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NORDKOREA Überläufer aus der Kälte

Der Chefideologe des letzten stalinistischen Regimes bat bei der südkoreanischen Botschaft in Peking um Asyl. Diktator Kim Jong Il kämpft gegen den Zusammenbruch seines Staates.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Gäste feierten eine Woche zu früh und ließen es sich gut schmecken. Unter riesigen Porträts des Geburtstagskindes Kim Jong Il, 55, und seines verstorbenen Vaters Kim Il Sung labten sich in Japan ansässige Nordkoreaner sowie internationale Pjöngjang-Freunde im Tokioter Hotel »Keio Plaza« an zarten Sushi-Bällchen, saftigem Fleisch und süßen Desserts.

Nur ein Mann fand an diesem Abend kaum Zeit zum Essen und Trinken: Der Ehrengast aus Pjöngjang, Nordkoreas hagerer Chefideologe, der ZK-Sekretär Hwang Jang Yop, 73, war damit beschäftigt, Hände zu schütteln und Glückwünsche für den »verehrten Führer Kim Jong Il« entgegenzunehmen - so auch von Japans ehemaligem Ministerpräsidenten Tomiichi Murayama.

Für Hwang sollte es der letzte große Auftritt im Dienste seines Diktators sein. Dem eigentlichen Festakt zu Kims 55. Geburtstag am vergangenen Sonntag in Pjöngjang entzog sich der Altgenosse auf spektakuläre Weise: Nachdem er in Japan zwölf Tage lang Nordkoreas Regime gepriesen hatte, floh er auf der Rückreise in Peking zu Fuß beim Einkaufen mit seinem Assistenten Kim Dok Hong in die Botschaft des Erzfeindes Südkorea. Dort bat er um Asyl.

Der Absprung des bislang ranghöchsten nordkoreanischen Funktionärs führte der Welt auf dramatische Weise vor, wie dicht die letzte stalinistische Diktatur am Abgrund steht. Hwang war nicht nur Mitglied des Zentralkomitees der nordkoreanischen Arbeiterpartei und deren prominenter außenpolitischer Sprecher. Wichtiger noch: Der in Moskau geschulte Philosoph, der auch mit deutschen Denkern von Kant bis Nietzsche bestens vertraut ist, spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der heimischen Autarkie-Ideologie »Juche« (Ju bedeutet »Herr im Haus«, che »Körper"). Als einstiger Hauslehrer des jetzigen Führers Kim Jong Il zählte er zu dessen engstem Beraterkreis.

Entsprechend aufgeregt reagierte das Regime in Nordkorea auf den peinlichen Verlust seiner Galionsfigur. Das Außenministerium in Pjöngjang sah nur eine Erklärung: Hwang sei »vom Feind entführt worden«.

Gewaltsam versuchten nordkoreanische Diplomaten in Peking gar, sich Zutritt zum abtrünnigen Landsmann zu verschaffen. Daran wurden sie zwar von chinesischen Sicherheitskräften gehindert, die das Gebäude umstellt hatten. Aber in Seoul nahm die Regierung die Gefahr durchaus ernst, daß Nordkorea, bloßgestellt und gedemütigt, mit seiner Eine-Million-Mann-Streitmacht an der letzten Demarkationslinie des Kalten Krieges eine Verzweiflungstat begehen könnte.

Das Drama hatte Auswirkungen von Fernost bis Amerika. Die Regierungen in Peking, Tokio und Washington bemühten sich, das unberechenbare Nordkorea nicht unnötig zu reizen. »Wenn die Lage instabil wird, nützt das niemandem«, warnte US-Außenministerin Madeleine Albright - Washington hat in Südkorea 37 000 Soldaten stationiert.

Vorsichtig agierten auch die Chinesen: Sie wollten nicht vor die Wahl gestellt werden, öffentlich zwischen dem alten kommunistischen Verbündeten im Norden und dem neuen Wirtschaftspartner im Süden Koreas wählen zu müssen. Dem Drängen Südkoreas, Hwang nach Seoul ausreisen zu lassen, wichen sie zunächst einmal aus.

