Methoden. Die hatten mit dem Gesetz so wenig zu tun wie die Kunst eines Kalligrafen mit der eines Kung-Fu-Kämpfers.

Vor 19 Jahren begann Liu, in der nordostchinesischen 6,9-Millionen-Stadt Shenyang Wollpullover zu verkaufen. Er erkannte bald, dass Konkurrenz nur stört. Also bereinigte er sein Revier. Lius Freunde zückten ihre Messer und vertrieben die anderen Händler. Ihr Hintermann erwarb schnell den Ruf eines »Pullover-Magnaten« von Shenyang.

Zielstrebig emanzipierte er sich vom Kleinhandel; ein ganzes Register von Vorwürfen erhebt die Staatsanwaltschaft: Wer sich ihm in den Weg stellte, habe es mit einer schwer bewaffneten Bande zu tun bekommen, die prügelte, folterte, entführte und sogar mordete. Liu, so heißt es, zwang Ladenbesitzer, Schutzgelder zu zahlen, erpresste Geschäftspartner zu Preisnachlässen, nötigte Händler, ihm ihre Lizenzen zu übertragen. Ein Wahrsager, dessen Prophezeiung Liu nicht gefiel, sei nur knapp mit dem Leben davongekommen. Einen Schulbeamten, der ihm zu dicht hinter dem Auto hergefahren war, sollen seine Schergen krankenhausreif geschlagen haben.

Nach außen hin war der Pate von Shenyang ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft. Als Geschäftsführer der Jiayang-Gruppe regierte er über ein Imperium aus Supermärkten, Restaurants, Karaoke-Bars, Immobilienfirmen und einem Zigarettengroßhandel mit insgesamt 2500 Angestellten. 1997 ließ Liu sich zum Abgeordneten des städtischen Volkskongresses und stellvertretenden Vorsitzenden des Shenyanger Zweiges einer der acht chinesischen Blockflöten-Parteien wählen.

Als eine Spezialtruppe der Polizei ihm im Juli 2000 das Handwerk legte, erschütterte dies nicht nur die Industrieprovinz Liaoning. Auch bei den KP-Führern in Peking schrillten die Alarmglocken. Denn die Affäre zeigte, dass Triaden, die chinesische Mafia, im Reich der Mitte längst wieder ihr Unwesen treiben. Und sie beweist, wie leicht eine Großstadt in ihren Griff geraten kann.

Unter Mao Tse-tung waren die »Schwarzen Gesellschaften« zerschlagen worden. Doch ob in der Küstenprovinz Zhejiang oder im nördlichen Henan, ob im östlichen Fujian oder im nordöstlichen Jilin - allenthalben betreiben heute kriminelle Geheimbünde unter klangvollen Namen wie »Tyrannen des Nordens«, »Ruhiges Reich« oder »Glauben an die Schönheit« illegale Spielhöllen und Bordelle. Sie verscherbeln gefälschte Computerprogramme, sie schmuggeln Antiquitäten, Waffen und Drogen, sie erpressen und kidnappen.

Triaden »gefährden ernsthaft die Sicherheit der Volksmassen«, warnte jüngst der Minister für Öffentliche Sicherheit, Jia Chunwang. Es herrsche in einigen Regionen eine Atmosphäre der »Einschüchterung und des Terrors«.

Besonders heftig treiben es die Gangster im Süden Chinas, wo sie enge Verbindungen mit traditionellen Gruppen wie den berüchtigten »14 K« oder »Wasser und Wind« in den früheren Kolonien Hongkong und Macau pflegen. Die haben ihrerseits auf dem Festland Fuß gefasst. Neue Einnahmequelle ist der Menschenschmuggel, wobei sie von den engen Kontakten in die Chinatowns nordamerikanischer Metropolen profitieren.

Noch sind die Geheimbünde nicht so stark wie im Vorkriegschina, als einige etwa 100 000 Mitglieder hatten. Immerhin: Rund

eine Million Menschen haben sich nach Schätzung des Nankinger Mafia-Experten Cai Shaoqing in den letzten Jahren den Drachensyndikaten angeschlossen.

Der Zulauf gründet in den enormen sozialen Umwälzungen, die seit Anfang der achtziger Jahre China erschüttern. Familienbande und Dorfgemeinschaften zerbrechen, die Zahl der Arbeitslosen und Entwurzelten steigt, ein Heer von Wanderarbeitern nomadisiert im Land. Finden sie keinen Job, schließen sich die Tagelöhner nicht selten zu Banden zusammen.

Mit den Wirtschaftsreformen klettert die Zahl der Verbrechen steil nach oben, allein von 1999 auf 2000 offiziell um rund 50 Prozent. Die »Fälle mit Mafia-Charakter«, die vor Gericht verhandelt werden, versechsfachten sich.

Die Partei versucht, den Trend mit harter Hand zu stoppen. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres landeten 28 000 vermeintliche Drogenhändler und -produzenten hinter Gittern. 1781 Menschen wurden, oft nach Schauprozessen, allein zwischen April und Juni hingerichtet. Doch der Erfolg solcher Aktionen ist zweifelhaft.

