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Bonn/Ankara Überraschender Besuch

aus DER SPIEGEL 35/1996

Die Reisepläne des neuen türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan, 70, stören das Verhältnis zwischen den Nato-Partnern Bonn und Ankara. Der islamistische Premier will privat Mitte September den streng moslemisch ausgerichteten Türken-Verein »Milli Görüs« in Deutschland besuchen. Die Bundesregierung wurde davon nicht informiert.

Im Auswärtigen Amt waren Erbakans Reisepläne letzte Woche »völlig unbekannt«. Eine Reise würde dort als »öffentliche Demonstration« und Affront verstanden.

Milli Görüs ("Nationale Weltsicht") steht der fundamentalistischen türkischen Wohlfahrtspartei (Refah) nahe, deren Vorsitzender Erbakan ist. Beim Verfassungsschutz gilt der deutsche Ableger als radikale Propaganda-Organisation für eine »weltweite Islamisierung«. Seine Wahl verdankt Erbakan auch den Stimmen der Fundamentalisten in Deutschland.

Mit dem Geld seiner 30 000 bis 40 000 Mitglieder, großenteils Kaufleute und Unternehmer, unterstützte der mächtige Klub den Wahlkampf der Refah in der Türkei. Zur Wahl am 24. Dezember organisierten türkische Reisebüros sogar Heimflüge Tausender Sympathisanten zu Spottpreisen.

Die Reisediplomatie Erbakans wird im Westen seit Wochen mit wachsender Besorgnis registriert. Als erstes gab der türkische Regierungschef ausgerechnet dem Mullah-Regime in Iran die Ehre. Danach kümmerte er sich um andere radikale Glaubensbrüder, die Diktatoren in Libyen, Irak und Syrien.

»Das verletzt den politischen Komment«, sorgen sich Beamte im Auswärtigen Amt, »die Signale nehmen wir ernst.«

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