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Briefe

Ulrike lebte immer in Angst«
aus DER SPIEGEL 22/1976

Ulrike lebte immer in Angst«

(Nr. 20/21, 1976, Deutschland: Der Tod von Ulrike Meinhof)

Dreißig Jahre lang, von ihrem 5. bis 35. Lebensjahr, habe ich Ulrike Meinhof gut gekannt, besser jedenfalls als viele, die jetzt über sie reden und schreiben. Es ist barer Unsinn, daß »Ulrike einmal Nonne hatte werden wollen«. Sollte sie dies jemandem mal erzählt haben, dann wollte sie ihn auf den Arm nehmen oder sich selber ironisieren. Sie war im Protestantismus ihres Elternhauses tief verwurzelt. Eine Klosterfrau zu werden, das lag ihr so fern wie die Arktis.

Was die Deutungsversuche der Ursache des »point of no return« für Ulrike betrifft, so geht »der amerikanische Psychoanalytiker und Terrorforscher« Friedrich Hacker total in die Irre. Die »Kindheitserlebnisse«, die nach seiner Meinung einen Schlüssel zur Persönlichkeit Ulrike Meinhof bieten, gab es nicht. Sie fanden nicht statt. Der Vater ist nämlich nicht »nach schweren Depressionen«, sondern infolge eines Krebsleidens gestorben, das seine Frau tapfer und liebevoll mit ihm durchgestanden hat. Das und nichts anderes hat Ulrike erlebt. An einem »Trauma« im Hinblick auf ihre Eltern litt sie nicht. Die Schlusse Hackers beruhen auf theoretischen Gedankenspielen, die von irrigen Voraussetzungen ausgingen. Ich werde fortan Zweifel an seiner Wissenschaftlichkeit hegen.

Wenn es für Ulrike ein »Trauma« gegeben hat, so hätte es allenfalls in der Erfahrung gelegen, daß ihre beiden Eltern jung an Krebs gestorben sind.

Das US-Nachrichtenmagazin Time« kommt mit seiner Version der Sache zwar nicht auf den Grund, aber doch näher, wenn es an die schwere Gehirnoperation Ulrikes (1962) erinnert. Sie lebte in der Tat immer in der Angst, daß der angeklammerte Gehirntumor wieder virulent werden könnte.

Von daher erklären sich auch die vom SPIEGEL veröffentlichten Aufzeichnungen Ulrikes aus der Köln-Ossendorfer Haft ("es explodiert einem der Kopf ...«, »das Rückenmark ins Gehirn gepreßt ...« »ununterbrochen unter Strom ..."). Ähnliches schrieb sie auch vor und nach ihrer Gehirnoperation. Das nimmt von der »Tortur« rigoroser Haftbedingungen jedoch nichts hinweg. Es bestätigt allerdings die Diagnose des vom Gericht bestellten Psychiaters Prof. Dr. Wilfried Rasch.

Alsbach (Hessen)

PROFESSOR DR. RENATE RIEMECK zwischen ihrer Pflegemutter, der späteren Professorin Dr. Renate Riemeck (l.), und ihrer Mutter, Dr. Ingeborg Meinhof.

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