Zur Ausgabe
Artikel 54 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ENGLAND Über Maulwurfshügel

Margaret Thatcher bestand ihre schwerste Krise, doch das Vertrauen in ihre Führungskraft ist gebrochen. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Englands fallendes Pfund fing sich wieder, an der Börse stiegen die Aktienkurse, sogar der purzelnde Ölpreis schien sich bei 20 Dollar pro Barrel einzupendeln - »Beifall der Finanzmärkte«, meldete der Londoner »Daily Telegraph«, »für Frau Thatcher starke Vorstellung.«

Die Show fand am Montag voriger Woche im Unterhaus statt. Margaret Thatchers konservative Abgeordnete schmetterten einen Mißtrauensantrag der Opposition mit der Rekordmehrheit von 160 Stimmen ab.

Die Premierministerin, die wegen einer läppischen Affäre um die sanierungsbedürftige Hubschrauberfirma Westland schon ins Straucheln geraten war, präsentierte sich wieder einmal als Siegerin. Aus der Regierungskrise, die zu ihrer schwersten Prüfung zu werden drohte, machte sie einen unerwarteten Triumph. In einer einmaligen Demonstration konservativer Einigkeit schlugen sich sogar die zurückgetretenen Minister Michael Heseltine und Leon Brittan für ihre Partei- und Regierungschefin.

Doch so überlegen die Premierministerin anscheinend dastand - die Gefahr ist keineswegs überstanden; die zähe Kämpferin Thatcher hat nur eine Atempause gewonnen. Mochten die Konservativen die Reihen fest um ihre Führerin schließen - zwei von drei Briten, so ergab eine Fernsehumfrage nach der Unterhaus-Debatte, trauen der Regierungschefin nicht, sie glauben, daß Margaret Thatcher dem Parlament nicht die volle Wahrheit gesagt hat.

Wenn jetzt Wahlen stattfänden, so fanden die Meinungsforscher heraus, würden die Labour Party wie auch die sozialdemokratisch-liberale Allianz vor den Konservativen rangieren. Der Thatcher-treue Kolumnist Brian Walden beklagt denn auch, daß sein Idol »angeschlagen« sei, und fürchtet, die Affäre entwickle sich zu einem »aktiven Vulkan, aus dem sich ein nicht zu stoppender, zerstörerischer Lavastrom ergießt«.

Wie es scheint, wird der Vulkan so bald nicht erlöschen: Der Preis für Öl, Großbritanniens wichtigstes Exportprodukt, ist innerhalb von zwei Monaten von 30 auf unter 20 Dollar pro Barrel gefallen. Statt der für das Finanzjahr 1986/87 kalkulierten Öl-Einnahmen von 11,5 Milliarden Pfund könnte London möglicherweise nur fünf Milliarden kassieren - mit schlimmen Folgen für Handels- und Leistungsbilanz. Ob die Regierung Thatcher nun noch ihre Pläne für eine Steuersenkung verwirklichen kann, erscheint zweifelhaft. Schon 1984 führte Großbritannien mehr Industrieprodukte ein, als es exportierte.

Zudem drohen neue Streiks und soziale Unruhen. Im Januar kletterte die Arbeitslosigkeit auf einen neuen Höchststand von 14,1 Prozent; 3,4 Millionen Briten sind ohne Job.

Der Abbau von überflüssig gewordenen Arbeitsplätzen hat nach dem Bergbau in den vergangenen Jahren nun das Druckereigewerbe erreicht: In der Londoner Fleet Street verlieren Tausende ihre Arbeit, die neue Großdruckerei des Zeitungskönigs Robert Murdoch im Stadtteil Wapping an der Themse aber beschäftigt in ihrem Betrieb nur einige hundert Männer. Das Werksgelände ist gesichert wie ein Gefängnis - mit Stacheldraht, Betonmauern und strengen Einlaßkontrollen.

Zeichen des Niedergangs allenthalben: Das nationale Gesundheitswesen verkommt; die Städte verfallen, weil die öffentliche Hand zuwenig Geld für die Sanierung hat. Arbeitslose ohne Hoffnung werden immer öfter kriminell. »Die Verbrechensrate«, klagt das Massenblatt »Daily Mirror«, »die Frau Thatcher herunterbringen wollte, steigt von Woche zu Woche in erschreckendem Maße.«

Angesichts solcher Nöte wirkte die Westland-Affäre geradezu absurd: Der Streit, ob die amerikanische Firma Sikorsky oder lieber ein europäisches Firmenkonsortium dem pleitebedrohten Hubschrauber-Hersteller zu Hilfe kommen solle, kostete zwei wichtige Minister im Thatcher-Kabinett den Job und brachte die Premierministerin bis an den Rand des Rücktritts.

Der Westland-Disput, spotteten manche zunächst, sei ein von der Premierministerin inszeniertes Ablenkungsmanöver von Großbritanniens wahren Problemen. Doch inzwischen ist klar, daß die Affäre Margaret Thatcher mehr schadet als jedes andere Ereignis in ihrer Amtszeit. Denn die als energische Zuchtmeisterin gepriesene Regierungschefin verschlimmerte diesmal die Krise, weil sie zauderte statt zu handeln.

Als Heseltine sich im Kabinett für das europäische Westland-Gebot stark machte, duckte sie ihn mit Hilfe jener autoritären Führungsmethoden, denen vor Heseltine schon 17 andere Kabinettsmitglieder zum Opfer gefallen waren. Der Verteidigungsminister ging, sein Rücktritt geriet zur Kampfansage an Frau Thatcher.

Der Frau Thatcher ergebene Handels- und Industrieminister Leon Brittan favorisierte die Sikorsky-Lösung und bekriegte Heseltine mit fragwürdigen Methoden. So veranlaßte er den stellvertretenden Kronanwalt, Heseltine eine vertrauliche Rüge zu schreiben - und lancierte dann Auszüge in die Presse, um seinen Kollegen zu diskreditieren.

Die Kabale spaltete die Tory-Partei und brachte Margaret Thatcher in die Zwickmühle: Wußte sie von den Intrigen, dann ließ sie ein schmutziges Spiel gewähren; war sie ahnungslos, dann hatte sie die Kontrolle über ihre Regierung verloren.

»Regierungen«, so der Publizist Bruce Anderson, »stolpern über Maulwurfshügel, nicht über Berge.«

Die keineswegs regierungsfeindliche »Financial Times« glaubt denn auch schon, die Thatcher-Dämmerung heraufziehen zu sehen: »Der Besitz der Macht verleitet dazu, sie allmählich nachlässig zu gebrauchen.« Die Daueranstrengung fordere ihren Tribut, die Urteilsfähigkeit beginne nachzulassen. »Das passierte«, so das Londoner Weltblatt, »mit Präsident Giscard d'Estaing... und den Kanzlern Brandt und Schmidt.« Der Verfallsprozeß beginne jeweils nach ungefähr fünf Jahren.

Frau Thatcher regiert seit über sechs Jahren.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 54 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.