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»Üble Strohköpfe mit Spitzelmentalität«

Auszüge aus Freya Kliers neuem Buch »Abreißkalender« *
aus DER SPIEGEL 40/1988

SEPTEMBER/OKTOBER 1983

Die Stasi interessiert sich für alles, was im Schwedter Theater so läuft. Ihre »Kundschafter« verfügen über ein kleines Kabuff unmittelbar neben der Bühne (zu dem ausschließlich sie einen Schlüssel haben, sonst niemand). Fast den ganzen Tag bewegen sie sich durchs Theater, tauchen mal hier und mal da auf, die Lauscher stets auf Empfang gestellt. Da sie nicht unmittelbar in unsere Arbeit eingreifen, jucken sie uns nicht sonderlich.

29. OKTOBER 1983

Nur wenige Minuten vor Premierenbeginn des Stückes »Legende vom Glück ohne Ende« von Ulrich Plenzdorf passiert etwas Schreckliches. Der Beleuchtungsmeister sucht mich im Foyer auf, er muß mich dringend sprechen, unter vier Augen. Soeben, nach dem ersten Klingeln, berichtet er, habe ihn einer der beiden Stasi-Typen in der Meisterkabine aufgesucht: ein Klinkenkabel in der Hand, an dessen Ende etwas abgebrochen war. Er bittet ihn, den Schaden sofort zu beheben, und verschwindet dann wieder im kleinen Kabuff neben der Bühne. Ein solches kabel, versichert mir der Meister, besitzt das Theater gar nicht. Es handelt sich um ein spezielles Kabel für eine Video-Kamera ... Gänsehaut. Der Verdacht, der seit langem durchs Theater geistert. Dieses Stasi-Kabuff hat nämlich eine Besonderheit - sein Fenster geht in den Zuschauerraum. Von innen ist es mit einer unauffllig grauen Farbe zugestrichen, so daß man in den Raum nicht hineinsehen kann. Vor ein paar Monaten erzählte ein Techniker, daß er am Vormittag am Kabuff vorbeigegangen sei - und zwar genau in dem Moment, als sich die Tür von innen öffnete und einer der Stasi-Typen heraushuschen wollte. Für zwei Sekunden hatte er die Glasscheibe im Blick - und konnte von der Tür aus ohne Schwierigkeiten durch sie hindurch in den Zuschauerraum gucken. Wir waren baff. Offensichtlich hatte man die Glasscheibe mit einem Material beschichtet, das nur von einer Seite durchsichtig ist. Wir stellten uns damals vor, wie uns die Stasi beim Inszenieren beobachtet. Da wir uns jedoch längst damit abgefunden hatten, ohnehin ständig observiert zu werden, kratzte uns das

nicht sonderlich. Diesmal ist es ein Schock ...

Während das Licht ausgeht, beherrscht mich die Vorstellung, wie die Stasi jetzt ihre Kamera auf die Zuschauer richtet. Wie sie jede Regung, jedes Lachen im Film festhält, jede Reaktion auf eine politische Spitze. Wie sie in den nächsten Wochen zeitlupenhaft einzelne Gesichter rausholen und Identitäten feststellen wird. Jeder, der hier ahnungslos im Zuschauerraum sitzt und meint, nichts anderes zu tun, als eben Theater zu sehen, liefert ihnen genau jetzt ein Stück seines Psychogramms.

ENDE JANUAR 1984

Seit Monaten werden wir in unserem Friedenskreis von der Stasi heimgesucht. Freitag für Freitag, pünktlich 20 Uhr, treten sie an. Um zu stänkern, um die Arbeit der Gruppe zu lähmen. Die meisten von ihnen sind üble Strohköpfe mit Spitzelmentalität, dumpfe Burschen, die in allen Jahrhunderten das gleiche Handwerk betreiben. Dazwischen ein paar Apparatschiks und verkniffene, farblose Frauen. Dann noch zwei, drei, die nicht auf Anhieb ins Bild passen, die intelligenter sind und über eine gewisse Sachkenntnis verfügen. Vermutlich Stasi-Elite. Wir heißen sie allgemein »die Lutze«, weil jeder dritte von ihnen sich mit »Lutz« vorgestellt hat - in der Auswahl ihrer Decknamen ist die Stasi nicht eben erfinderisch.

