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ZEITGESCHICHTE Überraschung des Jahres

Ein jetzt entdecktes Geheimpapier von Generalen der Wehrmacht wirft die Frage auf, ob Hitlers Truppen Leningrad im Giftgaskrieg erobern wollten. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Auf den Hügeln rings ums flandrische Wervik geriet der 29jährige Gefreite Adolf Hitler »in ein mehrstündiges Trommelfeuer von Gasgranaten« - die britischen Angreifer verschossen Gelbkreuz, das gefürchtete Nervengas.

Viele von Hitlers Kameraden starben. »Um mich«, schrieb er später in »Mein Kampf«, »war es finster, die Augen waren in glühende Kohlen verwandelt.« Der Gefreite fürchtete, »für immer zu erblinden«.

Im Lazarett zu Pasewalk in Pommern ertrug Hitler »stumm und stumpf« die Verletzungen. Doch bald schon ließ der »bohrende Schmerz in den Augenhöhlen« nach, und der Patient lernte, seine Umgebung »in groben Umrissen wieder zu unterscheiden«. Da hoffte er, »so weit wieder sehend zu werden, um später irgendeinem Beruf nachgehen zu können«.

Zwei Jahrzehnte später löste Hitler den Zweiten Weltkrieg aus. Das »Fieber des Gaskampfes« (Hitler) hatte er noch nicht vergessen - dennoch: Giftgas, völkerrechtlich durch das Genfer Protokoll von 1925 längst geächtet, lagerte auch in den Arsenalen seiner Armeen.

Die tückischen Waffen hatten harmlos anmutende Namen wie Lost, Tabun und Sarin. Sie wurden in großkalibrige Granaten abgefüllt, die farbige Kennzeichen trugen: Gelbring, Grünring, Blauring oder Weißring. 1941 lag die Jahresproduktion deutscher Laboratorien bei gut 12000 Tonnen.

Daß die Nerven-, Haut- und Lungengifte bei den Generalstäblern als taktische Waffen umstritten waren, ist seit langem bekannt: Drehende Winde drohten, die eigene Truppe außer Gefecht zu setzen. In den Stellungskämpfen des Ersten Weltkriegs war Giftgas-Einsatz noch berechenbar, in Hitlers »Blitzkriegen« war er so gut wie ausgeschlossen.

Neu ist das erstaunliche Faktum, daß deutsche Generale sehr wohl präzise Überlegungen angestellt haben, mit einer Giftgas-Schlacht ohnegleichen die am heftigsten und am längsten umkämpfte Stadt des Ostens zu nehmen und zu liquidieren: Leningrad.

Ein Aktenstück, das der hessische Historiker und Politologe Günther W. Gellermann, 55, bei Recherchen im Freiburger _(Im Führerhauptquartier, mit ) _(Generalfeldmarschall Brauchitsch und ) _(Generaloberst Halder. )

Militärarchiv entdeckt hat und das er im April publizieren will, belegt, daß das Vorhaben exakt durchgerechnet war. Offenbar haben nur wenige Militärs davon gewußt; die »Geheime Kommandosache« gab es in fünf Ausfertigungen, ein Verteilerschlüssel fehlt. _(Günther W. Gellermann: Der Krieg, der ) _(nicht stattfand«. Verlag Bernard & ) _(Graefe, Koblenz; 264 Seiten; 48 Mark. )

Am 8. September 1941 hatte die Belagerung Leningrads begonnen, erst 872 Tage später sollte sie enden - als die Rote Armee die Stadt befreite. Das frühere St. Petersburg war, wegen seiner Lage am Finnischen Meerbusen und an der strategisch wichtigen Bahnstrecke von Leningrad nach Murmansk, das Versorgungszentrum des nördlichen Stalin-Reiches. Die Stadt beherbergte Rüstungsfabriken und Werften, im Hafen lag ein Teil der »Rotbanner«-Flotte mit schweren U-Booten.

Fast vier Millionen Menschen lebten damals in und um Leningrad, unter ihnen Hunderttausende von Flüchtlingen. Tag für Tag nahm die deutsche Artillerie die Stadt unter Beschuß, die Luftwaffe warf tonnenweise Bomben ab.

In der Stadt wüteten Hunger und Seuchen, allein im Winter 1941/42 starben mehr als 630000 Kinder, Frauen und Männer. Doch Leningrad, die später so gerühmte »Stadt der Helden«, fiel nicht. Da orderte Hitler, im August 1942, »Artillerie in einer Massierung, wie sie seit den Kämpfern um Verdun nicht mehr zusammengebracht« worden sei, und verlangte »den größten Feuerzauber der Welt«. Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachts-Führungsamtes, pflichtete ihm bei, die »restlose Zerstörung« Leningrads sei »unbedingte Notwendigkeit«. Hitlers Befehl: _____« Tempo 1: Leningrad abschließen und Verbindung mit den » _____« Finnen suchen. Tempo 2: Leningrad besetzen und dem » _____« Erdboden gleichmachen. »

Doch schon die erste Phase des Rußland-Feldzuges mit ihrem »hohen Munitionsverbrauch« (Autor Gellermann) hatte die Wehrmacht »zu Überlegungen gezwungen, »auf welche Weise die gleichen Ziele ohne einen so hohen Materialeinsatz erreicht werden könnten«. Als »Aushilfe«, vermerkt das nun aufgespürte Giftpapier, biete sich das Giftgas an.

