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THAILAND Über höllischem Pflaster

Eine Hochbahn soll Bangkoks Verkehrschaos entschärfen. Doch vielen Bürgern ist die Fahrt in den Siemens-Zügen zu teuer.
Von Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 50/1999

Etwas anspruchsvoller hatte sich Nipaparn Tapjampa, 22, ihren Start ins Berufsleben schon vorgestellt. Sie hat soeben ihre Ausbildung zur Computertechnikerin beendet - nun steht sie als Aushilfskraft vor den Kassenautomaten des »Skytrain«, der neuen Hochbahn Bangkoks, und hilft ratlosen Mitbürgern geduldig beim Fahrkartenkauf.

»Angesichts der Wirtschaftskrise war einfach kein besserer Job zu finden«, sagt die zierliche Frau schulterzuckend. »Aber vielleicht kann ich ja erster weiblicher Zugführer werden. Es sind noch zwei Stellen ausgeschrieben.«

Nipaparn hat durchaus gute Chancen, demnächst einen der 35 Siemens-Züge zu steuern, die seit dem 5. Dezember durch Betonwannen in zwölf Meter Höhe über Thailands Hauptstadt hinwegrasen. Immerhin absolvierte sie ihr Studium mit Auszeichnung. Ob das bisher 23,10 Kilometer lange und 24 Stationen umfassende Skytrain-Netz allerdings das Verkehrschaos in Thailands Hauptstadt entschärfen kann, ist weit weniger gewiss.

Die einst anmutige »Stadt der Engel« mit ihren Pagoden und Kanälen hat sich in ein höllisches Pflaster verwandelt. Drei Millionen Fahrzeuge verstopfen die Straßen, bleierne Abgaswolken lasten über dem lärmigen Inferno. 44 Tage im Jahr, so schätzen Stadtplaner, steht jeder Bürger Bangkoks im Stau. Allein der volkswirtschaftliche Schaden durch verlorene Arbeitszeit beträgt zwei bis drei Milliarden Dollar.

Sogar Bhichit Rattakul, der Gouverneur der Zehn-Millionen-Metropole, zweifelt an einer raschen Beseitigung der Probleme. »Der Zug ist erst ein kleiner Anfang«, sagte Bhichit bei seiner Einweihungsrede. »So schnell wird er die Stadt nicht verändern.«

Vor knapp acht Jahren wurden noch ganz andere Reden geschwungen; der Nahverkehr sollte revolutionär umgekrempelt werden. Im April 1992 erhielt die Bangkok Mass Transit System Company (BTSC) den Zuschlag, das größte vollständig privat finanzierte Massentransportmittel der Welt (Gesamtvolumen: 1,7 Milliarden Dollar) zu erstellen. Der Vertrag zur technischen Gestaltung, im Wert von 630 Millionen Dollar, wurde 1995 vom deutschen Siemens-Konzern unterzeichnet.

Die auf massige Betonpfeiler gestelzte Hochbahn war als Rückgrat eines mehr als 110 Kilome- ter langen Verbunds aus U- und S-Bahnen konzipiert. Doch Thailands Finanzkollaps im Juli 1997, Auslöser der Asienkrise, bremste die öffentliche und private Planung.

Erst ging der Hongkonger Hopewell-Gruppe finanziell die Puste aus. Der Tycoon Gordon Wu wollte ursprünglich in zwei übereinander gelagerten Röhren sowohl Eisenbahnzüge als auch eine S-Bahn zwischen Stadtzentrum und internationalem Flughafen pendeln lassen. Dann legten die Stadtbehörden, ebenfalls aus Geldmangel, eine seit den siebziger Jahren projektierte U-Bahn auf Eis.

Siemens plagten zunächst gänzlich andere Probleme. Während der Probeläufe des Skytrain musste der Fahrbetrieb immer dann eingestellt werden, wenn Mitglieder der als gottähnlich verehrten Königsfamilie auf den Straßen unterwegs waren. In der traditionsbewussten thailändischen Demokratie ist es noch immer ein schwerer Tabuverstoß, wenn sich die Füße von normal Sterblichen über den Häuptern der Monarchen bewegen.

Doch kaum hatte der weltoffene König Bhumibol, 72, dem Himmelszug die uneingeschränkte Fahrgenehmigung erteilt, brach auch die Kalkulation der deutschthailändischen Hochbahn zusammen. Der Immobilienkonzern Tanayong, die Muttergesellschaft des Betreibers BTSC, hatte sich gehörig verspekuliert. Erst ein Bankenkonsortium unter Federführung der Kreditanstalt für Wiederaufbau konnte mit einem Notkredit von 315 Millionen Dollar den Konkurs des Vorzeigeprojekts abwenden.

Bleibt die Frage, ob damit die Finanzierung aufgeht. Allein um die Schulden abzutragen, müssten täglich 650 000 Passagiere auf den knallgelben Skytrain-Sitzen Platz nehmen. Vergangene Woche waren es nicht mehr als 400 000 pro Tag.

Vielen Bürgern sind die Tickets zu teuer. Kleine Angestellte verdienen knapp 200 Baht (zehn Mark) am Tag. Der durchschnittliche Fahrpreis beläuft sich derzeit schon auf 35 Baht (1,70 Mark) pro Strecke.

Solchen Luxus kann sich vorerst nur eine kleine Mittelschicht leisten. Die fährt aber aus Prestigegründen überwiegend mit dem Auto zur Arbeit. JÜRGEN KREMB

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