Auszumachen sind sie zunächst durch die Pünktlichkeit, mit der sie um 20 Uhr zur Erfüllung ihres Klassenauftrags antreten. Damit heben sie sich kontrastreich vom Gros unserer Friedensfreunde ab, die entweder Kinder haben oder gerade im Begriff sind, ihre Individualität auszubauen, und das schließt offenbar preußische Pünktlichkeit aus. So passiert es häufig, daß wir uns freitags 20 Uhr im Verhätnis 2:1 gegenübersitzen. Das heißt: Auf je zwei Stasi-Leute kommt ein Friedensfreund - eine unbehagliche Mischung, die sich nur zäh und viertelstundenweise verschiebt. Wie das ändern? Freitag ist offener Abend, da kann jeder kommen. Rausschmeißen ist also nicht.

Ihre Wirkung ist eine langzeitliche. An den Abenden selbst lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen, sind vor allem rhetorisch gewandter. Wir tricksen und schalten sie aus, bilden kleine Untergruppen, in denen wir sie geschickt zusammenfassen, damit wenigstens einige noch zu inhaltlicher Arbeit kommen.

Doch ihre zersetzende Wirkung zeigt sich über die Monate. Viele von uns haben über dem Gerangel die Lust verloren und sind irgendwann weggeblieben. Wir fühlen uns erschöpft und haben doch eigentlich gar nicht so viel zustande gebracht wie in den Zeiten davor.

Auch die Geschmacklosigkeiten nehmen zu. Diesmal trifft es unsere Pastorin, eine kleine und wackere Frau. Um sie mürbe zu machen, verteilt die Stasi Postkarten in unsere Briefkästen. Drauf zu sehen ist ihr Ehemann - der hat per Photomontage ein paar Hörner auf den Kopf bekommen, von (auch noch gegenstandslosem) Ehebruch ist die Rede. Wir feixen - wir kennen das schon. Doch unsere Pastorin ist fertig. Die Aktion zeitigt also Erfolg. Darum setzen sie noch eins drauf. Kurze Zeit später erhält sie ein paket mit einem Befriedigungsapparat - für solch edle Zwecke gibt die Stasi schon mal ein paar Devisen aus. Die Frau gerät an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ich rate ihr, ihnen nicht zu zeigen, wie getroffen sie ist, das Ding einfach ans Ministerium für Staatssicherheit zurückzuschicken mit dem Vermerk, das sei nicht ihre Größe. Vergeblich. Die Theologin ist derart tief in ihrer Würde, in ihrem Schamgefühl verletzt, daß sie unfähig ist, überhaupt zu reagieren. Ihr Mann braucht Wochen, um sie wieder ein wenig zu lösen.

12. MAI 1986

Die Stasi baut Stephan eine Falle, will ihn kriminalisieren. Es ist bekannt, daß Krawczyk-Kassetten im Land kursieren, daß er selbst in seiner Wohnung Kassetten überspielt und diesbezüglich ein reges Bringen und Holen herrscht. Heute vormittag, gegen zehn Uhr, ruft ein Mann an. Er habe von einem Freund gehört, Krawczyk vervielfältige Kassetten von Degenhardt und eigenen Liedern. Er habe einen Freund in Dortmund, dem er gern eine Krawczyk-Kassette schenken möchte. Stephan, als notorischer Nachtarbeiter um diese Zeit kaum zu einem klaren Gedanken fähig, notiert vertieft Namen und Adresse des Mannes und sagt zu, auf dem Weg in eine andere Stadt gegen 13 Uhr vorbeizukommen und eine Kassette zu bringen. Kurz nachdem er aufgelegt hat, erfaßt er die Situation. Allein dieses Gespräch, das mit Sicherheit auf Band aufgezeichnet wurde, reicht aus, um ihn zu verhaften: Er ist damit wissentlich am Transport seiner Kassette in den Westen beteiligt.

Ein Freund von Stephan, ein Arzt mit Liederambitionen, hat vergangenes Jahr für ein ähnliches Kassetten-Delikt mehrere Monate im Knast gesessen. Was tun? Vergeblich sucht Stephan nach einer Telephonnummer, die zu dieser Adresse gehört, es gibt sie natürlich nicht ... Jetzt können wir nur noch hoffen, daß der Typ sich noch mal meldet. Auf keinen Fall hinfahren.