Die Gasmunition sei, formulierte Ende November 1941 die Studie der »Abteilung Heeresversorgung«, besonders »mit Stellungskrieg und bei Durchbruch durch tiefgestaffelte Stellungen wirtschaftlicher im Erfolg« als normale Brisanzmunition. Und: _____« Den Kampfstoff-Einsatz selbst kann man in diesem » _____« Krieg, auf die Dauer nicht vermeiden. Derjenige, der in » _____« Not kommt, wird immer zu ihm als ultima ratio greifen... » _____« In jedem Jahr bereiten wir unseren Freunden eine große » _____« Überraschung. Der Gaskrieg kann die Überraschung des » _____« Jahres 1942 sein! »

Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest wurde, wohl auf Weisung des Generalstabschefs des Heeres, Generaloberst Franz Halder, der »Kampfstoffbedarf Leningrad« festgelegt und dabei »als Ziel angenommen: Ausschaltung des Widerstandes der Truppe und der Zivilbevölkerung. Die Stadt muß in Besitz genommen werden«. Für den Erst-Angriff, errechneten die Vernichtungs-Arithmetiker, genügten 720000 Schuß Grünring, Blauring und Gelbring aus leichten und schweren Feldhaubitzen. Da der Ist-Bestand solcher Gifte am Stichtag 1. Oktober 1941 bei knapp 1,5 Millionen Schuß lag, sei der »Einsatz also möglich«, versicherten die Planer.

Die Granaten sollten per Bahn nach Leningrad geschafft werden. »Angriff«, so die Generalquartiermeisterei, »kann etwa 30 Tage nach Befehlserteilung beginnen.« Der zweite Schritt des geplanten Überfalls, »Vergiftung Leningrads« in einem Umkreis von mehr als 200 Quadratkilometern, hätte für Hunderttausende Menschen den sicheren Tod bedeutet. Die Giftplaner nahmen an, daß für das qualvolle Ende der Großstadt 1,35 Millionen Gelbkreuz-Granaten benötigt würden. Zum damaligen Zeitpunkt aber stand »Munition in diesem Umfang bei weitem nicht zur Verfügung«, resümierten die Schreibtisch-Strategen.

Die von Gellermann aufgetane Quelle offenbart nicht, ob Hitler von den geheimen Planspielen seiner Militärs wußte. Er selber jedenfalls hatte sich - vielleicht wegen Wervik und der Folgen - den Einsatzbefehl vorbehalten. Sicher jedoch ist, daß Hitler während der Leningrad-Belagerung befahl, die Giftproduktion auf »monatlich 7000 t« zu forcieren. Hitler nahm, so Gellermann, den »Beginn eines Gaskrieges für den 1. April 1943 an«.

Den Alliierten in Moskau und London blieben die deutschen Überlegungen und Aktivitäten offenbar nicht verborgen. Englands Winston Churchill drohte, »im Falle eines unprovozierten Angriffs auf unseren sowjetischen Verbündeten mit Gas« sich so zu »verhalten, als wären wir selbst mit Gas angegriffen worden«.

Später beauftragte der Kriegspremier seine Generalität, »sehr ernsthaft über das Problem einer Gasanwendung nachzudenken«. Auch dieses Schreiben, das Gellermann im Londoner Public Record Office aufspürte, war den Historikern bislang unbekannt. »Wir könnten«, so Churchill, »die Städte an der Ruhr und viele andere derart überschütten, daß der größte Teil der Bevölkerung eine ständige medizinische Behandlung benötigt.« Wenn »Deutschland mit Giftgas durchtränkt« würde, so Churchill an General Hastings Lionel Ismay, Chef des Stabes im Kriegsministerium, »dann sollte es hundertprozentig sein«.

Hitler verzichtete auf den Gaseinsatz. Churchill ebenso. Der später hingerichtete Hitler-Begleitarzt und Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, Karl Brandt, reklamierte es in kleinem Kreis als sein »Verdienst, diesen letzten Verzweiflungsschritt unterbunden zu haben«.

Mehr als vierzig Jahre nach Kriegsende ist Hitlers Giftgas für die Ostsee-Anrainer weiterhin eine tödliche Bedrohung: Die siegreichen Alliierten versenkten große Mengen erbeuteter deutscher Giftgas-Granaten auf den Grund der Ostsee. Dort rosten sie vor sich hin. 1200 Kilometer entfernt von Leningrad. _(Während des Beschusses durch die ) _(deutsche Artillerie. )

Im Führerhauptquartier, mit Generalfeldmarschall Brauchitsch undGeneraloberst Halder.Günther W. Gellermann: Der Krieg, der nicht stattfand«. VerlagBernard & Graefe, Koblenz; 264 Seiten; 48 Mark.Während des Beschusses durch die deutsche Artillerie.

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