Hwang hatte seine Flucht offenbar schon seit Mai vergangenen Jahres geplant. Ursprünglich wollte er sich in Japan absetzen. Doch daran hinderte ihn seine ständige Begleitung - in Japan lebende Nordkoreaner, die über eine straffe und finanzstarke Organisation verfügen. Auf der Geburtstagsparty in Tokio ließen sie den Ehrengast nicht aus den Augen.

Frei fühlte sich Hwang wohl schon länger nicht mehr: In Briefen an einen südkoreanischen Geschäftsmann, die jetzt bekannt wurden, klagte er über innerparteiliche Anfeindungen.

Doch mit internen Machtkämpfen allein läßt sich der Abgang Hwangs, der seine Familie im Norden zurückließ, kaum erklären. Dafür wiegt der Vorfall zu schwer, »fast so, als ob das System Kim Jong Il selbst ins Exil gegangen wäre«, sagt der japanische Nordkorea-Experte Hirokazu Seki. Noch nie in der Geschichte des Kommunismus war ein derart hochrangiger Funktionär zum Feind übergelaufen.

In zahlreichen Interviews hatte Hwang noch wenige Tage vor seiner Flucht erläutert, wie stabil die Herrschaft Kim Jong Ils sei. Nach Ablauf einer dreijährigen Trauerperiode im Juli dieses Jahres werde Kim offiziell die Nachfolge von Vater Kim Il Sung als Staatschef antreten.

Ebenso routiniert warb der Parteitheoretiker in Tokio für die Vorzüge der heimischen Juche-Lehre: Bei der Autarkie-Ideologie des »großen Führers Kim Il Sung« handele es sich um eine »wissenschaftliche Weltanschauung mit dem Menschen als Mittelpunkt«. Liebe und Vertrauen in das Kollektiv, verbunden mit völliger wirtschaftlicher und staatlicher Unabhängigkeit, das unterscheide Juche vom siech gewordenen Marxismus-Leninismus. Dank Juche sei es Partei und Volk in Nordkorea gelungen, einen eigenständigen Sozialismus zu entwickeln.

Dabei wußte keiner besser als der Redner, daß sein Lebenswerk längst zerstört ist. Wie der Ideologe die Lage tatsächlich einschätzt, formulierte er vergangene Woche in seinem Asylantrag: Nach »langen und schmerzlichen Überlegungen« habe er beschlossen, mit den südkoreanischen Behörden darüber zu diskutieren, »wie unsere Nation aus dem Elend gerettet werden kann«.

Offenbar war es dem hochgebildeten Cheftheoretiker immer schwerer gefallen, den Persönlichkeitskult der Kim-Dynastie noch mit der Juche-Ideologie zu rechtfertigen. »Wie soll in einer Gesellschaft, in der das Volk, die Arbeiter, Bauern und Intellektuellen hungern, Sozialismus entstehen?« klagte er in seinem Brief.

Das vermeintlich autarke sozialistische Paradies ist zu einem der ärmsten Länder der Welt verkommen. Nach dem Kalten Krieg verlor Nordkorea sowohl seine einstigen Märkte als auch die Hilfe der früheren kommunistischen Brudernationen. Zwei Flutkatastrophen beschleunigten den Kollaps der Planwirtschaft. Seitdem lähmen Hungersnöte und Stromausfälle das isolierte Land.

In den vergangenen sechs Jahren schrumpfte die Wirtschaft in dem stalinistischen Musterstaat um etwa 30 Prozent, das Sozialprodukt sank bis 1995 auf 768 Dollar pro Kopf, während es im kapitalistischen Süden 10 052 Dollar erreichte.

Der Versuch, nach dem Vorbild Chinas in sogenannten Wirtschaftssonderzonen ausländische Investoren anzusiedeln, schlug fehl - es fehlt an Infrastruktur und Energie. Die Schulden bei Gläubigerstaaten und Unternehmen summieren sich auf 11,8 Milliarden Dollar.