Gegen 15.30 Uhr klingelt das Telephon. Ein Herr Mende meldet sich und fragt, wo denn Herr Krawczyk bleibe, er sei mit ihm für 13 Uhr verabredet gewesen. Ich laufe puterrot an und rufe, statt einer Antwort, laut und deutlich zu Rahman hinüber, er möge doch bitte mal die Badtür schließen. Damit signalisiere ich dem Stasi-Typ, daß ich dieses Gespräch unter Zeugen führe. Dann weise ich »Herrn Mende« scharf darauf hin, daß

er als DDR-Bürger doch die Gesetze dieses Landes kenne und wissen müßte, daß er eine Gesetzesverletzung plane. Herr Krawczyk werde ihm selbstverständlich keine Kassette zur Verfügung stellen. »Herr Mende« ist erst mal verblüfft. Dann meint er, sein Freund habe ein besonderes Visum, er würde nicht kontrolliert - und hätte im übrigen schon mehrmals Kassetten hin- und hertransportiert. Ich bin empört, wiederhole nachdrücklich mein Verslein und lege auf. »Herr Mende« meldet sich nicht wieder.

10. FEBRUAR 1987

Die SED zieht seit Jahresbeginn eine landesweite Verleumdungskampagne durch, die sich vor allem gegen Stephan und seine Lieder richtet und gegen unser neues Stück »Pässe, Parolen«. Die Meidungen dringen aus allen Ecken zu uns. Es handelt sich um Gerüchte - dazu angetan, die Spezies Superintendent und Gemeindekirchenrat arg zu verschrecken. Von Obszönitäten am Altar ist die Rede und von Rassismus gegenüber Farbigen, vom »Ding eines Kameltreibers, das er einer weißen Frau reinsteckt, weswegen man allen Kameltreibern die Schwänze abhauen sollte ...« Die Verleumdungen sind harter Tobak - sie verfehlen nicht ihre Wirkung auf empfindsame bis prüde Christengemüter. Gleichzeitig erhält jene Berliner Superintendentin, die der Gemeinde vorsteht, in der wir zur Zeit mehrmals »Pässe, Parolen« spielen, eine Ladung Protestbriefe von Jugendlichen. Die Briefe sind en bloc gearbeitet und offenbar unter Anleitung verfaßt, denn sie ähneln sich wie untergliederte Schulaufsätze. Zunächst wird das gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche gelobt (als würde jemals einen FDJ-Jugendlichen das Verhältnis von Staat und Kirche interessieren!). Dann wird der Pfarrer beschimpft, daß er den Staatshetzern die Tür öffnet (gemeint sind Stephan und ich) und damit das gute Verhältnis von Staat und Kirche empfindlich stört.

7. - 9. MAI

Auftritte mit »Pässe, Parolen« in Jena, Erfurt und Gera. Gysi, oberster SED-Chef für Kirchenfragen, hat, so erfahren wir, die Bischöfe Thüringens und der Kirchenprovinz persönlich zur Absage unserer Auftritte aufgefordert - ansonsten sähe er eine extreme Gefährdung des »guten Verhältnisses von Staat und Kirche«. Immer stärker und parallel zur Beschwörung beginnt der Staat die Kirche für ihren Ungehorsam zu strafen. Ein Pfarrer ist für einen Auftritt von Krawczyk bereits mit einer Ordnungsstrafe von 500 Mark belegt worden. Er weigert sich zu bezahlen, wir stellen die Verbindung zu Rechtsanwalt Schnur her. Wir fahren fast nur noch mit Geleitschutz von Staatssicherheit durchs Land. Drohgebärden, Versuche der Einschüchterung.

Der kleine Spaziergang zwischenrein in die Natur wird jetzt zum Problem.

5. JUNI

Die Stasi versucht alles, um die Aufführung von »Pässe, Parolen« zu verhindern. Mitglieder des Gemeindekirchenrats wurden gestern aus ihren Betrieben geholt, zur SED gefahren und als Staatsbürger unter Druck gesetzt: Sie sollten ihren Beschluß revidieren, wenn nötig gegen den Pfarrer, unser Stück auf jeden Fall ausladen. Um ihrer Forderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, hatten sie für jeden eine spezifische Drohung parat - dem einen sollte im Negativfall die berufliche Lizenz entzogen, einer Frau der Ausbildungsplatz für ihre Tochter gestrichen werden.

