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GESELLSCHAFT / HORTEN Überlegungen zugeneigt

aus DER SPIEGEL 18/1967

Ein junger Österreicher beschloß, Melodiker zu werden. Er ließ sich die Haare wachsen und legte sich, aus Gründen des Wohlklangs, den Künstlernamen »Peter Horten« zu. Am 8. April trat er beim Schlager-Wettbewerb »Grand Prix Eurovision de la Chanson 1967« im Fernsehen auf. Er sang »Warum es hunderttausend Sterne gibt« und fiel durch.

Aber sein Song blieb nicht ohne Echo. Fünf Tage später ließ ein Namensvetter beim Landgericht Düsseldorf einen Antrag auf Unterlassung einreichen: Kaufhaus-König Helmut Horten, 58. Nach Willen des Millionärs sollte dem Musikanten »bei Meidung einer ... Geldstrafe bis zu unbegrenzter Höhe oder Haftstrafe bis zu sechs Monaten« untersagt werden, »den Namen Horten zu führen«.

Als sei der Beruf des Sängers etwas Disreputierliches, betonen die Horten-Anwälte Dr. Günter Weber und Dr. Josef Pallenbach, der Ruf des reichen Mannes sei »untadelig und über jeden Zweifel erhaben«. Eine ganze Seite des Schriftsatzes verwandten sie darauf, Helmut Hortens Verdienste und Stiftungen aufzuzählen -- so ein »Helmut-Horten-Institut für Wildforschung«. Und sie vergaßen auch nicht, auf das »philanthropische Wirken« Hortens hinzuweisen, der beispielsweise »750 000 DM an die Stadt Düsseldorf« gespendet habe.

Auf Intervention des Konzernchefs setzte denn auch das Zweite Deutsche Fernsehen eine für Montag letzter Woche geplante Sendung mit dem Sänger ab. Peter Horten, 26, ist in Helmut Hortens Sicht ohnedies nur ein »Schlagersänger mit sicherlich nur kurzlebiger Popularität« -- so der Schriftsatz zum Unterlassungsantrag. Er selber läßt sich beschreiben als »herausragender Warenhausfachmann«, als ein »im gesamten Bundesgebiet bekannter Mann«.

Allerdings, dem Österreicher Peter war so sagt jedenfalls sein Rechtsanwalt Alfred Meier -- »Herr Horten gar kein Begriff«. Der ehemalige Wiener Sängerknabe, Nichtraucher, Vegetarier und Abstinenzler »aus Überzeugung« ist nach den Beteuerungen seiner Manager ein aufstrebender junger Mann, der neben seiner Tätigkeit als Bandsänger bei bekannten Orchestern (Kurt Edelhagen) derzeit »das Abitur mit Hilfe eines Fernkurses« nachhole. Zudem habe er auch einen »anständigen« Beruf erlernt: »Industriekaufmann mit Abschluß«.

Der Warenhauskaufmann aber fürchtet, sein klingender Name könne durch den singenden Industriekaufmann diskriminiert werden. »Jeder weiß«. so Helmut Hortens Rechtsanwälte, »von der Heirat des Antragstellers ... mit einer jungen österreichischen Dame*.« Es dränge sich daher der Schluß auf, der falsche Horten sei ein »Verwandter der Ehefrau« des echten Horten, stünde vielleicht in »enger wirtschaftlicher Verbindung zur Horten-Warenhausgruppe« oder sei gar »ein illegitimer Abkömmling« des Konzernherrn.

Gravierend erscheint unter solchen Umständen, daß »unter den weiblichen und männlichen Fans« des Sängers solch »skandalösen Überlegungen zugeneigte« Personen sein könnten -- dies um so mehr, als »die jetzt noch lebenden Träger dieses Namens« angeblich »sämtlich auf irgendeine Weise mit dem Antragsteller verwandt« sind.

Wenn das wahr ist, braucht Helmut Horten sich eines Musikers in der Verwandtschaft wahrhaftig nicht zu schämen: Des Sängers Münchner Anwalt Meier, dem als Niederbayern mit dem Namen Horten »eher Schwarzmarktzeiten« als Warenhäuser vor Augen treten, ließ seine Sekretärin eine halbe Stunde lang Adreßbücher wälzen. Die Recherche ergab:

* in Köln unter sechs Horten einen Horten Franz, Autoschlosser, einen Horten Peter, Hutmacher;

* in Düsseldorf unter drei Horten eine Horten Adele, Arbeiterin;

* in Duisburg unter vier Horten eine Horten Maria, Putzhilfe;

* in Krefeld unter sechs Horten einen Horten Hubert, Gärtner.

Insgesamt fanden sich in sieben rheinischen Adreßbüchern 27 Horten. Am Dienstag dieser Woche werden die Richter der 4. Kammer am Düsseldorfer Landgericht klären müssen, ob der »Musiker, Sänger, Schauspieler, Kabarettist und Parodist« Peter Horten -- so der Ariola-Presse-Dienst über ihn -- sich zur großen Familie der Horten zählen darf.

Lösen läßt sich das Problem jedenfalls schwerlich, indem Peter Horten fortan unter seinem bürgerlichen Namen sänge. Denn er heißt genauso wie ein Mann, der noch prominenter ist als Kaufmann Helmut Horten -- wie Boxer Peter Müller. Und der wird »de Aap« genannt. Schlimmer noch: Er singt auch.

* Am 23. Juli 1966 heiratete Helmut Horten in zweiter Ehe die wiener Stenotypistin Heidi Jelinek, 25.

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