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Briefe

Übliche Heuchelei
aus DER SPIEGEL 46/1980

Übliche Heuchelei

(Nr. 43/1980, SPIEGEL-Essay von Ephraim Kishon: Eine Orgie der Heuchelei)

Als Chefredakteur der politisch gemäßigten, liberalen israelischen Tageszeitung »Haaretz«, als entschiedener Gegner der nationalistischen Politik der Regierung Begin und als jemand, der kein politischer Freund von Ephraim Kishon ist, lege ich Wert darauf zu erklären, daß ich jedes Wort seines SPIEGEL-Essays unterschreibe.

Ihr Versuch, die Wirkung von Kishons Ausführungen abzuschwächen, indem Sie hervorheben, daß er ein rechtsstehender israelischer Nationalist ist, ist ein Beispiel für die in Westeuropa heute Israel gegenüber übliche Heuchelei, die Kishon in seinem Essay kennzeichnet.

Tel Aviv GERSHOM SCHOCKEN

Mal Öl beiseite, Herr Kishon. Ich lese Sie sonst gern. Aber welches Ansehen soll denn in der Welt ein Staat haben, der alle paar Jahre mit Gewalt sein S.9 Territorium ein paar Quadratkilometer erweitert?

Essen HANS BRINGS

Mitte der sechziger Jahre fragte mich Patent-Israeli Ephraim Kishon bar jeglichen Humors: »Warum leben Sie nicht in Israel?« Ich -- mit der typisch jüdischen Gegenfrage --: »Wären denn Sie in Israel, wenn Ihre ungarische Heimat nicht kommunistisch geworden wäre?« Kishon -- nach Schrecksekunde ehrlich: »Möglicherweise nein.« (Zeuge des Gesprächs: der Frankfurter Kabarettist und Autor Rudolf Rolfs.)

München KLAUS BUDZINSKI

In der Sache hat Ephraim Kishon recht, weil die bekanntlich besonders frommen Juden aus der Sowjet-Union das Land Israel heute nicht einmal mehr als Nachtasyl in Anspruch zu nehmen brauchen. Doch sein Zorn und seine Schmäh gegen Henri Zoller gehen doch zu weit -- auch für einen Satiriker. Deshalb möchte ich Herrn Kishon an ein altes evangelisches Kirchenlied aus dem Zyklus »Kreuz- und »nfechtungslieder« erinnern: Ephraim, was soll ich machen? sprich« » des Allerhöchsten Mund. Soll ich Deiner Angst nicht lachen, » » Dich verderben auf den Grund? Israel, soll ich Dich schützen, » » Dich nicht vielmehr lassen schwitzen in der Drangsal, in der » » Not, Dich verfolgen auf den Tod? »

In den folgenden drei Strophen beläßt es der Allerhöchste in seiner Barmherzigkeit dann beim Schwitzen.

Und den Bauchtanz würde ich islamischen Jungfrauen überlassen -- aus S.10 ästhetischen Gründen, denn die schwitzen nicht.

Köppern (Hessen) HEINZ LUDWIG

Sicher kann man manches Negative über den Staat Israel sagen. Aber gibt es einen arabischen Henri Zoller, der seinem Land mit dem gleichen kritischen Intellekt gegenüberträte wie der israelische? Ich hege für diesen SPIEGEL-Zoller den höchsten Respekt.

Hamburg LUTZ WEIL

Verschrobenes Modell

Heutzutage finden die notorischen Henker von Bagdad und Damaskus und selbst der Fernfememörder aus Tripolis -- Opfer in Athen, Bonn, London, Rom -- in den Medien scheinbar mehr Nachsicht als der sture Begin.

Israel mit seinem verschrobenen Modell einer bürgerlich-okzidentalen Demokratie kann eben nicht anstinken gegen die Fortschrittler am Euphrat und an den beiden Syrten, denen als patentierten Revolutionären das vergossene Blut nicht mit dem Fingerhut nachgemessen und angekreidet werden darf wie den verwestlichten, imperialistischen, rassistischen und sich obendrein noch legalistisch gebenden Israelis.

Wenn dann noch der intellektuelle Eiertanz der nach Öl hechelnden Moralpolitiker aus dem untergehenden Abendland hinzukommt, dann muß sich Israel schon damit abfinden, fürs nächste von der Anklagebank nicht herunterzukommen.

Was Henri Zoller über das Israel von heute berichtet, ist wohl richtig. Es stimmt schon, daß Israel abgewichen S.9 ist vom tugendhaften Pfad zum sozialistischen Utopia, daß Israel sich heute alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme leistet, die, ohne seine mildernden Umstände, andere Länder auch nicht zu lösen wissen.

Will man gar Jacques Derogys Buch »Israel Connection« Glauben schenken, dann steht selbst seine florierende Unterwelt der anderer Länder durchaus nicht nach -- wenngleich ein stibitzender Religionsminister ein Novum in der Kriminalgeschichte sein dürfte.

»Ein guter Mensch sein, ja, wer wär's nicht gern«, sagt Brecht, aber die Verhältnisse zeigen nun einmal, daß Juden und damit auch die Israelis nicht nur nicht andere, sondern auch nicht bessere Menschen sind -- was alle echten Antirassisten nur erfreuen sollte.

In einer Welt aber, in der seit jeher um das Schicksal der Völker mit gezinkten Karten gekungelt wird, wird sich auch Israel leider nur mit den Mitteln der Macht behaupten können, aber auch wie bisher mit einem Mindestmaß an Amoral -- den versammelten Moralisten in der Uno zum Trotz.

Senlis (Frankreich) HARRY O. BECKER

S.9

Ephraim, was soll ich machen? spricht des Allerhöchsten Mund. Soll

ich Deiner Angst nicht lachen, Dich verderben auf den Grund? Israel,

soll ich Dich schützen, Dich nicht vielmehr lassen schwitzen in der

Drangsal, in der Not, Dich verfolgen auf den Tod?

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