Triaden unterscheiden sich von herkömmlichen Verbrechergruppen durch strenge Hierarchien. Meist kommandiert ein »Großer Bruder«, der sich mit einem Beraterkreis von Obergangstern umgibt. Alle Kandidaten müssen sich vor ihrer Aufnahme bewähren. Einige Gruppen verlangen, wie es heißt, mindestens einen Mord.

Wie in modernen Unternehmen herrscht strikte Arbeitsteilung. Bestimmte Abteilungen sind für Erpressung oder Drogenhandel verantwortlich, andere besorgen die legalen Geschäfte oder waschen Geld. Waffen kaufen die Banden mitunter von korrupten Polizisten und Soldaten.

»Es gibt interne Geheimsprachen und Codewörter«, berichtet Cai. Die »Dishaowei«-Gruppe in der Provinz Sichuan etwa händigt ihren Mitgliedern einen Ehrenkodex aus. Wer gegen einen der im »Handbuch« fixierten 17 Paragrafen verstößt, dem werden Finger abgeschlagen oder Augen ausgestochen.

Ähnlich wie die Rosenkreuzer in Europa bildeten Chinesen schon vor Jahrhunderten aus religiösen und politischen Gründen Geheimbünde. Deren Mitglieder sahen die Welt im Gleichgewicht zwischen Himmel, Erde und Mensch - daher der Begriff »Triade«. Republikgründer Sun Yat-sen gehörte in jungen Jahren der Geheimgesellschaft der »Drei Harmonien« an.

Manche Triaden waren harmlose Diskussionsclubs, andere griffen gegen Kaiser und Warlords zu den Waffen, manche rutschten in die Kriminalität ab - was sie allerdings nicht hinderte, gleichzeitig in der Politik mitzumischen.

Legendär sind die Schanghaier Triadenbosse »Großohr-Du« und »Pockennarben-Huang«. Die »Grüne Bande« von Großohr-Du verbündete sich in den zwanziger Jahren mit dem starken Mann der nationalistischen Kuomintang-Partei, Tschiang Kai-schek, und brachte in seinem Auftrag Tausende von Kommunisten um. Als Gegenleistung durfte der Al Capone Chinas ungehindert Bordelle betreiben sowie mit Opium handeln.

Auch einige der modernen Triaden sind politisch motiviert, sagt Experte Cai. »Feudale Gesellschaften« wie die »Partei der Schwarzen Hand« (Schanghai) oder die »Essigpflaumen-Bande« (Provinz Hunan) hätten »das Ziel, die Macht der KP zu beseitigen«. Gewöhnlich aber verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Dunkelmännern. Schlecht bezahlte und schlecht ausgebildete Beamte, Polizisten und Politiker sind häufig bereit, den Triaden gefällig zu sein. Auf der anderen Seite spannen Funktionäre die Banden ein, um von Bauern Steuern und Getreide einzutreiben.

»Der erschreckende Aspekt ist, dass sich diese antisozialen kriminellen Kräfte mit Politik und Macht zusammenschließen«, klagte jüngst die Website der Kantoner Parteizeitung »Guangzhou Ribao«. Der Oberste Gerichtshof befahl den Richtern in einem Rundschreiben, jene Funktionäre »hart zu bestrafen«, die Triaden »hinter den Kulissen unterstützen oder gar an ihren kriminellen Aktivitäten teilnehmen« - wie in Shenyang.

Auf der Lohnliste Liu Yongs sollen hohe Politiker, Juristen und Polizisten gestanden haben, die ihm als »roter Schutzschirm« dienten. In den Verdacht, mit Lius Triade kooperiert zu haben, gerieten unter anderen der Vizebürgermeister, der oberste Staatsanwalt von Shenyang, der Finanzchef und der Leiter der städtischen Immobilienbehörde.

Shenyangs Bürgermeister Mu Suixin wurde jüngst wegen Bestechlichkeit angeklagt, seine Frau soll ebenfalls enge Verbindungen zu Liu gepflegt haben. Vizebürgermeister Ma Xiangdong wartet auf seinen Prozess, weil er angeblich knapp zehn Millionen Mark in den Casinos von Macau verspielt hat.

Um nicht jene Funktionäre zu alarmieren, die mit der Mafia unter einer Decke steckten, mussten die Fahnder äußerst vorsichtig vorgehen. Dennoch gelang es dem offenkundig gewarnten Liu Yong zunächst, mit Dutzenden enger Vertrauter zu fliehen. Erst am Heilong-Fluss an der Grenze zu Russland schnappte die Falle zu.

Nach Lius Verhaftung hatten es die Staatsanwälte schwer, Belastungszeugen aufzutreiben. Lokaljournalisten schrieben aus Angst vor der Mafia über den Fall lieber anonym.

Wie lange sich das Gerichtsverfahren gegen Liu und seine Kumpane hinziehen wird, ist unklar. »Es gibt nichts in Shenyang«, hatte er einmal verkündet, »was ich nicht regeln kann.« ANDREAS LORENZ

* Bei seiner Verhaftung im Juli 2000.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.