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»Über Nacht in Wien«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Den »Anschluß« seiner österreichischen Heimat an das Deutsche Reich verfolgte Hitler seit der Machtübernahme im Januar 1933 als außenpolitisches Ziel ersten Ranges. Schon 1926 hatte er gedroht, daß darüber einst »die Macht des Stärkeren« entscheiden werde. Ihm kam zugute, daß die »Anschluß«-Forderung großdeutschem Verlangen nach Einheit entsprach, in Deutschland wie in Österreich: »Heim ins Reich«.

Die Selbstbestimmungsklauseln in den Versailler Friedensverträgen hatten diese Bestrebungen seit 1919 noch geschürt. Solange das Dritte Reich außenpolitisch isoliert war, mußte Hitler vorsichtig taktieren. England, Frankreich und das faschistische Italien waren zunächst nicht gewillt, einem »Anschluß« Österreichs tatenlos zuzusehen. Im Juli 1934, nach der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß durch einheimische Nazis, ließ Mussolini sogar Truppen am Brenner aufmarschieren, um Hitler abzuschrecken. Der lenkte ein, doch schon zwei Jahre später, Berlin und Rom hatten sich inzwischen verbündet, kam die Wende.

In einem Abkommen mit Deutschland konnte der Dollfuß-Nachfolger Kurt von Schuschnigg zwar formell Österreichs Unabhängigkeit noch wahren, außenpolitisch wurde jedoch bereits die Gleichschaltung eingeleitet. Das sei, frohlockte Goebbels, die »Voraussetzung für den 30.1.1933« in der Alpenrepublik.

Auch Großbritannien rückte nun von seinen Schutzgarantien für Österreich ab und überließ Hitler das Feld. Schuschnigg wurde durch Druck aus Berlin und den NS-Terror im eigenen Land in eine aussichtslose Lage manövriert. Als er am 12. Februar 1938 zur Unterredung mit Hitler auf dem Berghof in Berchtesgaden eintraf, gab es nichts mehr zu verhandeln. Massiv setzte der Diktator ihm zu. _____« Sie werden doch nicht glauben, daß Sie mich auch nur » _____« eine halbe Stunde aufhalten können? Wer weiß - vielleicht » _____« bin ich über Nacht in Wien; wie der Frühlingssturm! »

Ultimativ wurde der österreichische Bundeskanzler aufgefordert, einer Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten und einer Unterwerfung der Wiener Politik unter Berliner Direktiven zuzustimmen.

Schuschnigg kapitulierte und trat zermürbt zurück. Goebbels notierte: »Kanonen sprechen immer eine gute Sprache.« Ein von Generalfeldmarschall Hermann Göring fingiertes Hilfeersuchen des neuen nationalsozialistischen Bundeskanzlers Arthur Seyß-Inquart bot schließlich die willkommene »Legitimation« (Goebbels).

Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein, am Tag darauf feierte Hitler, mit Glockengeläut und jubelnden Massen, seinen bis dahin größten außenpolitischen Triumph. »Als der Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches« meldete er »vor der Geschichte . . . den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich«.

Die großdeutsche Lösung stand in der Tradition Weimarer Revisionspolitik. Hitler erschien als ihr Vollstrecker. Daß der »Anschluß« Österreichs in Wahrheit eine Annexion per Pression gewesen war, räumte auch Hitlers Vertrauter Goebbels ein: »Die Weltpresse tobt. Spricht von Vergewaltigung. Ganz unrecht hat sie nicht.«

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