Im Anschluß an eine lange Vormittagssitzung, die unter Teilnahme mehrerer Pfarrer stattfindet, entscheidet der Gemeindekirchenrat mit einer Stimme Mehrheit für unseren Auftritt. Diese mutige Entscheidung fährt mir unter die Haut. Die Kirche am Nachmittag ist leerer als erwartet. Nachdem ein erfolgreicher Tramper aus Dessau eintrifft, klärt sich die Leere auf: Die Busse der Strecke Dessau-Wörlitz werden heute erst nach Beendigung unseres Auftritts wieder eingesetzt. Auf Anweisung der Staatsorgane rücken sie bis dahin nicht aus dem Busbahnhof aus. An den Haltestellen von Dessau sollen Menschen sich die Beine in den Bauch stehen. (Diese Maßnahme trifft natürlich auch Ausflügler, die einfach nur mal Pfingsten durch den Wörlitzer Park flanieren wollten.)

12. OKTOBER

Die Stasi ziegelt eine Krawczyk-Hysterie in den Kirchen auf, die ihresgleichen sucht. Die Gerüchte wuchern wie die Grasflechte: ganz zu schweigen vom Ausreiseantrag, den angeblichen Obszönitäten und dem Rassismus - jetzt wird Krawczyk auch noch zum Lockspitzel der Staatssicherheit diffamiert. Er locke die Jugendlichen (quasi wie der Rattenfänger von Hameln) in die Kirche, damit die Stasi alle Sympathisanten leichter identifizieren könne ...

23. NOVEMBER

Ein Brecht-Abend in der Golgathagemeinde.

Um die Ausladung Krawczyks zu erzwingen, haben die Staatsorgane dem Pfarrer mitgeteilt, »... es sei mit Skinheads zu rechnen.«

Tatsächlich ist ihnen zuzutrauen, daß sie welche auf die Spur setzen. Vor kurzem erst haben Skinheads hier die Nachbarkirche überfallen. Die Bullen, die bereits die Kirche umstellt hatten und auf die Skinheads warteten, ließen sie erst mal seelenruhig in die Kirche, zum Aufmischen. Dann erst wurde festgenommen. Das steckt hier allen noch in den Knochen.

Und wenn die Stasi den Skinheads über ihre V-Männer einträufelt, Krawczyk sei ein Punker oder Jude, dann ist nicht auszuschließen, daß sie aufmarschieren.

Abends vor dem Gemeindehaus massiver Polizeieinsatz, mit Hunden und Ausweiskontrolle. Die Stimmung ist nicht gut.

25. JANUAR 1988

Ein lautes Geräusch, ich schrecke aus dem Schlaf. Bin für Sekunden wie benommen, habe keinerlei Gegenwartsbezug ... Als es noch einmal laut an die Wohnungstür klopft, springe ich hoch: Das sind sie!

Draußen ist es stockdunkel, beim dritten Male donnert es an die Tür. Mein Kopf, während ich hinausstolpere, gleicht einer Sirene. Ich öffne und habe eine Klappkarte vorm Gesicht: »Frau Krawczyk, ziehen Sie sich an, Sie sind verhaftet!«

»Ich weiß«, murmle ich. Meine Antwort verblüfft den Stasi-Chef.

Im hellen Lada, zwischen den Organen durch den morgendlichen Berufsverkehr, errichte ich ein Gitter um mich. In der Effektenkammer das Altbekannte - alles ausziehen, alles abgeben, sich ins Arschloch gucken lassen. Demütigungen, die wohl noch das Jahrhundert überdauern werden. Als mir ein blauer Trainingsanzug und weiße Kniestrümpfe gereicht werden, weigere ich mich, die Sachen anzuziehen, und poche auf die Anstaltsordnung. Die Stasi-Beamtin bekommt einen schrillen Ton, ich werde störrisch. Sie verläßt den Raum. Als sie zurückkommt, darf ich mit Ausnahme der Strumpfhosen meine Privatsachen wieder anziehen.

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