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Rundfunk Um Antwort wird gebeten

Die Hörerbeteiligung bei Radio- und Fernsehsendungen ist für die Post ein einträgliches Geschäft: Auch wer nicht durchkommt, muß Telefongebühren zahlen.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Der Moderator Wolfgang Walker vom Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart ist einer der meistgehörten Männer des Landes. Von Montag bis Donnerstag zwischen 15 und 16 Uhr ist er auf Sendung.

»SDR 1 - U. A. w. g., um Antwort wird gebeten«, heißt die Sendereihe, in der Walker seine Zuhörer auffordert, mit Sorgen, Kontaktwünschen oder der Suche nach einem Kanarienvogel bei ihm anzurufen. Motto: »Hörer fragen Hörer.« Wer mitmachen will, wählt 071-5531.

Anrufe kommen nicht nur aus dem SDR-Sendegebiet, sondern aus ganz Baden-Württemberg, aus Hessen und Bayern, und - da die Sendung auch über Kurzwelle ausgestrahlt wird - häufig sogar aus der DDR, aus Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz.

Doch die wenigsten kommen durch. Monate-, jahrelang, sagen enttäuschte Walker-Verehrer, hätten sie's vergebens versucht.

Kein Wunder: Zwar umfaßt die Mitmacher-Nummer zehn Leitungen, aber nur zwei sind leibhaftig besetzt. Die anderen acht werden von einem Tonband bedient: »Hier Süddeutscher Rundfunk«, sagt eine Frauenstimme, »wegen Überlastung unserer Abfrageeinrichtung kann Ihr Anruf leider nicht beantwortet werden.«

Geduldig lassen sich beharrliche Anrufer - viele mit automatischer Wahlwiederholung in ihren Telefonen - immer und immer wieder so vom SDR abfertigen in der Hoffnung, doch mal dranzukommen. Was viele nicht wissen: Auch für jeden Mißerfolg kassiert die Post Gebühren.

Ein Mordsgeschäft. Denn ähnlich wie bei anderen Sendern auch sind die Drähte mit der nervenden Tonbandansage beim Südfunk nicht nur zur Walker-Stunde geschaltet. In die Telefonfalle geraten Tausende bei diversen SDR-Sendungen mit Hörerbeteiligung.

Einer hat sich jetzt beschwert.

Wilhelm Hübner, streitbarer Vorsitzender des Postbenutzer-Verbandes, wettert in Protest-Schreiben an Post und Sender gegen die »öffentlich-rechtliche Schlepp- und Neppgemeinschaft« von Rundfunkanstalten und Bundespost bei der Hörerbeteiligung - zum Beispiel beim Süddeutschen Rundfunk.

»Mißbrauch« nennt der Experte Hübner das Spiel des Senders mit den Telefonen: Denn acht von zehn zum Anruf Aufgeforderte seien ja von vornherein chancenlos.

Die Konsequenz folgt für den Postbenutzer aus der »Telekommunikationsordnung": Bei Mißbrauch müsse die Post »notfalls die Anschlüsse kündigen« (Hübner) - wie bei jedem anderen Telefonkunden auch.

Die Post wird sich hüten. Es sei gerade, so verteidigt Peter Selinger, Leiter der Zentraltechnik im Stuttgarter Funkhaus, den Telefontrick, eine Forderung der Fernmelde-Bürokraten gewesen, daß zehn Leitungen bereitstehen müssen. Nur so sei »eine befriedigende Dienstgüte zu sichern« - jedenfalls befriedigende Gebühreneinnahmen für die Post.

Alle zehn Leitungen aber im Studio statt am Tonband enden zu lassen hält Selinger für »fruchtlos«. Kein Funk- oder Fernsehmoderator könne alle Anrufer tatsächlich bedienen. Das Gros der Live-Interessenten müßte - ebenfalls gebührenpflichtig - von Helfern im persönlichen Gespräch vertröstet werden. Das wäre so unnütz wie teuer. Die Hörer, so wimmelt der SDR-Mann lästige Beschwerden ab, seien selber schuld: Die »freie Entscheidung eines jeden einzelnen«, sei es schließlich, ob er »anrufen will oder nicht«.

Ebenso einfach macht es sich die Post. Lakonisch heißt es beim Bonner Postministerium: »Es handelt sich nicht um ein technisches Problem der Bundespost, sondern um ein organisatorisches des Süddeutschen Rundfunks.« Allein vom Sender sei es zu vertreten, »wenn er das angereizte Verkehrsaufkommen« nicht bewältigen könne.

Angereizt reagiert auf den Telefon-Nepp mittlerweile nicht nur Postbenutzer Hübner. Weil sich auch bei anderen Sendern die Beschwerden häufen, wollen Post und ARD nun eine faire Lösung suchen.

Erster Schritt: Einrichtung einer »Arbeitsgruppe Massenanrufe«.

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