Selbst die gefürchteten Streitkräfte sind durch den Dauernotstand nur noch bedingt kampfbereit: Soldaten schuften als Bauarbeiter und auf den Feldern; Spritmangel beschnitt das Training der Piloten auf wenige Flugstunden, wegen fehlender Ersatzteile rosten Panzer und stehen Lastwagen still. Nach den Aussagen von Nordkoreanern in Peking beschlagnahmt das Militär Lebensmittelspeicher in den Dörfern; Widerstand werde mit Exekutionen gebrochen.

Das selbsternannte Arbeiterparadies ("Niemand braucht sich um Essen und Kleidung zu sorgen") kann die 23-Millionen-Bevölkerung nicht mehr ernähren: Zwischen 1989 und 1995, so ein Bericht der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, fiel die Produktion von Reis und Mais um 40 Prozent.

Just an dem Tag, als Hwang zum kapitalistischen Süden überlief, rief das World Food Programme (WFP) zu weiteren Ernährungshilfen für Nordkorea in Höhe von 41,6 Millionen Dollar auf. Mit dem Geld sollen 100 000 Tonnen Lebensmittel bezahlt werden. Dabei beläuft sich der tatsächliche Bedarf mit rund 2,3 Millionen Tonnen auf ein Vielfaches.

Flüchtlinge, die auf Nahrungssuche über die vereisten Grenzflüsse nach China kommen, berichten von Hungertoten. Die Propaganda empfiehlt groteske Rezepte: »Heute werde ich Sie mit dem schmackhaften und gesunden Verzehr von wilden Gräsern bekannt machen«, versprach eine Radiosendung. Nur noch 100 bis 150 Gramm rationierter Grundnahrungsmittel bekommen die Nordkoreaner täglich zugeteilt, so das WFP, »das entspricht einem Viertel der empfohlenen Menge«.

Auf Hilfe spekulierend, nutzte das Kim-Regime wiederholt westliche Sorgen vor seiner Unberechenbarkeit aus: Im März 1993 kündigte Nordkorea seine Mitgliedschaft im Atomwaffen-Sperrvertrag. Nach langen Verhandlungen erklärte sich ein westliches Konsortium bereit, Leichtwasserreaktoren zu liefern, bei deren Betrieb kein waffenfähiges Plutonium anfällt.

Einen Verzweiflungsakt oder einen unkontrollierten Zusammenbruch des Nordens muß vor allem Südkorea fürchten. Zwar verschaffte Überläufer Hwang der Regierung von Präsident Kim Young Sam eine willkommene Abwechslung aus innenpolitischer Bedrängnis: Zuerst hatten wochenlange Streiks gegen das neue Arbeitsgesetz die Wirtschaft des Landes gelähmt, dann kratzte ein Schmiergeldskandal um den angeschlagenen Mischkonzern Hanbo am Ansehen.

Doch an einer weiteren Zuspitzung kann dem Süden nicht gelegen sein. Für eine Wiedervereinigung mit dem Norden fehlen Seoul sowohl überzeugende Konzepte als auch Geld. Wirtschaftlich geht dem jüngsten OECD-Mitglied spürbar die Puste aus. Im Jahr 1996 verdoppelte sich sein Handelsbilanzdefizit auf rund 20 Milliarden Dollar.

In der Hoffnung auf einen friedlichen Wandel setzten Seoul und Washington daher auf »Vierergespräche« mit Nordkorea und China. Doch Hwangs Flucht hat die Aussichten verdüstert.

Einen gewaltsamen Umsturz fürchtet wohl auch der Überläufer selbst. In sein Loblied auf die Juche-Lehre flocht der Altrevolutionär in Tokio einen Hinweis ein, der Turbulenzen ahnen läßt: »Künftig wird der Wunsch unseres Volkes, sein eigenes Schicksal zu bestimmen, weiter wachsen. Diesen Drang kann niemand stoppen.«

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